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Wer hat die Macht im Kreml?

Putins Inner Circle: Diesen Personen schenkt Russlands Präsident Gehör

Amtseid

Gern inszeniert sich Wladimir Putin als Herrscher, der einsam und unnahbar im Kreml seine Entscheidungen trifft.

Die Bilder, die er von sich zulässt, sprechen eine eigene Sprache: Russlands Präsident Wladimir Putin wirkt da oft einsam, unnahbar; ein distanzierter Herrscher, der vor allem im Gespräch ausländische Politikerinnen und Politiker mit gewaltigen Tischen auf Abstand hält. Seit Beginn des Krieges scheint sich diese Isolation noch verstärkt zu haben, wie zwei kürzlich choreografierte Auftritte mit seinem engsten Kreis verdeutlichen, wo er nicht nur räumliche Distanz demonstriert, sondern seine Vertrauten auch maßregelt.

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Putin war bis zum Mauerfall als KGB-Offizier in Dresden tätig.

Putin war bis zum Mauerfall als KGB-Offizier in Dresden tätig.

Tatsächlich hat sich der Autokrat mit einem Kreis von Vertrauten umgeben, die wie er aus Geheimdienst- und Militärkreisen stammen, die in der Sowjetdiktatur Karrieren begannen und die alle ein abgrundtiefes Misstrauen dem Westen und demokratischen Strukturen gegenüber hegen. „Silowiki“ werden die wichtigsten Stützen seiner Macht genannt, das russische Wort für „Kraft“ oder „Stärke“, was ganz nebenbei veranschaulicht, auf welche Attribute es in der russischen Führung ankommt.

Nikolai Patruschew (l.), Sekretär des Sicherheitsrate BRICS, neben Putin während eines Treffens der BRICS-Staaten.

Nikolai Patruschew (l.), Sekretär des Sicherheitsrate BRICS, neben Putin während eines Treffens der BRICS-Staaten.

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Als wichtigster Vertrauter des Autokraten wird immer wieder Nikolai Patruschew (70) genannt, Sekretär des Sicherheitsrates, ein ehemalige KGB-Offizier. „Patruschew ist der Falke, der glaubt, der Westen sei seit Jahren hinter Russland her“, äußerte Ben Noble, außerordentlicher Professor für russische Politik am University College London, in der britischen BBC. Patruschew gehört zu einem Trio, dem Putin seit den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts aus dem damaligen Leningrad, heute St. Petersburg, vertraut. Nur wenigen Figuren im Dunstkreis Putins wird ein ähnlicher großer Einfluss auf den Präsidenten nachgesagt. Sie arbeiteten nicht nur zu Sowjetzeiten im alten KGB zusammen, Patruschew löste Putin 1999 auch als Chef der Nachfolgeorganisation FSB ab.

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Ideologischer Vordenker des Kreml

Drei Tage nach Beginn des Krieges während einer bizarren, schlecht inszenierten und vom russischen TV übertragenen Sitzung des Sicherheitsrates spielte Patruschew wieder die Rolles des ideologischen Vordenkers: Das „konkrete Ziel“ der USA sei natürlich die Zerschlagung Russlands, bellte er da in die Runde, während seine Mitstreitenden am Rednerpult lediglich brav die vom Präsidenten vorgegebene Linie über die Notwendigkeit einer Anerkennung der Separatistengebiete nachbeteten. Bemerkenswert an dem Theaterstück war allein die Tatsache, dass Patruschew, der bis dato eher im Hintergrund operierte, laut das Rampenlicht suchte.

Alexander Bortnikow, Vorsitzender des russischen Inlandgeheimdienstes FSB, auf einer internationalen Sicherheitskonferenz.

Alexander Bortnikow, Vorsitzender des russischen Inlandgeheimdienstes FSB, auf einer internationalen Sicherheitskonferenz.

