RND-Interview

Entertainerin Hella von Sinnen: „Ich finde den Tod wahnsinnig spannend“

Hella von Sinnen fehlt Dirk Bach „immer und überall“.

Hella von Sinnen fehlt Dirk Bach „immer und überall“.

Hella von Sinnen (63) wurde 1988 bekannt durch die RTL-plus-Show „Alles Nichts Oder?!“. Es folgten zahlreiche Engagements, unter anderem in „Genial daneben“. Mit Dirk Bach gründete von Sinnen bereits 1980 eine Kabarettgruppe, beide lebten eine Zeit lang zusammen und setzten sich für die LGBTIQ+-Community ein. Zum zehnten Todestag von Dirk Bach am 1. Oktober gibt Hella von Sinnen das Buch „Dear Dicki“ heraus, das heute erscheint.

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Ein Buch über Ihren verstorbenen Freund Dirk Bach herauszugeben war sicher ein emotionales Projekt. Wie geht es Ihnen damit, dass es jetzt alle lesen können?

Damit geht es mir sehr gut. Ich habe gehört, dass manche jüngere Menschen Dirk Bach nur noch aus dem Dschungelcamp kennen. Da war ich erschüttert und bin umso dankbarer, wenn dieses Buch auf dem Markt ist und interessierte Menschen ihr Bild von Dirk Bach korrigieren können.

Haben Sie das Dschungelcamp seit seinem Tod noch mal geschaut?

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Ich habe das Dschungelcamp nicht einmal seit Dirks Tod gesehen. Es gibt diesen Spruch: „Jeder ist ersetzbar.“ Dieser Spruch ist eine Unverschämtheit. Das Dschungelcamp war nur mit Dirk zu ertragen.

In welchen Situationen fehlt Ihnen Dirk Bach am meisten?

Er fehlt immer und überall. Die Welt ist sehr anstrengend geworden, und wenn dein Lebensmensch das nicht mehr mit dir besprechen kann, ist das nicht einfacher. Das Schöne ist aber, dass ich etwas spirituell unterwegs bin. Die Liebe bleibt, Dirk ist nicht weg. Ich bin durchaus in der Lage, mit Dirk kleine Debatten zu führen. Aber das Haptische fehlt: ihn zu drücken, zu knuddeln, mit ihm zu lachen, zu saufen.

Viele Promis haben in dem Buch Briefe an Dirk Bach geschrieben. Moderatorin Sandra Maischberger schreibt in ihrem Brief von seiner „rastlosen Arbeitswut“. Haben Sie die auch bei ihm gesehen?

Ich habe es auch so empfunden. Ich war natürlich dankbar, wenn er die Zeit fand, stundenlang mit mir zu reden. Aber ich habe mehr als einmal zu Dirk gesagt: „Mach mal halblang, komm mal zur Ruhe.“ Auch wenn er nicht gearbeitet hat, war er immer unterwegs. Ich kenne niemanden – vielleicht noch den Hugo Egon Balder oder den Wigald Boning –, der so ein Workaholic ist. Umso bewundernswerter fand ich es, dass er immer, wenn er sich die Zeit genommen hat, komplett bei mir und nie oberflächlich war.

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Verfallen Sie auch manchmal in eine „Arbeitswut“?

Nein, ich bin überhaupt nicht gefährdet, ein Workaholic zu werden. Wenn ich arbeite, bin ich fleißig und professionell. Aber ich bin auf keinen Fall eine, die direkt den nächsten Termin braucht.

Wie kommen Sie an freien Tagen zur Ruhe?

Ich gucke Netflix, daddele „Hay Day“ oder gehe ins Kino. Ich war mein Leben lang darauf bedacht, meine Batterien aufzufüllen. Deswegen bin ich auch so erstaunlich munter und frisch geblieben.

Der Tod eines engen Freundes macht einem oft die Vergänglichkeit des Lebens bewusst. Viele merken dann, wofür sie sich mehr Zeit nehmen wollen. Wie war das bei Ihnen?

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Bei mir hat der Tod von Dirk und auch der meiner Mutter fast eher eine Todessehnsucht ausgelöst. Nicht falsch verstehen: Ich bin nicht suizidgefährdet. Aber ich finde den Tod wahnsinnig spannend und frage mich: Wo gehen die Leute hin? Wo geht die Seele hin? Das Schöne ist: Die Liebe bleibt, die Menschen sind nie weg. Wenn ich von Dirk träume, ist er immer lebendig. Er kommt um die Ecke, und ich schreie ihn an, weil er das witzig findet. Es ist fast beneidenswert, dass der Dicki einfach umgekippt ist und tot war. Niemand will vor sich hin siechen, niemand will eine Krankheit. Das wäre eine Gnade, wenn mir das auch wie ihm widerfahren könnte.

