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Weihnachtswerkstatt - Region Nord

Erste Hilfe für einen Engel

Erste Hilfe für einen Engel

Bastian saß auf der Stufe vor der blauen Haustür. Seine blonden Locken waren zerzaust, sein rechtes Knie aufgeschlagen und ein Flügel hing herunter. Ja, Bastian hatte Flügel, denn er war ein Engel. Im Dezember war er in weihnachtlicher Mission unterwegs, sammelte Wunschzettel ein, schaute durch Kinderzimmerfenster und führte Buch, um im Himmel Bericht erstatten zu können, damit die Geschenkeplanung reibungslos funktionierte.

Eine Weihnachtsgeschichte von Ingrid Siegmann

Ich weiß nicht, wie ­ich mit einem gebrochenen Flügel fliegen soll. Wie komme ich bloß wieder nach Hause?

An diesem nebligen Abend war die Sicht schlecht und Bastian war nicht wie geplant auf einer Wiese, sondern in einer Baumkrone gelandet. Einer seiner Flügel hatte sich im Geäst verfangen und einen Bruch davongetragen, sein rechtes Knie hatte er sich beim Aufprall auf einen spitzen Stein, der unter dem Baum lag, verletzt. Bastian war so verzweifelt, dass dicke Tränen seine Wangen hinunterliefen. Sein Jammern tönte durch den stillen Vorgarten, den er humpelnd erreicht hatte, denn wie sollte er mit dem lädierten Flügel seinen Heimflug antreten? Doch nun wurde die Haustür geöffnet, und eine junge Frau streckte ihren Kopf heraus. Offensichtlich hatte sie Bastians Schluchzen gehört und wollte nachsehen, was vor ihrer Tür geschah. „Oh Gott, da sitzt ja ein Engel!“, rief sie überrascht. „Jawohl, ein Engel mit Namen Bastian“, schniefte der Kleine.

„Und ich heiße Carolin“, stellte sich die Hausbesitzerin vor, „was ist denn mit dir passiert?“ Bastian berichtete von seiner missglückten Landung und wies auf den fluguntüchtigen Flügel. „Ich weiß nicht, wie ich mit einem gebrochenen Flügel fliegen soll. Wie komme ich bloß wieder nach Hause?“ Seine runde, rosige Stirn legte sich in tiefe Sorgenfalten. „Komm erst einmal herein“, forderte Carolin ihn auf, „ich finde bestimmt eine Lösung.“ Sie nahm Bastian mit in ihre Küche und machte ihm zuerst einen heißen Kakao, damit ihm warm wurde. Dann holte sie Wundspray und eine Mullbinde aus ihrer Hausapotheke und verband sein blutendes Knie. „So, Bastian, das Knie wird in ein paar Tagen verheilt sein, aber nun will ich mir mal deinen Flügel anschauen.“ Bastian drehte ihr den Rücken zu, und Carolin untersuchte die Bruchstelle. „Kein Problem, das kann ich schienen“, erklärte sie ihrem himmlischen Gast. Sie ging ins Wohnzimmer, wo neben dem Kaminofen ein Korb mit Anmachholz stand. Sie suchte das kleinste, feinste Holzstück heraus und holte auch noch eine Packung Pflaster aus dem Arzneischrank. Bastian schaute sie erwartungsvoll an. „Jetzt halt mal ganz still“, wies sie ihn an. Dann legte sie das feine Holzstück über die Bruchstelle am Flügel und befestigte es mit einem besonders breiten Pflasterstreifen. Bastian spreizte ganz vorsichtig seine Flügel und bewegte sie leicht auf und ab. Er hob vom Boden ab und schwebte unter der Küchendecke. „Toll, Carolin, das hast du ganz wunderbar gemacht“, rief er begeistert. Carolin blickte zufrieden lächelnd zu ihm hoch und bemerkte dabei, dass der Saum seines Gewands aufgerissen war. Sie deutete auf die Stofffetzen und stellte energisch fest: „Na, so lasse ich dich aber nicht in den Himmel zurück! Was soll denn Petrus denken, wenn du mit diesem ausgefransten Kleid vor ihm stehst!“ Dann fügte sie beruhigend hinzu: „Aber auch das kriegen wir wieder hin.“ Sie holte einen großen Wollschal aus ihrem Garderobenschrank und hielt ihn dem kleinen Engel hin. „Hier, zieh dein Kleid aus und wickle dich in den Schal.“

Während sie ihm eine weitere Tasse Kakao einschenkte, tat Bastian, wie ihm geheißen. Dann setzte er sich gemütlich in die Ecke der Küchenbank und schlürfte seinen Kakao. Carolin nahm das aufgerissene Kleid und ging in ihr Nähzimmer. Sie suchte in ihrem Stoffvorrat nach einem geeigneten Rest und fand ein größeres Stück in Blau mit kleinen weißen Sternen darauf. Flink schnitt sie einen passenden Streifen zu und setzte ihn mit der Nähmaschine als neuen Saum ans Engelgewand. Der Stoffrest war aber so groß, dass er auch noch für einen Schal reichte, der schnell unter Carolins geschickten Händen entstand.

Als sie zurück in die Küche kam, saß Bastian vergnügt in den Wollschal eingemummelt und summte „Oh du fröhliche…“. Carolin reichte ihm das reparierte Kleid, das er sofort überstreifte, und als er auch noch den passenden Schal sah, begannen seine Augen zu leuchten. Vor dem Garderobenspiegel im Flur drehte er sich hin und her und warf den Schal schwungvoll um den Hals. Carolin schmunzelte bei diesem Anblick, denn sie hatte nicht gewusst, dass Engel auch eitel sein können. „Oh, ich bin dir so dankbar, Carolin!“, rief der kleine Engel und bestaunte sein Spiegelbild. „Das Wichtigste ist ja, dass mein Flügel wieder heil ist, dass du mein Gewand aber noch mit dieser schicken Sternenborte besetzt und den Schal dazu genäht hast, finde ich ganz wunderbar. So etwas Schönes hat gewiss kein anderer Engel!“ Bastian ergriff Carolins Hände und drückte sie ganz fest. „Es war ein glücklicher Zufall, dass ich gerade vor deiner Tür gelandet bin. Danke für alles, und ich wünsche dir eine schöne Weihnachtszeit!“ „Keine Ursache“, erwiderte Carolin, „das habe ich gern getan, und schließlich macht man nicht alle Tage die Bekanntschaft eines Engels!“ Mit diesen Worten öffnete sie die Haustür und Bastian schlüpfte nach draußen. Während er seine Flügel ausbreitete, warf er ihr noch eine Kusshand zu. Dann schwebte er in den nebligen Abendhimmel. Das Letzte, was Carolin von ihm sah, war der wehende Sternenschal.

INGRID SIEGMANN AUS BURGWEDEL hat eine Geschichte geschrieben, zu der sie ihre Tochter Carolin inspiriert hat, die als Apothekerin tätig ist und in ihrer Freizeit gerne näht. Die 69-Jährige meint: „Ich denke, in dieser schwierigen Zeit kann eine märchenhafte Geschichte große und kleine Leser in die stimmungsvolle Atmosphäre von Weihnachten versetzen.“

SIGRID BLANDZINSKI AUS HANNOVER schreibt zu ihren selbstgebastelten Engeln: „Wir waren mal Kegel, schon alt und verwittert. Haben vor’m Grollen der Kugel gezittert. Doch plötzlich sind wir über Nacht, als Weihnachtsengel aufgewacht.“