Overtourism in Italien

Venedig zögert Eintrittsgeld erneut heraus – und setzt auf andere Maßnahmen

Venedig füllt sich: Am Osterwochenende waren wieder viele Touristinnen und Touristen in der Stadt unterwegs.

Venedig füllt sich: Am Osterwochenende waren wieder viele Touristinnen und Touristen in der Stadt unterwegs.

An Ostern hat Venedig die Pandemie endgültig hinter sich gelassen: Am Ostermontag zählte die „Serenissima“, die „Heitere“, nach Angaben der Stadtbehörden 110.000 Besucherinnen und Besucher, am Ostersamstag waren es 160.000, an Ostern 140.000 und am Ostermontag immer noch fast 100.000. „Der Tourismus in Venedig ist wieder losgegangen“, twitterte Stadtpräsident Luigi Brugnaro danach freudig.

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Tatsächlich hatte die Stadt schon vor der Pandemie nur in Ausnahmefällen derart viele Touristinnen und Touristen angelockt. Gefreut haben sich natürlich auch die Hotel- und Restaurantbesitzerinnen- und besitzer. „Dank dem Umsatz von Ostern können wir beginnen, unsere Schulden abzubezahlen, die wir während der Pandemie angehäuft haben“, erklärte Claudio Scarpa, der Direktor des venezianischen Hotelierverbands.

Venedig: Hoteliers beklagen heftige Einbußen

Venedig, das sehr stark von ausländischen Reisenden abhängig ist – 60 Prozent von ihnen kommen aus Übersee – ist von der Pandemie überdurchschnittlich stark getroffen: Die Umsatzeinbußen betrugen 80 Prozent, viele Betriebe haben aufgeben müssen. Und wer überlebt hat, musste Kredite aufnehmen.

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Venedig: Boote fahren auf dem Canal Grande.

Venedig: Boote fahren auf dem Canal Grande.

Dies ist auch der Grund, warum die Stadtbehörden ihre schon 2019 beschlossene Bremse gegen den Overtourism in der Lagunenstadt, das berühmt-berüchtigte Eintrittsgeld, um ein weiteres Jahr auf 2023 verschoben haben, konkret auf den 16. Januar 2023. Um den Betrieben Zeit zu geben, „sich von der Pandemie zu erholen“, wie der städtische Minister für Tourismus, Simone Venturini, betonte.

Danach aber sollen die Touristinnenmassen zumindest ein wenig eingedämmt werden. Es wäre auch dringend nötig: Vor der Pandemie war die Lagunenstadt an der Adria mit ihren Kanälen und unzähligen Kulturgütern seit Jahren Schauplatz einer regelrechten Invasion: Im letzten Jahr vor der Pandemie haben 33 Millionen Touristinnen und Touristen die Stadt besucht, also durchschnittlich 90.000 am Tag. Das sind fast doppelt so viele wie Venedig Einwohner zählt: In der Stadt leben noch etwas mehr als 50.000 Menschen.

So soll das Eintrittsgeld gezahlt werden

Bei vielen Ankömmlingen handelt es sich um Tagestouristinnen und -touristen, die sich nicht zuletzt auch von den Kreuzfahrtschiffen in die Stadt ergießen. Wer nicht in Venedig übernachtet, wird ab nächstem Jahr voraussichtlich je nach Saison zwischen 3 und 5 Euro Eintritt bezahlen müssen. Die Steuer soll auf die Fahrscheine der Transportmittel draufgeschlagen werden, mit denen die Touristinnen und Touristen nach Venedig gelangen. So war es zumindest geplant gewesen, als der Stadtrat das „Ticket“ vor drei Jahren beschlossen hatte.

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Ob die Steuer im nächsten Jahr tatsächlich kommt, wird sich zeigen: Die Hoteliers, das Gastgewerbe und andere Branchen, die von den Reisenden leben, verfügen über eine starke Lobby in Venedig, und sie sind alles andere als begeistert. Bürgermeister Brugnaro wiederum ist selber Unternehmer und hat immer wieder ein offenes Ohr für die Sorgen der Gewerbetreibenden gezeigt.

