Skandalmusiker entschuldigt sich

Die Akte Xavier Naidoo: Wie glaubwürdig ist die Reue des Sängers?

Xavier Naidoo am 3. Oktober 2014 bei einer Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin. An der Mahnwache nahmen Vertreterinnen und Vertreter der sogenannten Querfront-Ideologie und Verschwörungsideologinnen und -ideologen teil.

Hannover. Xavier Naidoo will offenbar kein Verschwörungsideologe mehr sein. Das zumindest legt ein Video nahe, das der Sänger am Dienstagabend auf seinem Instagram-Profil geteilt hat.

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„Ich habe erkannt, auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe und dass ich in den letzten Jahren viele Fehler gemacht habe“, so Naidoo in dem rund dreiminütigen Clip. „Ich habe mich Theorien, Sichtweisen und teilweise auch Gruppierungen geöffnet, von denen ich mich ohne Wenn und Aber distanziere und lossage. Ich war von Verschwörungserzählungen geblendet und habe sie nicht genug hinterfragt.“ Er distanziere sich von allen Extremen, insbesondere auch von rechten und verschwörerischen Gruppen.

Anlass für den Sinneswandel? Laut Naidoo der Krieg in der Ukraine. Die „brutale russische Invasion in der Ukraine, die Gewalt, die Menschenverachtung“ habe ihn „bestürzt und aufgerüttelt“, sagt er. Seine Frau komme aus der Ukraine, von dort habe er Familie und Freunde holen müssen, „weil dort Angst und Schrecken“ herrsche. Das habe ihn tief bewegt und sei ein Grund gewesen, sich kritisch zu hinterfragen.

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Wie glaubwürdig ist das Statement?

Die Reaktionen auf die späte Kehrtwende des Sängers sind am Tag nach dem überraschenden Statement durchmischt. In den sozialen Netzwerken wird der Rückzieher zum Teil gelobt, oftmals aber auch kritisch gesehen. Viele zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Sängers. Ein Drei-Minuten-Statement reiche bei Weitem nicht aus, um den Schaden der vergangenen Jahre wieder gutzumachen, so eine oft vertretene Meinung auf Twitter. Andere wiederum fordern von dem Promi eine lückenlose Aufarbeitung. Unter seinem Instagram-Post hat Naidoo selbst die Kommentarfunktion deaktiviert.

Tatsächlich ist das mögliche Umdenken des einst gefeierten Soulsängers ein mehr als ungewöhnlicher Schritt: Wie kaum ein anderer Prominenter war Naidoo in den vergangenen Jahren tief verwurzelt im Milieu der Corona-Leugnerinnen und -Leugner und Verschwörungsideologinnen und -ideologen. Neben anderen prominenten Akteuren wie dem Vegankoch Attila Hildmann und Michael Wendler verbreitete der Sänger auf Plattformen wie dem Messenger Telegram regelmäßig rechtsradikale Narrative und Falschbehauptungen zur Pandemie – bis hin zu mehrfach wiederholten antisemitischen Ausführungen.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde das Problem vor allem zu Beginn der Pandemie bekannt, als sich der Sender RTL öffentlichkeitswirksam von Naidoo trennte und ihn aus der Jury von „Deutschland durch den Superstar“ warf – das vorläufige Ende seiner Karriere. Die unrühmliche Geschichte des Sängers begann allerdings schon deutlich früher.

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Xavier Naidoo: fragwürdiger Auftritt im „Morgenmagazin“

Genau genommen spätestens am 25. Mai 2011. Zusammen mit seinem Bandkollegen der Söhne Mannheims, Henning Wehland, sitzt Naidoo an diesem Tag im „Morgenmagazin“ der ARD und spricht über Deutschland als „besetztes Land“. Ob sich der Musiker frei fühle, will „MoMa“-Moderatorin Anne Gesthuysen wissen. Naidoo glaubt zu wissen: „Nein, wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land. Deutschland hat keinen Friedensvertrag und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land.“ Moderator Sven Lorig versucht, die Situation noch zu retten: „Ja, aber der Zwei-plus-vier-Vertrag ...“ Doch Naidoo kontert: „Das ist kein Friedensvertrag“, so der Sänger.

Einen großen Eklat lösen die Aussagen des Sängers an diesem Tag nicht aus. Verschwörungsideologien und die „Reichsbürger“-Szene – all das sind zu diesem Zeitpunkt noch keine großen Themen in der öffentlichen Debatte, die wenigsten wissen Naidoos Worte überhaupt einzuordnen. Erst später wird klar: Die Gedankengänge des Sängers sind schon zu diesem Zeitpunkt kein Ausrutscher oder der frühen Uhrzeit geschuldet – sondern offenbar Teil eines äußerst kruden geschlossenen Weltbildes.