Alexander Bortnikow (70), Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, ist der Zweite aus dem Leningrader Trio. Kremlbeobachter sagen, seinen Informationen vertraue Putin mehr als jeder anderen Quelle, was Bortnikow eine Schlüsselposition im Kreml sichert. Der FSB hat erheblichen Einfluss auf andere Strafverfolgungsbehörden und verfügt sogar über eigene Spezialeinheiten. Der russischer investigative Journalist und Geheimdienstexperte Andrei Soldatow hält Bortnikow für wichtig, aber anders als Patruschew dränge er weniger in den Vordergrund, habe kaum eigene Ambitionen und komme als Nachfolger eher nicht infrage.

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Sergej Naryschkin, Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR.

Sergej Naryschkin, Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR.

Auslandsgeheimdienst Sergej Naryschkin (67), der das Trio der alten Garde vervollständigt, hat sein Schicksal früh schon mit dem Putins verknüpft. Auf der erwähnten Sicherheitsratssitzung, gefragt nach seiner Einschätzung der Lage, verlor er den Faden, geriet ins Stottern und wurde von Putin öffentlich gemaßregelt: „Das ist nicht das, was wir besprechen.“

„Putin liebt es, Spielchen zu spielen“

Der im TV übertragene Ausschnitt kam einer gezielten Demontage vor einem Millionenpublikum gleich. „Putin liebt es, Spielchen mit seinem inneren Zirkel zu spielen, und ließ ihn (Naryschkin) wie einen Idioten aussehen“, kommentierte Soldatow gegenüber der BBC. Und weil in Russland nichts zufällig geschieht, darf davon ausgegangen werden, dass Naryschkins Stern sinkt.

 Sergej Schoigu (r.), Verteidigungsminister von Russland, und Waleri Gerassimow, Generalstabschef der russischen Streitkräfte, während eines Treffens mit dem russischen Präsidenten Putin.

Sergej Schoigu (r.), Verteidigungsminister von Russland, und Waleri Gerassimow, Generalstabschef der russischen Streitkräfte, während eines Treffens mit dem russischen Präsidenten Putin.

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Galt das „Leningrader Trio“ als das politische Machtkartell, auf das sich Putin blind verlassen kann, so galt Verteidigungsminister Sergei Schoigu (67) als einer, der auch privat mit dem Präsidenten verkehrte – wenn er ihn zum Beispiel bei Jagd- und Angelreisen nach Sibirien begleitete. Seine große Stunde schlug 2014, als er den Raub der Krim militärisch umsetzte – verlustfrei und handstreichartig. Viel wurde im Westen über Schoigus Demontage infolge des chaotischen, verlustreichen Kriegsbeginns spekuliert, als er wochenlang von der Bildoberfläche verschwunden war. Denn dieser Verteidigungsminister, der zwar stets und gern seine Uniform trägt, hat gar keine militärische Ausbildung.

Schoigu habe sich „völlig unentbehrlich gemacht“

Doch Schoigu habe sich „völlig unentbehrlich gemacht und so ist er zurückgekommen“, urteilt Beobachter Soldatow. Für die Politologin Tatjana Stanowaja sei Schoigu von Putin klar für Fehler und Versäumnisse verantwortlich gemacht worden, „aber würde es jemand anderes besser machen?“, fragte sie im „Guardian“. Putin hätte gern den Satz wiederholt: „Es gibt sonst niemanden, der die Arbeit erledigt.‘“

Der Chef des russischen Ölkonzerns Rosneft, Igor Setschin (r.) mit dem ehemaligen Bundeskanzler und damalige Leiter des Rosneft-Aufsichtsrats Gerhard Schröder (SPD):

Der Chef des russischen Ölkonzerns Rosneft, Igor Setschin (r.) mit dem ehemaligen Bundeskanzler und damalige Leiter des Rosneft-Aufsichtsrats Gerhard Schröder (SPD):

Zu den Silowiki wird auch Igor Setschin (61) gezählt. Der ehemalige KGB-Agent gilt als „Putins rechte Hand“, allerdings ohne politisches Amt. Er ist Chef der staatlichen Ölgesellschaft Rosneft. Er führte die staatliche Übernahme des russischen Ölsektors an. Sie ist eines der wichtigsten geopolitischen Instrumente des russischen Präsidenten. Beobachterinnen und Beobachtern fiel auf, dass ihm Andrej Patruschew als persönlicher Berater bei Rosneft zur Seite gesetzt wurde – das ist der Sohn des Sicherheitsratschefs Nikolaj Patruschew. Ist das ein Zeichen für eine Entfremdung?