Sie haben also keine Angst vor dem Tod?

Überhaupt nicht. Angst habe ich vor Krankheit, dass ich nicht mehr denken kann oder nichts mehr verstehe, oder vor einer körperlichen Lähmung. Das sind furchtbare Visionen, die ich niemandem wünsche. Aber jeder kriegt nur das aufgebürdet, was er auch ertragen kann. Ich habe immer über Gaby Köster gesagt: Ich hätte das wahrscheinlich nicht geschafft. So eine starke Frau wie die Gaby hat es aber geschafft und sich wieder auf die Bühne gesetzt. Das ist bewundernswert.

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Sie schreiben auch, dass Bastian Pastewka als einer der wenigen Dirk Bach das Wasser reichen kann. Wer gehört noch dazu?

Das ist in der Vielschichtigkeit der Persönlichkeit auf jeden Fall Wigald Boning. Das sind vom Talent her auch Barbara Schöneberger und Anke Engelke. Und das war zum Glück auch immer ich: Deswegen waren Dirk und ich gute Sparringspartner.

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Ist die Unterhaltung im deutschen Fernsehen seit Dirk Bachs Tod schlechter geworden?

Ich schaue ehrlich gesagt nicht mehr viel Fernsehen. Als der Dicki das Dschungelcamp gemacht hat, war das Fernsehen auch schon mau. Ich bin mittlerweile ein Streamingjunkie geworden.

Hat die Qualität der Fernsehunterhaltung also in den letzten zehn bis 20 Jahren abgenommen?

Ich möchte mich nicht so altbacken anhören. Aber ich bin 63 Jahre jung und habe das Showbusiness mit der Muttermilch eingesogen. Ich war früher vom Fernseher nicht wegzubekommen. Außergewöhnliche Schaffens­künstler wie Heinz Erhardt, Loriot und Dirk Bach haben Maßstäbe gesetzt. Nichtsdestotrotz sehe ich etwa in der „Ladies Night“ oder bei der Generation junger Comedians teilweise wunderbare, talentierte Menschen. Oder wenn ich etwa Riccardo Simonetti sehe: Der ist so zart und geht so entschieden seinen Weg, bekommt jetzt auch seine eigene Show. Ich freue mich, dass gerade queere Kollegen oder Kolleginnen diese Plattform heutzutage ohne große Probleme bekommen. Das ist eine gute Entwicklung.

Pandemie, Querdenker, Krieg: Was macht das mit der Comedy?

Die Sender recyceln aktuell die guten alten Retrosendungen, weil diese Welt so unberechenbar, anstrengend und bedrohlich geworden ist, dass die Menschen einem Eskapismus frönen und sich gern an die letzten 20, 30 oder 50 Jahre zurückerinnern und sich freuen über Menschen, die ihr Business beherrschen. Es erinnert sie daran, dass es früher etwas einfacher war im Leben.

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Gucken Sie auch diese Retroshows?

Ich schaue das nicht gezielt. Aber ich habe im Bad auch einen Fernseher und wenn ich da „Der Preis ist heiß“ sehe, juchze ich vor Vergnügen. Das gibt schöne, warme Gefühle. Es ist für mich, als wenn ich die Augsburger Puppenkiste anschaue oder alte Kinderbücher lese. Ich bin auch eine alte Eskapistin und freue mich über die Dinge, die mich daran erinnern, dass es eine andere Zeit gab. Ich verweigere mich nicht dem Hier und Jetzt und der Zukunft. Aber ich komme aus einer Zeit, in der man den Politikern noch mehr zugetraut hat. Das ist alles schwierig, und ohne einen Dirk Bach ist es noch schwieriger.

Trauen Sie den Politikern heute weniger zu?

Ich kann es schwer sagen, diese Krisen hatten die Politiker vor 30 Jahren nicht. Scholz, Habeck und Baerbock machen einen guten Job. Aber ich bin auch der Meinung, dass im Vorfeld viel verkackt worden ist in Sachen Bürokratie, Kultur und Schulen. Das haben wir uns nicht träumen lassen vor zehn Jahren, dass die Schulen keine funktionierenden Toiletten haben. Aber dann werden mal eben 100 Milliarden für die Rüstung rausge­hauen. Wenn die Kohle da ist, die man jetzt in die marode Bundeswehr steckt, hätte man doch mal 100 Millionen den Schulen geben können. Kinder sind unsere Zukunft, die müssen das ganze Elend noch stemmen. Dafür habe ich kein Verständnis.

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