Die Songtexte und Aussagen des beliebten Soulsängers strotzen schon in den Neunziger- und 2000er-Jahren vor problematischen Sprachbildern. 1999 beispielsweise bezeichnet sich Naidoo in einem Interview mit dem „Musikexpress“ selbst als „Rassist“, aber „ohne Ansehen der Hautfarbe“. Und weiter: „Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim.“

Songtexte mit antisemitischen Codes

2009 erscheint auf dem Album „Alles kann besser werden“ ein Song mit dem Titel „Raus aus dem Reichstag“. Eine der Textzeilen: „Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken. Ihr wart sehr, sehr böse und steht bepisst in euren Socken. Baron Totschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist‘n Fuchs und ihr seid nur Trottel.“

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Mit „Baron Totschild“ spielen mitunter Neonazis auf die jüdische Bankiersfamilie Rothschild an, denen schon die Nazis unterstellten, hinter dem Federal Reserve System (FED) und damit hinter dem Banken- und Zinssystem zu stehen. Diesem wiederum wird aus verschwörungsideologischer Sicht die Schuld an sozialen Missständen und Kriegen gegeben. Ein Bild, dessen sich auch Naidoo in seinem Songtext bedient. Einen Skandal lösen die Zeilen nicht aus.

Drei Jahre später veröffentlicht der Soulsänger zusammen mit dem Rapper Kool Savas ein weiteres fragwürdiges Stück. „Wo sind sie jetzt?“, lautet der Hidden-Track auf dem gemeinsamen Album. Der Vorwurf diesmal: Homophobie. „Warum liebst du keine Möse? Weil jeder Mensch doch aus einer ist“, heißt es etwa in dem Text, in dem Naidoo Homosexualität mit der Vergewaltigung von Kindern in Zusammenhang bringt.

Nach Veröffentlichung des Songs hagelt es Anzeigen gegen den Sänger, unter anderem die Jugendorganisation der Linkspartei stellt wegen des Aufrufs zur schweren Körperverletzung sowie wegen Volksverhetzung Strafanzeige.

Naidoo-Auftritt bei „Reichsbürger“-Demo

Naidoos Karriere tun diese vermeintlichen „Ausrutscher“ keinen Abbruch. Der Sänger ist ein gern gesehener Gast in diversen Fernsehshows, vor allem in der Vox-Sendung „Sing meinen Song“. Radiosender spielen sein musikalisches Werk rauf und runter – und ignorieren die Kontroversen. Daran ändern auch die Vorfälle im Jahr 2014 nichts, dem Jahr der russischen Annexion der Krim.

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Da findet sich Naidoo plötzlich auf einer Kundgebung der „Reichsbürger“-Szene vor dem Berliner Reichstag wieder. Er sei zufällig mit dem Fahrrad dran vorbeigefahren, behauptet Naidoo später. In seiner Ansprache stellt der Sänger erneut die deutsche Verfassung infrage und behauptet, Deutschland sei noch immer von den USA besetzt. Auch die Terroranschläge vom 11. September 2001 sollen laut Naidoos Aussage infolge einer kontrollierten Sprengung erfolgt sein, wie er in einem Interview mit dem „Stern“ erklärt.

Nur ein einziges Mal in dieser Zeit hat das Verhalten des Sängers Konsequenzen: 2015, beim Eurovision Song Contest. Der Norddeutsche Rundfunk beschließt, ungeachtet jeglicher Kritik, Naidoo als deutschen Kandidaten beim Eurovision Song Contest 2016 antreten zu lassen – ganz ohne Vorentscheid. Naidoo sei „weder rechtspopulistisch noch homophob oder antisemitisch“, lässt etwa ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber das Publikum wissen. Doch Kritikerinnen, Kritiker und unzählige ESC-Fans laufen Sturm gegen diese Entscheidung. Der NDR revidiert sie später und lässt Naidoo doch nicht antreten.

Viel Rückendeckung

Die Unterstützung in der Musik- und Showbranche bröckelt dadurch nicht. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schalten im Jahr 2015 100 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner unter dem Titel „Menschen für Xavier Naidoo“ eine ganzseitige Anzeige, um den Sänger zu unterstützen. Unter den Namen finden sich diverse Musiker, aber auch Komiker wie etwa Michael Mittermeier und Atze Schröder und Schauspieler wie Til Schweiger und Mario Adorf. Auch der Koch Tim Mälzer und der Konzertveranstalter Marek Lieberberg sind dabei, Letzterer hat die Anzeige bezahlt.

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An der weitreichenden Unterstützung für den Sänger kann selbst sein Song „Marionetten“ aus dem Jahr 2017 nichts ändern. „Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter? (...) Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter“, heißt es darin etwa. Die Marionette ist ein klassisches Sprachbild antisemitischer Verschwörungstheorien: Politikerinnen und Politiker werden hierbei als Marionetten der „reichen Mächte“ dieser Welt bezeichnet – aus Sicht von antisemitischen Verschwörungsideologinnen und -ideologen sind das die Juden. Auch die Worte „Sachverwalter“ und „Totschild“ gelten als antisemitische sprachliche Codes.