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Mächtig, aber auf zu Distanz zu den Silowiki, bilden der Wirtschaftsblock die andere Seite des Machtzirkels um Putin: Premierminister Michail Mischustin (56) und Zentralbankchefin Elwira Nabiullina (58) gehören dazu, Letztgenannte nebenbei als einzige Frau.

Kritisierte zuletzt die russischen Geheimdienste und die ersten Gespräche mit der Ukraine: Ramsan Kadyrow, der diktatorische Präsident der Teilrepublik Tschetschenien.

Kritisierte zuletzt die russischen Geheimdienste und die ersten Gespräche mit der Ukraine: Ramsan Kadyrow, der diktatorische Präsident der Teilrepublik Tschetschenien.

„Wir wissen, dass es innerhalb der Sicherheitsdienste einen ernsthaften Wettbewerb gibt. Wenn also die Armee einen Fehler macht, wissen wir, dass viele Leute bereit sind, darüber zu berichten“, so die Politologin Tatjana Stanowaja. Einer, der das zuletzt öffentlich getan hat, ist zum Beispiel Ramsan Kadyrow (45), Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Er kritisierte die russischen Sicherheitsdienste und die Verhandlungen mit der Ukraine durch den Kremlberater Wladimir Medinski (51).

Bei Lieferung von Langstreckenraketen: Putin droht gen Westen

Der russische Präsident Wladimir Putin droht mit dem Angriff auf weitere Ziele in der Ukraine, sollten die USA der Ukraine Langstreckenraketen liefern.

„Sie verstehen Präsident Putin nicht.“

Doch wie glaubwürdig sind solche Kaffeesatzlesereien westlicher „Kremlastrologen“, eines Gewerbes, das es mangels gesicherter Informationen schon zu Sowjetzeiten gab? „Es sieht so aus, als wüssten weder das amerikanische Außenministerium noch das Pentagon, was wirklich im Kreml vor sich geht“, äußerte jüngst Kremlsprecher Dmitri Peskow. „Sie verstehen einfach nicht, was los ist. Sie verstehen Präsident Putin nicht. Sie verstehen den Entscheidungsmechanismus nicht. Sie verstehen unseren Arbeitsstil nicht.“

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Galt einst als Kronprinz, hat aber politisch bis heute an Bedeutung verloren; der ehemalige Verteidigungsminister Sergej Iwanow. Heute ist er Sonderbeauftragter für Naturschutz und Transport.

Galt einst als Kronprinz, hat aber politisch bis heute an Bedeutung verloren; der ehemalige Verteidigungsminister Sergej Iwanow. Heute ist er Sonderbeauftragter für Naturschutz und Transport.

Richtig ist, dass oft nicht einmal Angehörige des russischen Inner Circles realistisch einschätzen können, ob sie noch in Putins Gunst stehen oder längst „verbrannt“ sind. So wie Sergej Iwanow (69), bis 2007 russischer Verteidigungsminister, ein langjähriger Weggefährde Putins und wie dieser auch aus St. Petersburg stammend, der über Jahrzehnte als Nachfolger gesetzt schien, heute aber weitgehend in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwunden ist.

Der Kreml ist wie das Sonnensystem, mit Putin als Sonne und all den Planeten verschiedener Umlaufbahnen.

Wladimir Gelman, Politikprofessor an der Universität Helsinki

„Der Kreml ist wie das Sonnensystem, mit Putin als Sonne und all den Planeten verschiedener Umlaufbahnen um ihn herum. Bei der Sitzung des Sicherheitsrates (…) war es wirklich bezeichnend, wie wenig Einfluss die Mitglieder des Rates hatten“, beschrieb Wladimir Gelman, ein russischer Politikprofessor an der Universität Helsinki, im britischen „Guardian“ über Putins Welt.

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