Sebastian Bezzel: „Zukunft ist nicht mehr selbstverständlich“

Bürgermeister Martin Sommer (Sebastian Bezzel), Dr. Rainer Gebhard (Ulrich Tukur), Manager des Getränkeherstelles Pure Aqua und Julia Roland (Karoline Herfurth) vom Umweltministerium.

Der ARD-Film „Bis zum letzten Tropfen“ (Mittwoch, 16. März, 20.15 Uhr, Das Erste) erzählt von einem Problem, das in deutschen Köpfen noch nicht wirklich angekommen scheint: dem Wassermangel aufgrund von Klimawandel und erhöhtem Konsum. Im Fernsehspiel von Investigativjournalist und Filmemacher Daniel Harrich („Meister des Todes“) verkörpert Sebastian Bezzel den Bürgermeister einer süddeutschen Kleinstadt, der ein Weltkonzern ihr Tiefengrundwasser abkaufen will. Dem Film folgt eine gleichnamige Dokumentation, ebenfalls von Daniel Harrich, die das Thema Wassermangel lokal, aber auch international dramatisch vor Augen führt. Das Interview mit dem ehemaligen „Tatort“-Kommissar und „Eberhofer-Krimi“-Star Sebastian Bezzel wurde vor Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine geführt. Dennoch liest es sich fast schon prophetisch denn der 50-Jährige spricht darüber, wie wir in einer Flut schlechter Nachrichten einigermaßen konstruktiv weiterleben können - und wie man es schafft, weiter für eine bessere Welt zu kämpfen, ohne sich selbst komplett zu überfordern.

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teleschau: Daniel Harrich ist ein Regisseur, der seinen Finger tief in die Wunden gesellschaftlicher Probleme legt. Wie tief müssen die Schauspieler einsteigen?

Sebastian Bezzel: Grundsätzlich ist Daniel ein sehr fordernder Regisseur, was ich allerdings gut finde. Wasser ist ein Thema, das uns alle angeht. Es geht um unsere Zukunft und natürlich um die unserer Kinder. Ein Umstand, der uns in jüngster Zeit ja ohnehin sehr umtreibt. Zukunft ist nicht mehr selbstverständlich.

Wie tief sind Sie eingestiegen ins Thema Wasser?

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Am Anfang durchaus tief - aber wenn dann die Arbeit an der Rolle beginnt, muss man auch wieder von Fakten, Politik und gesellschaftlichen Zusammenhängen loslassen. Niemand schaut einen Film, weil der Schauspieler gut informiert ist. Ich spiele einen Bürgermeister, der in einen schweren Konflikt mit seiner Tochter gerät. Der in seiner Zerrissenheit zwischen Ökonomie und Ökologie in die persönliche Überforderung kommt. Bei ihm türmen sich immer mehr Hiobsbotschaften auf. Diese Situation muss ich fühlen und spielen können, sonst funktioniert der Film emotional nicht.

„Menschen sind überfordert von Anzahl und Wucht der Probleme, denen sie derzeit begegnen“

Das Problem des Films, eine Welt auf den Weg in den Wassermangel, steht derzeit nicht ganz oben im Bewusstsein der Menschen. Wie groß ist die Gefahr, dass die bei einem solchen Themenabend einfach dicht machen?

Die Gefahr ist sehr groß. Menschen sind überfordert von Anzahl und Wucht der Probleme, denen sie derzeit begegnen. Die Überforderung ist nachvollziehbar. Jeder kennt das, wenn einem alles zu viel wird und man einfach mal `ne Pause von den Problemen der Welt braucht. Es gibt aber einen gefährlichen Trend in unserer Gesellschaft, der darin besteht, sich der Wissenschaft zu verweigern. Wissenschafts-Bashing ist sehr populär geworden. Bei der Diskussion rund um den Klimawandel haben wir das gesehen, bei Corona war es sogar noch auffälliger.

Sie haben Verständnis für die Überforderung der Menschen, kritisieren aber unseren spezifischen Umgang damit - die Verleugnung des Problems?

