Nach der Flucht aus der Ukraine

Zwei von mehr als sechs Millionen: Wie Oksana und Egor ihren Traum in Deutschland verwirklichen wollen

Egor (17) und Oksana (43) teilen ein Schicksal: Beide mussten vor dem grausamen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine fliehen. In Deutschland wollen sie nun Fuß fassen und ihren Lebenstraum verfolgen.

Egor (17) und Oksana (43) teilen ein Schicksal: Beide mussten vor dem grausamen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine fliehen. In Deutschland wollen sie nun Fuß fassen und ihren Lebenstraum verfolgen.

Hannover. Eine prunkvolle Parade in den blau-gelben Nationalfarben der Ukraine, fröhliche Konzerte und tanzende Menschen auf den Straßen von Kiew. Was im Angesicht des Krieges scheint wie eine träumerische Fantasie, war vor exakt einem Jahr, am 24. August 2021, noch Wirklichkeit. Die Bürgerinnen und Bürger feierten in der ukrainischen Hauptstadt den 30. Unabhängigkeitstag ihres Landes. Heute ist das Stadtbild in Kiew ein anderes – und der diesjährige 24. August bringt ein neues Jubiläum mit sich.

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Vor genau einem halben Jahr startete Russlands Präsident Wladimir Putin eine militärische Großoffensive gegen die Ukraine. Seitdem forderte der Angriffskrieg zahlreiche zivile Opfer in ukrainischen Dörfern und Städten, unzählige gefallene Soldatinnen und Soldaten auf russischer und ukrainischer Seite und ein gigantisches Ausmaß an Zerstörung. Laut Angaben der UN-Flüchtlingskommission UNHCR verließen seit Kriegsausbruch am 24. Februar bereits über 6,6 Millionen Menschen die Ukraine.

„Als wir die Stadt verließen, haben wir hinter uns die Explosionen gesehen“

Auch die 43-jährige Oksana aus Saporischschja in der Ostukraine flüchtete aus ihrer Heimat. „Als wir die Stadt verließen, haben wir hinter uns die Explosionen gesehen. Wir verstanden sofort, dass wir nicht zurückkehren können.“ Für sie war die Frage, in welchem Land sie mit ihrem Sohn (13) Schutz suchen möchte, schnell geklärt. „Ich bin Deutschlehrerin und habe in der Ukraine als Lehrkraft am Goethe-Institut gearbeitet. Als meine Freunde in Deutschland zu mir sagten ‚Unsere Türen stehen offen, bitte komm zu uns‘, musste ich nicht lange überlegen“, erzählt Oksana, als wir sie in den Räumlichkeiten des Ukrainischen Vereins in Niedersachsen besuchen.

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Ukraine-Geflüchtete erzählen von ihrem neuen Leben in Deutschland

Ob Deutsch lernen, Dokumente anerkennen oder Arbeit finden: Diese aus der Ukraine Geflüchteten versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Wir haben sie getroffen.

Zwei Tage nach ihrer Ankunft in Deutschland am 4. März engagierte sich die 43-Jährige bereits in Hannover. „Ich habe sofort als Freiwillige im Sprachcafé gearbeitet. Ich wollte etwas machen, kann nicht einfach zu Hause sitzen und warten“, sagt sie. Ihrer früheren Tätigkeit möchte sie auch nach der Flucht aus der Ukraine nachgehen. „Selbstverständlich möchte ich als Lehrkraft in Deutschland arbeiten. Ich habe mich um Anerkennung meines Diploms bemüht und hoffe, dass es funktioniert.“ Ukrainerinnen und Ukrainern verhilft sie bereits zu einer leichteren Eingliederung in Deutschland. Ihr Wunsch ist es jedoch, in Zukunft allen Menschen zu helfen, die Deutsch lernen wollen.

Ob sie jemals in ihre Heimatstadt zurückkehren kann, weiß Oksana nicht. „Für mich als Mutter ist es am wichtigsten, dass meine Kinder in Sicherheit sind, und es ihnen gut geht.“ Sie strahlt über das ganze Gesicht, als sie von den Plänen ihres 13-jährigen Sohnes erzählt. In der Ukraine habe er auf einem hohen Niveau Basketball gespielt, fünf- bis sechsmal die Woche trainiert. „Der Sport hat ihn gerettet. Zum Glück gibt es hier auch genügend Basketballvereine“, sagt sie erleichtert.