Naidoo derweil wehrt sich immer wieder entschlossen gegen diese Vorwürfe. Im Jahr 2018 entscheidet sogar das Landgericht Regensburg zugunsten des Sängers, man dürfe ihn nicht Antisemit nennen. Naidoo hatte zuvor gegen eine Referentin der Amadeu-Antonio-Stiftung geklagt. Das Oberlandesgericht Nürnberg bestätigt die Entscheidung im darauffolgenden Jahr. Erst 2020 hebt das Bundesverfassungsgericht sie auf. „Dieses Urteil schafft endlich Tatsachen und stärkt das Recht auf Meinungsfreiheit. Wer wie Xavier Naidoo mit antisemitischen Inhalten und Aussagen öffentlich von sich reden macht, muss dafür auch kritisierbar sein“, kommentiert die langjährige Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, die Kehrtwende in Karlsruhe.

Noch im Sommer 2019 nimmt die Plattenfirma Sony Music Naidoo neu unter Vertrag, übernimmt sein gesamtes bisheriges Werk. In einer Pressemitteilung spricht das Unternehmen von einem „Ausnahmekünstler“ und freut sich auf die Zusammenarbeit.

Naidoo-Karriereende mit Corona

Ein Sinneswandel in der breiten Öffentlichkeit beginnt erst in der Corona-Pandemie. Im März 2020 verbreiten sich zuvor unbekannte Videos von Xavier Naidoo. Darin singt er vor einer Handykamera über angebliche Gefahren, die von Migrantinnen und Migranten ausgehen. „Was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt?“, heißt es etwa in einem Songtext. RTL fordert Naidoo zuerst auf, sich zu erklären und beendet kurz darauf die Zusammenarbeit mit ihm. Auch andere Sender und Partner distanzieren sich.

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Für Naidoo beginnt mit diesem Zeitpunkt eine ganz andere Karriere: die des Verschwörungspropheten. Neben Figuren wie Attila Hildmann und den Gesichtern der „Querdenker“-Szene wird der Sänger einer der bekanntesten Köpfe der Bewegung, verbreitet auf seinen Kanälen beispielsweise auch die Qanon-Verschwörungserzählung. Ein bekanntes Video des Sängers zeigt ihn, wie er weinend vor der Kamera sitzt und davon spricht, dass „in diesen Momenten in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit“ werden. Die Verschwörungserzählung ist frei erfunden.

Auch musikalisch radikalisiert sich der Sänger immer weiter. Fortan veröffentlicht er seine Songs ohne die Hilfe von großen Plattenfirmen. Im Mai 2021 beispielsweise beteiligt sich Naidoo an einem Impfgegnermusikvideo des verschwörungsideologischen Hip-Hop-Projekts „Rapbellion“. Der Song „Ich mach da nicht mit“, zu dem Naidoo den Refrain beisteuert, ist ein Best-of rechter Verschwörungserzählungen – garniert mit Gewaltaufrufen. „Bewaffne dich, vernichte den tiefen Staat“ heißt es etwa in einer Zeile des Songs. In einer anderen Szene wird eine Explosion vor einem Impfzentrum simuliert und ein körperlicher Angriff auf einen Wachmann inszeniert.

Songs mit Neonazis

Wenige Monate später, im August 2021 bringt Xavier Naidoo gemeinsam mit dem neonazistischen Hooligan-Rocker Hannes Ostendorf von der Band „Kategorie C“ ein weiteres Musikvideo heraus. In „Deutschland krempelt die Ärmel hoch“ geht es ebenfalls um die Ablehnung der Corona-Impfungen und die „starken Männer“, die dem Land angeblich fehlten. Ostendorf bewirbt den Song später auch in einem Videointerview mit der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“. Ostendorf und seine Band „Kategorie C“ sind seit den 1990er-Jahren tief in der Neonazi-Szene verwurzelt. In einem frühen Lied heißt es etwa „Hoch auf dem gelben Wagen, sitz ich beim Führer vorn“.

Der Kontrast zum jetzigen Instagram-Statement könnte größer nicht sein. Er verurteile Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus aufs Schärfste, sagt Naidoo heute. Er bedauere, Menschen mit seinem Verhalten verletzt und vor den Kopf gestoßen zu haben. „Hierfür entschuldige ich mich und bitte um Verzeihung.“

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Wie glaubwürdig diese Kehrtwende ist, bleibt fraglich. Auf Musikplattformen wie Spotify allerdings ist von der jüngeren musikalischen Vergangenheit des Sängers nichts mehr zu sehen und zu hören: Hier sind alle Naidoo-Songs seit 2019 verschwunden.

Naidoo selbst will sich zunächst nicht weiter äußern. Auf eine Anfrage des RND teilte sein Management mit: „In der Hoffnung, dass die aktuelle Notsituation rasch ein Ende findet, wird es sicherlich zu einem späteren Zeitpunkt Gelegenheit für weitere Erläuterungen zu den Hintergründen von in der Stellungnahme getroffenen Aussagen geben.“ Für Naidoo hätten gerade „private Hilfsmaßnahmen für Familie, Freunde und andere Hilfsbedürftige aus der Ukraine“ oberste Priorität.

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