20.04.2022, Italien, Venedig: Die Sonne geht im Arsenale unter. Die alle zwei Jahre stattfindende Biennale Arte gilt weltweit als das älteste und nach der documenta in Kassel bedeutendste internationale Forum der zeitgenössischen Bildenden Kunst. Foto: Felix Hörhager/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

20.04.2022, Italien, Venedig: Die Sonne geht im Arsenale unter. Die alle zwei Jahre stattfindende Biennale Arte gilt weltweit als das älteste und nach der documenta in Kassel bedeutendste internationale Forum der zeitgenössischen Bildenden Kunst. Foto: Felix Hörhager/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Kritik am Eintrittsgeld für Venedig: Nur Alibi-Maßnahme

Kritikerinnen und Kritiker bezeichnen das Eintrittsgeld ohnehin als reine Alibi-Maßnahme der Stadtbehörden, um nicht wirklich griffige Maßnahmen einführen zu müssen.

Die meisten Venezianerinnen und Venezianer glauben nicht, dass die Steuer die Zahl der Gäste senken wird: „Glauben Sie wirklich, dass Touristinnen und Touristen, die sich von Straßenhändlern ein in China produziertes Ramschsouvenir für 20 Euro andrehen lassen oder für einen Aperol Spritz auf der Piazza San Marco 25 Euro hinblättern, sich von einer einmaligen Abgabe von 3 Euro abschrecken lassen?“, fragte im italienischen Fernsehen unlängst ein Rentner, der seit seiner Geburt in der historischen Altstadt von Venedig lebt. Nachts werde er vom ewigen Gerumpel der Rollkoffer um den Schlaf gebracht.

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Seine Frage scheint berechtigt: Ein „Eintrittsgeld“ für Tagestouristinnen gibt es seit vielen Jahren auf Ischia und Capri – dessen Bremswirkung auf die Zahl der Touristinnen und Touristen liegt in beiden Fällen unter der Wahrnehmungsgrenze. Sehr viel wirksamer wäre die Einführung einer täglichen Obergrenze, eines Numerus Clausus für die Zahl der anreisenden Gäste. Aber davon wollen die Hotelierinnen und Hoteliers sowie die Stadtbehörden nichts wissen.

Stattdessen soll in diesem Jahr eine Reservierungspflicht ausprobiert werden. Sie wird wahrscheinlich am 1. Juni eingeführt; wie genau die kostenlose Onlinereservierung funktionieren wird, wolle die Stadt in den kommenden Wochen mitteilen, erklärte Venturini. Selbstverständlich wird es bei den Reservierungen keine Obergrenze geben.

Venedig ist bei Touristinnen und Touristen beliebt. Besonders an den beliebten Monumenten der Stadt kommt es daher oft zu Staus.

Venedig ist bei Touristinnen und Touristen beliebt. Besonders an den beliebten Monumenten der Stadt kommt es daher oft zu Staus.

Handyortung legt Verdacht auf illegale Übernachtungen nahe

Eine laut den Stadtbehörden „revolutionäre“ Maßnahme zur Erfassung der Menschenmassen hat Venedig vor Kurzem bereits eingeführt. Mithilfe von Kameras, Sensoren und Handy-Ortung kann Venedig seit einigen Monaten in einem zentralen „Smart Control Room“ sämtliche Reisende, aber auch die Einheimischen, tracken. Auch dieser „Big Brother“ hat, wie die angekündigte Reservierungspflicht, natürlich null Einfluss auf die Zahl der Gäste.

Eine Möwe posiert über dem Canal Grande in Venedig.

Eine Möwe posiert über dem Canal Grande in Venedig.

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Aber immerhin: In der Nacht auf Ostersamstag hat der Smart Control Room 160.000 Mobiltelefone registriert, die nicht Anwohnerinnen und Anwohnern gehörten. Den Steuerbehörden wurden aber nur rund 140.000 Übernachtungen gemeldet.

Da die 20.000 überzähligen Handy-Besitzerinnen und -besitzer kaum im Freien übernachtet haben werden, liegt der Verdacht nahe, dass ein großer Teil von ihnen schwarz, also steuerfrei, untergekommen ist. „Wir werden die Daten überprüfen und da, wo die Mobiltelefone über Nacht eingeloggt waren, Kontrollen durchführen“, ließ die Guardia di Finanza, die italienischen Steuerpolizei, verlauten.

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