Egor und sein Traum vom Profifußball

Der Sport ist eine Leidenschaft, die auch das Leben des 17-jährigen Egor aus Krywyj Rih bestimmt. „Mein großer Traum ist es, ein professioneller Fußballspieler zu werden. In der Ukraine hatte ich gute Möglichkeiten, mein Ziel zu verwirklichen“, verrät uns Egor, der vor Kriegsausbruch in der Nachwuchsakademie des 13-fachen ukrainischen Meisters Schachtar Donezk spielte. „Wir haben uns in dem Moment, als der Krieg ausbrach, dazu entschieden, die Ukraine zu verlassen“, sagt er. „Wir waren vier Jungs, und die Mutter von einem meiner Mitspieler hat während der Flucht auf uns aufgepasst.“ Egor reiste von Krywyi Rih aus quer durch die Ukraine, um sich in Lwiw mit seiner Mutter und seinem Großvater zu treffen. Von dort aus ging es mit dem Auto weiter nach Deutschland.

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Da in seiner Heimat das Kriegsrecht verhängt wurde und Männer zwischen 18 und 60 Jahren die Ukraine nur unter besonderen Voraussetzungen verlassen dürfen, konnte der noch 17-jährige Egor gerade so fliehen. Sein Vater blieb in der Ukraine, um sein Land zu verteidigen. „Wo er ist, wie es ihm geht und was er macht, das weiß ich nicht immer“, verrät Egor. „Zurzeit ist er zu Hause, aber es kommt oft vor, dass er für eine bis zwei Wochen an die Front muss. Das ist seine Pflicht.“ Sorgen um seinen Vater mache sich Egor häufiger, „aber ich weiß und ich verstehe, dass alles gut werden wird.“

Aus Zufall wird Freundschaft

Auch im Hinblick auf seine persönliche Entwicklung wünscht sich der 17-Jährige, „dass alles gut werden wird.“ In Deutschland möchte er seinen Traum, eines Tages ein professioneller Fußballspieler zu werden, verwirklichen. „Ich trainiere jeden Tag sehr hart und warte geduldig auf meine Chance.“ Um seinem Traum näherzukommen, hält sich Egor derzeit bei der U19 des SC Hemmingen-Westerfeld fit. Dort hat er sogar bereits eine Spielberechtigung, um auch Pflichtspiele für das Team bestreiten zu können. Für das Trainerteam war die Entscheidung, Egor aufzunehmen und ihn auf seinem Weg zu unterstützen, eine leichte. „Wir wollten versuchen, ihm über den Fußball wieder ein Stück weit Normalität zu geben. Damit er in Deutschland das machen kann, was er gerne macht“, sagt Trainer Marc Klauenberg über den jungen Ukrainer. Besonders wichtig sei dabei auch das Gefühl von Integration gewesen, welches ein junger Spieler in seiner Situation von Gleichaltrigen erfährt.

Zu diesen gleichaltrigen Mitspielern gehört auch Alexander Druzhynin. Seine Familie stammt ebenfalls aus der Ukraine, wodurch der 18-Jährige fließend Russisch spricht. Durch seine Sprachkenntnisse wurde Alex, wie er von seinen Freunden genannt wird, schnell zur Stütze für Egor. Ob als Übersetzer im Training oder als Freund, der ihn bei seinen ersten Schritten in Deutschland begleitet. „Egor kam Anfang März das erste Mal zu unserem Training. Man hat schon zu Beginn gemerkt, dass er gute spielerische Qualitäten besitzt“, erinnert sich Alex. Auch das Team ist sich über den Lebenstraum von Egor im Klaren – sie unterstützen ihn auf seinem Weg, so gut es geht. „Wir hoffen sehr, dass er seine Träume verwirklichen kann und sich seine harte Arbeit auszahlt“, sagt er und lächelt: „Aber wir hätten auch nichts dagegen, wenn er diese Saison noch bei uns bleibt und für Hemmingen spielt.“

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Bevor er selbst seinen größten Wunsch äußert, muss Egor lange überlegen. Dann sagt er: „Ich wünsche meinem Land nur das Beste und dass das Leiden endlich aufhört.“ Für ihn persönlich ist die Antwort klar: „Ich möchte nur Fußball spielen. Das Spiel genießen und wenn alles gut geht, dann wünsche ich mir von ganzem Herzen, ein professioneller Fußballspieler zu werden.“ Am 24. Oktober wird Egor 18 Jahre alt. Sobald er volljährig ist, hat er die Möglichkeit, sich auch im Ausland eigenständig nach Vereinen umzuschauen. Belgien sei ein interessantes Ziel. Dort gebe es viele Fußballvereine, die auf junge Spieler wie ihn setzen würden. Doch wohin die Reise am Ende geht, ist für ihn unklar. Sicher ist, dass er Anfang September mit dem Verein, der ihn in Deutschland als erstes aufgenommen hat, in die neue Saison startet – in der dritthöchsten Spielklasse, die er in seinem Alter erreichen kann.

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