Vor Galopp-Saisonstart

„Perspektive ist da“: Bult-Trainer Sprengel greift nach mageren Jahren wieder an

Ja, sie will kuscheln: Christian Sprengel schmust im Stall mit der Stute mit dem kuriosen Namen Ja, ich will.

Ja, sie will kuscheln: Christian Sprengel schmust im Stall mit der Stute mit dem kuriosen Namen Ja, ich will.

Langenhagen. Da ist aber jemand aufgeregt. Die braune Stute scharrt in ihrer Stallbox schon ungeduldig mit den Hufen. Sie will unbedingt raus und eine Runde laufen. „Ist ja gut, mein Mäuschen“, sagt Christian Sprengel und tätschelt liebevoll den kräftigen Hals der zweijährigen Galopperin mit dem ungewöhnlichen Namen: Ja, ich will, heißt sie. Der Name ist offenbar Programm – und gilt im übertragenen Sinn auch für Trainer Sprengel. Der 65-Jährige will auch, immer noch. Jetzt erst recht.

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Um Sprengel war es die letzten Jahre ruhig geworden. In seinem Stall auf dem Trainingsgelände auf der Neuen Bult in Langenhagen tummelten sich im Stroh mehr Mäuse als Pferde. Nur noch rund eine Handvoll Galopper bereitete Sprengel auf Rennen vor – jetzt sind es an die 20. Sprengel kann es sich selbst kaum erklären, dass er im Winter solch einen Zuwachs bekommen hat – und sich das Schicksal noch einmal einen neuen Dreh ausdenkt für seine lange und erfolgreiche Turfkarriere. Die war gefühlt nämlich schon vorbei.

„Natürlich habe ich schon den Gedanken gehabt, ganz aufzuhören“, sagt Sprengel, aber nicht erst 2021, „ich habe ja schon zwei Jahre drangehängt.“

Neben dem Dienstältesten Christian Sprengel haben drei weitere Trainer ihr Quartier auf der Neuen Bult in Langenhagen. Das größte Lot stellt Dominik Moser (48), der 37 Pferde im Training hat. Im vergangenen Jahr sammelte er 25 Siege („So viele wie noch nie“) bei lediglich 109 Starts und war damit erfolgreichster Bult-Trainer. In der bundesweiten Championatswertung belegte er den zehnten Rang. Nach der Siegquote war er sogar die Nummer eins in Deutschland. Berühmtester Galopper im Stall ist Namos, der Gewinner der Goldenen und Silbernen Peitsche.

Kollegin Janina Reese (35), die Anfang 2021 den Trainingsstall von Hans-Jürgen Gröschel übernommen hatte, gelangen in ihrer ersten Saison als Chefin 17 Siege und 57 Platzierungen. Eine sehr gute Bilanz, die die Besitzer aufhorchen ließ. Reeses Stall hat sich im Winter weiter gefüllt, 33 Pferde bereitet sie nun vor.

Für Bohumil Nedorostek (49) war es bis einschließlich 2020 stets steil bergauf gegangen. 2020 gelangen ihm aber nur 14 Siege. Nach dem schwierigen Jahr will er 2022 wieder angreifen. 28 Pferde stehen im Stall. Als einziger Bult-Trainer hat Nedorostek mit Donner Earl und Quirin noch zwei Galopper mit Nennung für das diesjährige Derby.

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Als es schlimmer eigentlich nicht mehr ging, kamen plötzlich die Besitzer zurück und baten Sprengel, ihre Galopper zu trainieren. „So, wie sie gegangen sind, so sind sie wiedergekommen“, sagt Sprengel. Er freut sich darüber natürlich riesig, „unerklärlich“ findet er es trotzdem, denn: „Ich habe immer gute und erfolgreiche Arbeit gemacht.“

Wie jeder Trainer hat Sprengel den Wunsch, junge Pferde zu entwickeln und Rennen zu gewinnen. Im Mai 2021 gelang ihm sogar der Jubiläumstreffer. El Commandante sorgte für Sprengels 600. Erfolg in Flachrennen. Klar, die glorreiche Zeit liegt schon etwas länger zurück. Insgesamt zehn Grupperennen hat Sprengel gewonnen, einmal sogar drei innerhalb von 14 Tagen. Seine Toppferde König Turf und König Concorde waren international bekannt. Sprengel gewann 2007 mit Electric Beat das Rennen um die Goldene Peitsche und 2016 mit Boscaccio das Kölner Union-Rennen, die wichtigste Derbyvorprüfung. Boscaccio wirkte unschlagbar, ging mit vier Siegen in Folge als hoher Favorit ins Derby in Hamburg, blieb dann aber förmlich im Matsch der Galopprennbahn in Hamburg-Horn stecken.

Diese schmerzhafte Niederlage haftete Sprengel lange an. Gefühlt ging es von da an bergab. In der Szene war Sprengel „nicht mehr der Union-Sieger, sondern der Derbyverlierer“. Die Enttäuschung von damals ist jedoch verarbeitet. „Ich habe schon öfter Höhen und Tiefen gehabt, aber die Hoffnung nie aufgegeben und immer Spaß gehabt“, sagt Sprengel. Er hat außerdem ein dickes Fell, ist seit mehr als 40 Jahren im Geschäft. Im Januar 1987 fing er als Trainer auf der Bult an und ist heute, 35 Jahre später, der Dienstälteste in Langenhagen.

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Umso bemerkenswerter, dass er passend zu seinem Jubiläumsjahr praktisch einen Neuanfang hinlegt. Sein Stall ist komplett durchgemischt, keines der aktuellen Pferde lief 2020 unter seinem Namen. Auch Ehefrau Marianne ist „froh, dass es was zu tun gibt und ich nicht zu Hause rumhänge“, flachst Sprengel und bereitet die wunderschöne Schimmelstute Magic Carousel für das Training vor. Eines von vielen Talenten im Stall. Die zweijährigen Hengste Nordstream und Buffalo will Sprengel sogar für das Derby 2023 in Position bringen. Am Ostermontag, beim Saisonstart auf der Heimbahn in Langenhagen, sattelt Sprengel drei oder vier Galopper. Darunter auch Magic Carousel für eine Sieglosenprüfung. „Es ist wieder eine Perspektive da“, sagt Sprengel zuversichtlich und gibt Magic Carousel einen Klaps. Eine Perspektive, Rennen zu gewinnen.

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