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Genau. Das ist es, was mich als Sohn eines Naturwissenschaftlers so schockiert, frustriert und wütend macht. Wenn jemand sagt: „Ich glaube nicht an den Klimawandel! Ich glaube nicht an Corona!“ Es tut mir leid, hier geht es nicht ums Glauben. Wir reden nicht über religiöse Themen, sondern über Wissenschaft: Zahlen, Statistiken, die deutliche Effekte beweisen. Effekte, auf die wir reagieren müssen, wenn wir nicht untergehen wollen.

Ist die Sache mit dem Wassermangel, der wohl auch Deutschland erreichen wird, nicht auch wieder so ein Thema, wo es Leugner geben wird?

Na klar, die gibt es, und es wird sie auch weiterhin geben. Wenn es mal wieder die ganze Zeit regnet, wird man sich entsprechende Sprüche anhören müssen (lacht). Aber so einfach ist es eben nicht. Wer die heutige Welt verstehen will, muss ein Bewusstsein für komplexe Zusammenhänge entwickeln. Alles hängt mit allem zusammen. Und doch gibt es am Ende vor allem ein Problem: Die Erde erwärmt sich, wodurch sich die Umwelt massiv verändert. Die Folge davon sind eben nicht nur Überschwemmungen, sondern auch Wassermangel.

„Wir müssen viele positive Erlebnisse schaffen“

Haben Sie das Gefühl, dass die Dringlichkeit, etwas gegen den Klimawandel zu tun, bei der Generation der Entscheider - auch der politischen Entscheider - ankommt?

Bedingt. Ich möchte gar nicht so viel über Politik reden, sondern ich schaue mir die Menschen meiner Generation an. Mittlerweile denke ich: Vielleicht werden viele in meiner Generation und in der Generation davor das nicht mehr kapieren - aber ich hoffe auf die Jüngeren. Da spüre ich schon ein Bewusstsein, dass sie ihre Felle davonschwimmen sehen und dass in der „Fridays for Future“-Generation ein ganz anderer Handlungsdruck besteht.

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Nun ist Ihr Film in einen ARD-Thementag #unserWasser eingebettet. Nach dem Film läuft eine Dokumentation. Reicht das, um die Leute zu erreichen?

Es passiert ja noch mehr - und das, was passiert, empfinde ich als sehr sinnvollen Ansatz. Ich kannte den Begriff der „crowd science“ nicht, aber es gibt eine Aktion, dass alle Menschen dazu aufgerufen werden, beim Spaziergang mit dem Hund oder beim Mountainbiken ihnen bekannte Wasserstellen zu dokumentierten. Wie sehen die auf Karten eingezeichnete Bachläufe oder Teiche vor Ort wirklich aus? Führen die noch Wasser und wenn ja, wie viel? Sind sie schon ausgetrocknet? Ich glaube, dass der Spruch vom globalen Denken, aber lokalen Handeln viel Wahrheit enthält. So müssen wir es machen, dann wird aus lokalem Engagement eine Bewegung.

Welche anderen Mittel gibt es außer dem Mitmach-Fernsehen?

Man muss mit gesellschaftlichen Problemen viel mehr an Schulen gehen. Es kann nicht sein, dass Lehrpläne so starr sind, dass einschneidende aktuelle Entwicklungen gar nicht abgebildet werden, weil die Zeit dafür fehlt. Und noch eine Sache: Wir müssen viele positive Erlebnisse schaffen, damit sich junge - aber auch ältere - Menschen mit Problemen beschäftigen, die uns eigentlich deprimieren. Man kann jedes Problem positiv angehen, indem man etwas dagegen tut. Indem wir helfen, Aktionen starten, Dinge im Kleinen und in unserem Umfeld verändern. Es ist zwar immer leichter, gegen etwas statt für etwas zu sein. Doch wer Positives tut, zieht am Ende viel mehr Kraft und Lebensfreude daraus, als durch Skepsis und Miesepetrigkeit.

„Populisten verkaufen den Menschen Absurdität als reale politische Möglichkeit“

Brauchen wir für die großen Aufgaben der Gegenwart eine Gesellschaft, die mehr zusammenhält?

