Druck, Erpressung oder doch Einsicht?

So reagiert die Szene der Verschwörungsideologen auf Xavier Naidoos Reuevideo

Nach dem Reuevideo von Xavier Naidoo zeigt sich Attila Hildmann empört.

Berlin. Xavier Naidoo denkt um – zumindest behauptet der Sänger, der sich in den vergangenen Jahren als prominentester Propagandist diverser oftmals antisemitischer Verschwörungserzählungen in Deutschland hervorgetan hat, das. Am Dienstag hatte Naidoo ein Videostatement veröffentlicht und sich – ohne genau ins Detail zu gehen – von seinen früheren Äußerungen und persönlichen Verbindungen distanziert.

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Das öffentliche Echo auf diesen Schritt fällt geteilt aus: Während einige ihn als positives Signal der Einsicht werten, zweifeln viele Naidoo-Kritiker an der Glaubwürdigkeit seiner Worte. Ist das Statement tatsächlich das vorläufige Ergebnis eines spät eingesetzten Reflexionsprozesses? Oder will der Sänger doch eher die letzten Reste seiner Musikkarriere retten?

Unterschiedliche Vermutungen aus der Verschwörungsszene

Gemischt sind auch die Reaktionen aus jener Szene, die Xavier Naidoo in den vergangenen zwei Jahren zu ihrer Galionsfigur erkoren hat. Naidoos Statement bringt nun vor allem jene in dieser Szene der Verschwörungsideologen, Pandemieleugner und Impfgegner in Bedrängnis, die besonders aktiv seine Nähe gesucht haben. Für mehrere Protagonisten der Szene war diese öffentlich gezeigte Nähe äußerst hilfreich, um die eigene Szeneprominenz zu steigern.

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So hat etwa der Verschwörungsideologe und frühere Journalist Oliver Janich mehrfach Videointerviews mit Naidoo geführt. In einem Videogespräch mit zwei weiteren Szenevertretern versucht Janich, die Auswirkungen des Naidoo-Statements nun kleinzureden. Naidoo sei zwar der „wichtigste Vertreter der Wahrheitsbewegung“, er sehe durch dessen Erklärung aber auch „keinen megagroßen Schaden“, da Naidoos Distanzierung allgemein gehalten sei und keine einzelnen Vertreter der Szene angreife. „Ich glaube nicht, dass er ein Verräter ist“, sagt Janich. Er glaubt viel mehr, es sei Druck auf Naidoo ausgeübt worden, und er habe die Erklärung nicht freiwillig abgegeben.

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Dieser Erklärungsversuch ist in der Szene weit verbreitet. Der Betreiber eines österreichischen Qanon-Telegram-Kanals schreibt: „Jeder, der Xavier länger verfolgt, weiß, er liest nie ab, weil er aus freien Stücken spricht, frei heraus, so war es all die Jahre, und jetzt auf einmal braucht er einen Text?“ Der Verfasser ist sich sicher, dass Naidoo erpresst wird: „Entweder er macht, was ihm gesagt wird, oder seine Schwiegereltern werden als Schutzschild an irgendeine Laterne gebunden“, schreibt er. Naidoo hatte die Lage der Familie seiner ukrainischen Ehefrau als Grund für sein Umdenken genannt.

Auch „Björn Banane“, ein Protagonist der „Querdenker“-Szene und erfolgloser Schlagersänger, mutmaßt in einem Video, Naidoo sei möglicherweise erpresst worden. Einzelne Telegram-Nutzer mutmaßen sogar, Naidoo habe das Statement gar nicht selbst eingesprochen, sondern es handele sich um ein Double – kein ganz verwunderlicher Erklärungsansatz für Verschwörungsgläubige.

Man solle genau hinhören, was Naidoo wirklich gesagt habe, erklärt der „Querdenker“ Alexander Ehrlich in einem bei Telegram verbreiteten Videostatement. „Er distanziert sich nicht von allen – unter Anführungszeichen – Verschwörungstheorien dieser Erde“, sagt er. Naidoo distanziere sich eben bloß von rechtsextremen Verschwörungstheorien. Die Szene solle das als Chance nutzen, ein angebliches „rechtsextremes Framing“ durch die Medien anzugreifen. Der Versuch der radikalisierten Corona-Leugner- und Impfgegnerszene, sich mit rhetorischen Kniffen von Rechtsextremismus- oder Antisemitismusvorwürfen reinzuwaschen, ist gleichwohl nicht neu.

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Naidoo als „Nato-Gatekeeper“ Deutschlands

Andere Teile der rechten und verschwörungsideologischen Szene machen Naidoo hingegen schwere Vorwürfe. Der „Reichsbürger“ Rüdiger Hoffmann schreibt etwa, Xavier Naidoo enttarne „sich als Nato-Gatekeeper in Deutschland“. Verbreitet ist besonders der Vorwurf des Verrats. Den macht etwa der ehemalige Betreiber mehrerer veganer Restaurants und vor der deutschen Justiz in die Türkei geflohene Rechtsextremist Attila Hildmann Naidoo.

In einer gut halbstündigen Sprachnachricht greift Hildmann Naidoo an, wirft ihm etwa vor, seinen Weggefährten einen Dolch in den Rücken gerammt zu haben – eine eindeutige Anspielung auf die antisemitische Dolchstoßlegende und nicht die einzige antisemitische Aussage in Hildmanns langgezogenem Monolog.

Streitereien und Spaltungen innerhalb der Corona-Leugner-Szene, unter Verschwörungsideologen und Rechten sind beileibe kein neues Phänomen. Gerade zwischen Anhängern konkurrierender Verschwörungserzählungen gab es solchen Streit in den vergangenen Jahren immer wieder. Und auch einzelne prominentere Persönlichkeiten der Szene sorgten für Polarisierungen. So warfen Teile der Szene einzelnen Personen immer wieder vor, lediglich am Geld ihrer Anhänger interessiert zu sein oder insgeheim die Interessen der vermeintlichen Gegner zu vertreten.

Das Statement Xavier Naidoos dürfte solche Spannungen und Spaltungen nun weiter verstärken. Wie groß die Auswirkungen innerhalb der Szene sind, dürfte maßgeblich auch davon abhängen, ob Naidoo sich in den nächsten Wochen und Monaten noch weiter öffentlich positioniert – und seinen bislang geäußerten Worten damit Glaubwürdigkeit verschafft.

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