Russland zerstört Kulturgut in der Ukraine

„Wenn diese Bücher verbrennen, verbrennt damit auch unser Gedächtnis“

Winterlicher Blick auf das Haus der Kultur in Irpin nahe Kiew, das während der russischen Besatzung schwer beschädigt wurde.

Winterlicher Blick auf das Haus der Kultur in Irpin nahe Kiew, das während der russischen Besatzung schwer beschädigt wurde.

Berlin. Der russische Vernichtungskrieg in der Ukraine hat beträchtliche Schäden an den Kulturgütern des Landes angerichtet. Mehr als 500 Museen, Theater, Konzertsäle, Kirchen, Denkmäler und Archive sind durch russische Raketen- oder Bombenangriffe in der Ukraine zerstört oder stark beschädigt worden.

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„Das Putin-Regime führt seinen verbrecherischen Angriffskrieg nicht nur gegen die ukrainische Zivil­bevölkerung, sondern auch gegen die kulturelle Identität der Ukraine“, sagte Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND. In den von Russland besetzten Gebiete, die von der Ukraine wieder befreit wurden, seien Kulturgüter geraubt und weggeschafft worden, wie etwa in der Region Cherson. „Offenkundig soll die ukrainische Kultur vernichtet werden“, sagte Roth.

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Das sei ihr unlängst bei ihrem Besuch in Odessa „mit besonderer Wucht vor Augen geführt“ worden beim Anblick der beeindruckenden Schönheit dieser Stadt, die ihre Kulturschätze hinter Sandsäcken verschanzen und in Kellern verstauen muss, weil sie ständig in Gefahr seien, von russischen Raketen zerstört zu werden.

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Besonders greifbar sei ihr das bei einem Treffen mit der Leiterin der Wissenschaftlichen Bibliothek von Odessa, Irina Oleksandriwna Birjukowa, geworden, die Roth gegenüber voller Verzweiflung sagte: „Wenn diese Bücher verbrennen, verbrennt damit auch unser Gedächtnis.“

Deutschland bemüht sich, mit dem Notwendigsten zu helfen, um Kunst- und Kulturschätze in der Ukraine zu sichern und vor Beschädigung zu schützen. Dazu hat die Bundesregierung wenige Wochen nach Ausbruch des Krieges das Netzwerk „Kulturgutschutz Ukraine“ ins Leben gerufen.

Neben einem Dutzend anderer Organisationen und Stiftungen engagiert sich dort auch die zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehörige Staatsbibliothek zu Berlin. Der Leiter der Osteuropa-Abteilung, Olaf Hamann, weiß zu berichten, dass IT‑Technik weit oben auf der Liste der benötigten Hilfsgüter steht. „Es geht vor allem darum, wertvolle Sammlungen historischer Schriften und Dokumente zu digitalisieren, um sie für die Zukunft zu sichern“, berichtet Hamann im Gespräch mit dem RND.

Gebraucht würden vor allem Geräte der Informationstechnologie wie hochleistungsfähige Server und Scanner mit hoher Aufnahmefähigkeit. Aber auch Verpackungsmaterial, Dämmstoffe und spezielles Papier, das vor Feuchtigkeit schützt, um Kulturgüter sicher zu lagern.

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Seit Kriegsbeginn hat die Staatsbibliothek gemeinsam mit den Netzwerkpartnern 20 Container mit Hilfsgütern für etwa 200 Kultureinrichtungen in der Ukraine auf den Weg gebracht, darunter Notstromaggregate, Luft­entfeuchter oder Alarmanlagen.

Um abzustimmen, was benötigt wird, steht Olaf Hamann in engem Kontakt mit Ljubov Dubrovina, der Leiterin der Nationalbibliothek der Ukraine in Kiew. Sie ist das wichtigste wissenschaftliche Informationszentrum des Landes.

Das Haus von Kulturstaatsministerin Roth hat den Schutz ukrainischer Kulturgüter seit Juli mit rund 4 Millionen Euro unterstützt. So wurden etwa 35 Tonnen Verpackungs- und Restaurierungsmaterialien, Feuerschutzausrüstungen, Dokumentationstechnik sowie 70 Notstromgeneratoren geliefert. „Die Menschen in der Ukraine verteidigen auch unsere Kultur der Demokratie, unser Gesellschaftsmodell von Freiheit und Selbstbestimmung. Dabei werden wir sie weiterhin mit Kräften unterstützen“, kommentierte Roth die Hilfslieferungen.

Bei einem schweren russischen Raketenangriff am 10. Oktober auf Kiew trug auch die dortige National­bibliothek Schäden davon. Die Bildungseinrichtung mit ihren 15 Millionen Artikeln und einer sehr großen Sammlung slawischer Schriften büßte etliche Glasscheiben ein. „Da ist ein riesiger Glasschaden entstanden, wie auch im Chanenko-Kunstmuseum“, berichtet Olaf Hamann. Letzteres ist inzwischen wegen der Schäden leer geräumt, die Kunstwerke sind in Kisten verstaut und in Depots verbracht worden.

 Kunstsammlerin Francesca Thyssen-Bornemisza vor einem Bild in der Ausstellung mit ukrainischen Werken der Moderne in Madrid.

Kunstsammlerin Francesca Thyssen-Bornemisza vor einem Bild in der Ausstellung mit ukrainischen Werken der Moderne in Madrid.

Eine Verbringung von Kulturgütern ins sichere Ausland, wie es auch Deutschland angeboten hat, lehnt die Ukraine bisher ab. Allerdings gab es jetzt einen ersten Sonderfall: Eine Ausstellung mit 51 ukrainischen Avantgarde-Kunstwerken, die Bombardierungen in Kiew nur knapp entgangen sind, ist im Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid zu sehen, wie das Onlineportal „artnet news“ berichtet.

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Die Werke seien am frühen 15. November in einem geheimen Konvoi aus der ukrainischen Hauptstadt abtransportiert worden, nur wenige Stunden bevor mehr als 100 Raketen auf ukrainische Städte, einschließlich Kiew, niedergingen, schreibt das Magazin. Die Ausstellung unter dem Titel „Im Auge des Hurrikans: Modernismus in der Ukraine, 1900–1930″ gilt als die umfassendste Übersicht über die ukrainische Avantgarde-Bewegung.

Für die Unterstützer von der Staatsbibliothek zu Berlin und vom Netzwerk „Kulturschutzgut Ukraine“ geht es jedoch nicht nur um die Hochkultur, sondern auch um kleinere Häuser in teilweise entlegenen Regionen.

So gibt es Hilferufe etwa auch vom ukrainischen Bibliothekenverband mit seinen 40.000 öffentlichen Einrichtungen, die jetzt, in der Kriegszeit, nicht mehr nur dem Bücherverleih dienen, sondern auch Anlauf­stellen für Sozialkontakte sind. „Die öffentlichen Bibliotheken in den Städten und Gemeinden werden jetzt auch genutzt, um Medikamente auszugeben, Kinder und ältere Menschen zu betreuen oder Kontakt zu Familienangehörigen zu halten“, berichtet Hamann.

Auch hier geht es vor allem wieder um Technik. So konnten in der Region Riwne im Nordosten des Landes 55 komplette Bildschirmarbeitsplätze mit deutscher Hilfe eingerichtet werden. Weitere 50 PCs werden nach Ternopil gehen, die Regionen um Lwiw (Lemberg) und Chmelnyzkyj haben einen Bedarf von 400 Digital­arbeits­plätzen angemeldet. „Da hoffen wir natürlich noch auf Sponsoren“, betont Olaf Hamann. Die Geräte müssten auch nicht nagelneu sein.

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