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Ja, das glaube ich definitiv. Vor 30 Jahren wurde nicht nur der Kommunismus in seiner klassischen Denkform, sondern auch die soziale Marktwirtschaft abgeschafft. Stattdessen hat sich der Turbo-Kapitalismus breit gemacht. Ein System, das von uns verlangt, dass wir möglichst produktive Egoisten sind. Wir sollen viel konsumieren, viel raushauen und immer Gas geben. Diese Einstellung fliegt uns jetzt um die Ohren. Einerseits vonseiten der Umwelt, aber auch in Sachen Gesellschaft. Viele Leute fragen sich bei allem nur noch: Und was bringt mir das? Wenn eine Mehrheit der Menschen so eingestellt ist, wird uns das Leben über kurz oder lang komplett um die Ohren fliegen.

Bedingungslose Selbstbestimmtheit und Egoismus werden einem heute oft als Freiheit verkauft ...

Der Begriff Freiheit ist seit mindestens zwei Jahren ein rotes Tuch für mich, weil er missbraucht und in sein Gegenteil verkehrt wird. Es gibt eine Partei in Deutschland, die hat gar kein Klimakonzept, weil sie sagt: Es gibt keinen Klimawandel, also brauchen wir auch kein Konzept dagegen. Ich will den Namen nicht nennen - aber diese Partei sitzt im Bundestag. Es gibt Kräfte auf der Welt, die wollen, dass alles wieder so wie früher ist, auch wenn dies völlig unmöglich ist und es dieses Früher vielleicht so auch nie gab. Doch die Populisten verkaufen den Menschen diese Absurdität als reale politische Möglichkeit - und die Menschen glauben es auch noch.

Sie sehen einen Zusammenhang zwischen Turbo-Kapitalismus und Faktenleugnung, weil zum Turbo-Kapitalismus gehört, alles nur noch aus der eigenen Perspektive zu sehen?

Ja, diesen Zusammenhang sehe ich. Wir sollten uns unsere eigene Welt erfinden. Wir sollten das tun, was uns individuell nutzt und Spaß bringt. Dazu gehört letztendlich auch Faktenleugnung. Es sind ja nicht nur Natur-, sondern auch die Geisteswissenschaften, die geleugnet werden, beispielsweise Geschichte. Wir erleben, dass klar belegbare historische Fakten einfach geleugnet und ins Gegenteil verkehrt werden. Dazu gehören auch Fake News. Im Zeitalter der sozialen Netzwerke ist es viel wichtiger, dass eine Nachricht „draußen“ ist anstatt sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.

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„Man kann den Konsum mit ein paar einfachen Tricks zurückfahren“

Die Erfindung des Internets und vor allem der sozialen Netzwerke haben zu einer Demokratisierung der Meinungsäußerung geführt. Hat dies der Demokratie unterm Strich trotzdem mehr geschadet als genutzt?

Manchmal hat man den Eindruck, aber es sind zwei Seiten derselben Medaille. Heute kann jeder seine Meinung öffentlich äußern. Früher wurde die gesellschaftliche Wahrnehmung viel mehr durch Experten bestimmt. Das war gleichzeitig gut und schlecht. Gut ist, dass nun viele Ihre Meinung öffentlich äußern und sich auch zu guten, sinnvollen Projekten vernetzen können. Schlecht ist, dass es natürlich bei fast jedem Thema Menschen gibt, die sich darin besser auskennen als man selbst. Es wäre natürlich von Vorteil, wenn diese Menschen auch Gehör finden würden.

Kommen wir zum Abschluss noch mal zum Wasser zurück: Haben Sie ihr persönliches Verhalten verändert, um Wasser zu sparen?

Wir versuchen als vierköpfige Familie generell, weniger zu konsumieren. Dabei geht es nicht nur um Wasser, sondern auch um Plastik und andere Rohstoffe, mit denen wir viel sparsamen und sorgsamer umgehen müssen. Wir versuchen, gebrauchte Sachen zu kaufen und lieber über Kleinanzeigen einzukaufen, als neue Produkte über den Online-Handel zu erwerben. Klar, wenn man Geld verdient, ist man auch verpflichtet, finde ich, dieses Geld in den Wirtschaftskreislauf zu geben. Allerdings versuchen wir, dies über Dienstleistungen zu tun und nicht über das Einkaufen neuen Plastiks. Darüber hinaus kann ich jedem nur empfehlen, mal die sogenannte „Wasserampel“ im Internet zu testen, um zu sehen, wie viel Wasser man selbst verbraucht. Man kann nämlich den Konsum mit ein paar einfachen Tricks zurückfahren.

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RND/Teleschau

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