Verschwörungsmythen zum Krieg gegen Ukraine: Ungeimpfte und AfD-Wähler besonders anfällig
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Eine repräsentative Umfrage hat die Zustimmung in der Bevölkerung zu Verschwörungserzählungen über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gemessen. Erstaunlich viele Menschen glauben, Wladimir Putin kämpfe „gegen eine globale Elite, die im Hintergrund die Fäden zieht“.
© Quelle: IMAGO/ITAR-TASS
Berlin. Verschwörungserzählungen über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sind in Deutschland weit verbreitet und werden vor allem von AfD-Wählern und Ungeimpften geglaubt. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) exklusiv vorliegt.
Knapp ein Fünftel der Befragten stimmte verschwörungsideologischen Aussagen über den Krieg eher zu. In der Umfrage wurde die Zustimmung zu einer ganzen Reihe von Aussagen abgefragt. So stimmten rund 12 Prozent ganz und fast 20 Prozent zumindest teilweise der Aussage zu, Wladimir Putin gehe „gegen eine globale Elite vor, die im Hintergrund die Fäden zieht“.
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Skepsis gegenüber westlichen Medien
Dass Putin vom Westen zu einem Sündenbock gemacht werde, um von den wahren Problemen abzulenken, glaubten gut 15 Prozent der Befragten voll und ganz und etwa 16 weitere Prozent teilweise. Knapp 7 Prozent stimmten der unbelegten Verschwörungserzählung, die Ukraine betreibe zusammen mit den USA geheime Labore zur Herstellung von Biowaffen, vollständig zu und doppelt so viele teilweise.
Weit verbreitet ist der Umfrage zufolge eine Skepsis gegenüber westlichen Medien. Fast 14 Prozent stimmten der Aussage, man könne ihnen in der Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine nicht trauen, vollständig zu, mehr als 21 Prozent teilweise.
Am geringsten war die Zustimmung zu der Aussage, der Krieg diene nur der Ablenkung von der Corona-Pandemie – weniger als 4 Prozent stimmten ihr voll und ganz zu, und etwas mehr als 8 Prozent in Teilen. Ähnlich niedrig ist auch der Glauben an die russische Erzählung, der Krieg sei notwendig, um eine faschistische Regierung in der Ukraine zu beseitigen.
Unterschiede bei Alter und Wahlverhalten
Große Unterschiede konnte die Cemas-Studie zwischen verschiedenen demografischen und politischen Gruppen feststellen. Die höchste Zustimmung zu Verschwörungserzählungen über den Ukraine-Krieg gibt es demnach bei den 30 bis 49-Jährigen (etwa 24 Prozent), die niedrigste bei Menschen über 60 (rund 13 Prozent).
Noch eindrücklicher sind die Umfrageergebnisse mit Blick auf das Wahlverhalten: Fast 60 Prozent der AfD-Wählerinnen und -Wähler stimmen der Studie zufolge verschwörungsideologischen Aussagen zum Krieg zu. Bei den Linken-Wählern sind es immer noch 26 Prozent, unter FDP-Wählern rund 15. Die Wählerinnen und Wähler von CDU/CSU (knapp 12 Prozent) und SPD (circa 10 Prozent) unterscheiden sich in dieser Hinsicht hingegen kaum. Am geringsten ist die Zustimmung zu verschwörungsideologischen Aussagen demnach mit weniger als 4 Prozent unter Grünen-Wählern.
Die Wählerinnen und Wähler der AfD sahen auch am häufigsten eine Kriegsschuld der Ukraine, der USA, der EU und der Nato.
Die repräsentative Umfrage belegt darüber hinaus den Zusammenhang zwischen Corona-Verschwörungsmythen und solchen über den russischen Krieg gegen die Ukraine. Je mehr Impfungen Personen gegen das Coronavirus erhalten haben, desto weniger stimmen sie demnach verschwörungsideologischen Aussagen über den Krieg zu. Unter den Ungeimpften ist die Zustimmung zu solchen Aussagen mit etwas mehr als 56 Prozent am höchsten.
Ungeimpfte und Corona-Demonstranten glauben Verschwörungserzählungen besonders häufig
Auch unter Personen, die eine hohe Bereitschaft zum Protest gegen staatliche Corona-Maßnahmen haben, ist die Zustimmung mit ebenfalls 56 Prozent besonders hoch. Nur knapp 9 Prozent derer, die eine geringe Bereitschaft zu solchen Protesten äußerten, stimmten Kriegsverschwörungserzählungen zu.
„Die Ergebnisse zeigen noch einmal für die Gesellschaft auf, was wir für den digitalen Raum bereits belegen konnten: Wo Corona-Leugnung vorher das Thema war, wird nun der Angriffskrieg gegen die Ukraine verschwörungsideologisch aufgeladen“, sagte die Psychologin und Cemas-Geschäftsführerin Pia Lamberty dem RND. „Dementsprechend ist es wichtig, langfristig Strategien für den Umgang zu entwickeln. Diese Mobilisierungen werden nicht einfach so verschwinden – gerade in Anbetracht der multiplen Krisenlagen“, fügte sie hinzu.
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So umgeht das russische Staatsmedium Sputnik die EU-Sanktionen
Mit weitreichenden Sanktionen will die EU die Propaganda der russischen Staatsmedien RT und Sputnik in Europa stoppen. Doch RND-Recherchen zeigen, wie das Kremlmedium Sputnik die Sanktionen in Deutschland umgeht. Erst durch die Recherche zeigte Social-Media-Konzern Meta eine Reaktion.
Die Pro-Putin-Positionierung im verschwörungsideologischen Milieu sei kein Zufall, sagte Lamberty. „Nato und USA waren auch 2014 die Feindbilder, die die verschwörungsideologisch geprägten ‚Mahnwachen für den Frieden‘ zu Mobilisierungserfolgen verhalfen“, erklärte sie. „Liberale Demokratien gelten im Milieu als Feindbilder, während autoritären Führern zugejubelt wird.“ Dieses „Sammelbecken von antidemokratischen Positionen“ sei zu lange verharmlost worden.
Für die Studie hat Cemas das Marktforschungsinstitut Bilendi & Respondi vom 1. bis zum 12. April 2031 Menschen im Alter zwischen 18 und 92 Jahren mittels eines standardisierten Onlinefragebogens befragen lassen. Die Erhebung ist den Cemas-Angaben zufolge für die deutsche Bevölkerung repräsentativ.
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