Sebastian Vettel über Klimaschutz und Formel I: „Ich bin mir dieses Zwiespalts bewusst“

Gewann vier Mal die Formel-1-Weltmeisterschaft: Sebastian Vettel.

Gewann vier Mal die Formel-1-Weltmeisterschaft: Sebastian Vettel.

Sebastian Vettel, es ist im November zwölf Jahre her, dass ein damals erst 23 Jahre junger Mann jüngster Formel-1-Weltmeister aller Zeiten wurde. Wie sehr unterscheidet sich der junge Mann von damals vom Familienvater von heute?

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Ich bin älter geworden, da ist es normal, dass man sich weiterentwickelt. Die Werte, die in einem schlummern, sind nicht neu. Aber man lebt sie offener aus und spricht sie direkter an. Ich beschäftige mich heute auf jeden Fall mit anderen Themen als damals.

Es geht also nicht mehr nur darum, um jeden Preis ein Formel-1-Rennen zu gewinnen?

Der sportliche Ehrgeiz ist immer noch da, aber es gibt daneben viel mehr Dinge, die man wahrnimmt und mit denen man sich beschäftigt, wenn man ein wacher Mensch ist.

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„Ich will niemanden mit erhobenem Zeigefinger belehren“

Sie beschäftigen sich mit Umweltschutz, Gleichberechtigung, Demokratie. Inwiefern nutzen Sie dabei auch Ihre Reichweite, um Veränderungen zu bewirken?

Ich will niemanden mit erhobenem Zeigefinger belehren. Aber ich finde es gut, wenn ich Menschen inspirieren kann – mit positiven Botschaften. Nehmen wir das Kartevent für Frauen in Saudi-Arabien. Da ging es darum, die positive Wandlung, die Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren begonnen hat, anschaulich zu machen und voranzutreiben.

Warum glauben Sie, dass solche Aktionen besser sind als ein Boykott?

Boykottieren ist der falsche Weg. Wenn man etwas verändern möchte, macht es keinen Sinn, Menschen oder Länder auszugrenzen. Saudi-Arabien befindet sich im Wandel, und was ich von meiner Reise oder dem Frauenevent mitgenommen habe, ist, dass für viele Leute dieser Wandel, auch wenn es langsam vorangeht, sehr viel Positives bedeutet. Es geht um neue Freiheiten, die sie so vorher noch nicht erfahren durften. Die Frauen waren tatsächlich sogar sehr weltoffen. Wir sollten uns diesen Menschen nicht verschließen. Wenn wir uns nicht trauen, den Leuten zu begegnen, bleiben wir doch oft schon an den Vorurteilen hängen.

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„Ich finde ich es richtig, wenn Sportler ihre Meinung sagen“

Stellt sich dennoch die grundsätzliche Frage: Sollten Sportler sich in die Politik einmischen?

Wir haben das Glück, in Ländern zu leben, in denen es Meinungsfreiheit gibt, deswegen finde ich es auch richtig, wenn Sportler ihre Meinung sagen und nicht nur auf ihren Sport reduziert werden. Mit unserem Sport haben wir eine Plattform, durch die wir viele Menschen erreichen und so die Zukunft positiv beeinflussen können. Das ist eine Chance, aber auch eine Verantwortung. Die Entscheidung darüber sollte allerdings von jeder Sportlerin und jedem Sportler frei getroffen werden dürfen.

Oft richtet man sich dabei ja auch nach Vorbildern. Gibt es jemanden außerhalb Ihres Lebenskosmos, den Sie bewundern?

Ich bin nicht gut darin, spontan Namen zu nennen. Es sind diejenigen, die aufstehen, die Generationen wachrütteln können, damit wir am Ende eine bessere Welt haben. Wer hätte schon gedacht, dass dieses junge schwedische Mädchen das Bewusstsein von Millionen von Menschen wachrüttelt, weil es die Schule bestreikt, um auf die Probleme unseres Planeten hinzuweisen?

Auch Sie rütteln wach, nämlich die Formel-1-Macher. Sie kritisieren, dass die Königsklasse ihrer technischen Vorreiterrolle nicht schnell genug nachkommt. Warum?

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Bis Ende 2025 fahren wir mit den aktuellen Motoren, die zu kompliziert sind, um ein Vorbild für die Serienentwicklung zu sein. Wir erhöhen den Anteil von nachhaltigen Kraftstoffen deshalb zunächst nur auf 10 Prozent. Mir geht das alles nicht schnell genug. Man muss die Probleme jetzt anpacken und Lösungen finden. Die Formel 1 hätte so viele Möglichkeiten, den Weg in die Zukunft der Mobilität zu weisen. Aber die verschiedenen Interessen stehen sich gegenseitig im Weg.

„Manchmal ist man glücklich, manchmal wütend, manchmal traurig“

Am Ende ist die Formel 1 eben auch nur ein Business.

So kann man das sehen. Aber es ist zu kurz gedacht. Nehmen Sie das Beispiel Deutschland: Der Staat will kein Formel-1-Rennen mehr subventionieren, wie es früher hier üblich war oder jetzt in anderen Ländern ist. Deshalb fahren wir teilweise in Staaten ohne Motorsporttradition. Ich glaube, das könnte anders sein, wenn wir mit der Formel 1 einerseits guten Sport und andererseits Lösungen für die Probleme der Zukunft bieten könnten. Dann ist es auch keine Frage mehr, ob die Formel 1 noch zeitgemäß ist.

Ihre Sicht auf die Formel 1 hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Welche Rolle spielt da auch Ihr „Job“ als Vater?

Eine große. Ein Beispiel: Als ich anfing, hat es niemanden interessiert, was ich in den Helm brüllte, weil es kaum jemand hören konnte. Das ist heute anders. Ich habe oft Gegenwind für meine Emotionen bekommen. Dabei ist das mit den ersten Reaktionen von Fußballern auf dem Platz zu vergleichen. Ich finde: Man sollte seine Gefühle ausleben und zu ihnen stehen. Aber man muss nicht zehnmal „Sch …“ brüllen. Man muss kein Heiliger sein. Aber man sollte zumindest zeigen, dass man einer sein will. Ich will meinen Kindern ja auch eine gewisse Sprache vorleben. Emotionen bleiben aber wichtig. Gerade im Sport. Manchmal ist man glücklich, manchmal wütend, manchmal traurig. Es ist keine Schande, genau das auch zu zeigen. Entscheidend ist aber die Art und Weise.

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Sie sind jemand, der zu seinen Werten und Idealen steht. Wie wichtig ist Ihnen das?

Bei allem, was man tut und sagt, sollte man immer noch in den Spiegel schauen können. Wenn man mir anbieten würde, das schnellste Auto in der Formel 1 fahren zu dürfen und ich damit den nächsten Sieg und Titel garantiert hätte, ich aber dafür nackt im Auto sitzen müsste, würde ich sagen: Nein, danke! Man muss für seine Werte und Ideale einstehen. Aber jeder muss für sich selbst entscheiden, was er dafür zu tun bereit ist.

„Ich versuche möglichst energieeffizient zu leben“

Sie müssen sich dabei vorwerfen lassen, dass Sie nicht bereit sind, Ihren Job als Rennfahrer an den Nagel zu hängen. Immerhin rasen Sie mit benzinfressenden Autos im Kreis.

Ich bin mir dieses Zwiespalts bewusst und denke auch viel darüber nach. Allerdings ist die Formel 1 nach wie vor der Sport, den ich liebe. Deshalb versuche ich anzupacken, was in meiner Verantwortung liegt und was ich verändern kann.

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Zum Beispiel?

Ich versuche möglichst energieeffizient zu leben, nutze – wenn es geht – das Fahrrad statt des Autos, den Zug statt des Flugzeugs. Ich kompensiere meinen CO₂-Fußabdruck, ernähre mich nachhaltig und spreche offen auch die Probleme des Motorsports an. Generell interessiere ich mich schon seit längerer Zeit für die Klimakrise und ihre Folgen. Und weil die Sache so dringlich ist, dass wir es uns nicht mehr leisten können, nur darüber zu reden, finde ich es wichtig, aktiv zu werden und zu handeln. Ich habe also auf einen Anbieter von erneuerbarem Strom gewechselt, verzichte weitgehend auf Plastik im Haushalt, versuche wenig Müll zu produzieren. Ich habe meine Ernährung angepasst und versuche mich lokal und saisonal zu ernähren. Auf meinem Dach habe ich eine Fotovoltaikanlage. Es geht darum, dass jeder seinen Beitrag leisten kann.

Auch innerhalb des Sports übernehmen Sie Verantwortung: Es war offensichtlich, dass Sie für Mick Schumacher, den Sohn ihres sportlichen Idols, eine Art Ziehvater gespielt haben. Haben Sie ihm gegenüber tatsächlich Verantwortung gespürt?

Nicht wirklich. Natürlich ist die Verbundenheit über Michael da. Aber Mick kommt aus einem sehr guten Elternhaus. Er ist ein sehr vernünftiger, gut erzogener junger Mann, der jetzt bereit ist, seinen eigenen Weg zu gehen. Das macht er sehr gut. Im schlechtesten Auto hat er seinen Job gemacht und den Teamkollegen geschlagen. Seine Arbeitseinstellung erinnert mich an seinen Vater, er ist immer enthusiastisch bei der Sache und zieht so das ganze Team mit. Das macht er gut, und das freut mich. Ich wünsche ihm von Herzen ein Auto, mit dem er im nächsten Jahr mehr Akzente setzen kann. Ich bin aber mehr Freund als jemand, der Verantwortung spürt. Für Freunde ist man immer da, um zu helfen. Ich habe deswegen auch null Konkurrenzdenken ihm gegenüber und gebe meine Erfahrungen gerne weiter. Ich bin eh nicht der Typ, der alles abwägt, um eigene Vorteile zu haben und Spielchen zu spielen.

Man muss kein Heiliger sein. Aber man sollte zumindest zeigen, dass man einer sein will.

Sebastian Vettel

Würde der Freund ihm raten, eines Tages zu Ferrari zu gehen, obwohl Sie selbst an der Scuderia gescheitert sind?

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Absolut. Auch wenn bei mir dort der ganz große Erfolg ausgeblieben ist. Aber ich hatte ja trotzdem schöne Jahre. Und die Marke wird immer etwas Besonderes sein. Ich würde ihm jedenfalls nicht wegen der paar Sachen, die bei mir nicht so gut geklappt haben, abraten. Menschen neigen dazu, in Erinnerungen das Glas immer halb leer zu sehen. Ich sehe es lieber halb voll und das Positive überwiegt. Zu viel motzen bringt nichts.

Würden Sie es gerne sehen, wenn auch Ihre Töchter und Ihr Sohn eines Tages in Ihre Fußstapfen treten?

Im Moment nicht. Das ist auch noch viel zu weit weg. Ich wünsche mir, dass meine Kinder glücklich sind, egal, was sie machen. Ich habe da null Erwartungen. Ich habe schon so viele Leute erlebt, die viel Geld haben und trotzdem nicht glücklich sind. Und umgekehrt. Je größer der Kontostand, desto größer das Glück – diese Formel stimmt nicht. Ich kenne viele Leute, die dem großen Geld nacheifern, wenn die Zielflagge fällt, steht da aber kein Pott mit Glück. Glück ist, wenn man Spaß hat. Und das will ich für meine Kinder. Ich weiß, es klingt romantisch, besonders wenn man selbst Geld hat. Aber es ist nun mal das, an was ich glaube. Wenn es dann wirklich so ist, dass sie fahren wollen, dann würde ich sie darin unterstützen. Ich wäre aber auch nicht traurig, wenn das nicht so ist.

Also ist es ein Luxusproblem, wenn Ihr Aston Martin auch nächstes Jahr nicht schnell genug ist, um zu siegen?

Als Sportler ärgere ich mich und tue alles dafür, dass er schneller werden kann. Aber es ist nicht lebensbedrohlich, das stimmt. In diesem Sinne ist es ein Luxusproblem. Aber das heißt nicht, dass man in seinem eigenen kleinen sportlichen Mikrokosmos nicht alles tun will, um zu gewinnen. Sonst würde es keinen Sinn mehr machen.

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Inwiefern ist es auch eine Form von Verantwortung, Aston Martin an die Spitze der Formel 1 zu führen?

In gewisser Weise schon. Die Motivation ist da, wir versuchen uns gemeinsam zu steigern, und das Team versucht alles zu drehen und zu wenden, was möglich ist. Die neuen Regeln bieten eine große Chance. Aber wir müssen auch realistisch bleiben und dürfen nicht über die Favoritenrolle reden, sondern müssen schauen, wie gut unser Auto ist.

Wie lange bleiben Sie der Formel 1 noch treu, um ihre Botschaften zu transportieren?

Natürlich stellt man sich manchmal die Sinnfrage. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir der Gedanke noch nicht durch den Kopf gegangen ist. Aber ich fahre nicht weiter, nur um Botschaften zu transportieren. Dann wäre ich mir nicht treu und auch nicht mehr so gut. Wenn ich den inneren Antrieb nicht mehr spüre und nur dabei bleibe, um Nachrichten zu vermitteln oder den Kontostand zu erhöhen, wäre das ein Verrat an der Generation, die noch kommt.

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