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Über das Vergessen der Menschen

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Erinnern und Vergessen: Die Künstlerinnen Sybille Loew (links) und Lena Knilli in Loews Installation „Stiller Abtrag“. Fotos: Michael Schütz (2

Gemeinschaftliche Ausstellung von vier Künstlerinnen in der Städtischen Galerie

Die sehr unterschiedlichen Werke von vier Künstlerinnen sind noch bis zum 20. November in der Städtischen Galerie in der Alten Schlosserei zu sehen. Die formal sehr differenten Arbeiten von Jana Kasalová, Lena Knilli, Sybille Loew und Kateřina Šedá haben allerdings ein gemeinsames Thema, das sie verbindet. Es ist im Titel der gemeinsamen Ausstellung festgehalten: Sie hat den tschechischdeutschen Namen „Zapomnění / Vergessen“.

Das Thema Vergessen und Erinnern hat in der Städtischen Galerie gleich mehrere Ebenen – von der persönlichen bis hin zur staatlichen. „Kunst stellt stets einen Gesellschaftsbezug her“, erklärt die Leiterin der Städtischen Galerie, Julienne Franke, bei der Vernissage, zu der mit Knilli und Loew zwei der vier Künstlerinnen nach Lehrte gereist waren. Zu diesen verschiedenen Ebenen kommen noch die verschiedenen künstlerischen Mittel hinzu, die die vier Frauen als Herangehensweise ausgewählt haben.

Scans werden zu Collagen

Die Wienerin Lena Knilli, die die Idee zu der Gemeinschaftsausstellung hatte, geht dabei den Weg von Wissenschaft und Medizin zur Kunst. In einer Anatomie des Vergessens nimmt sie Gehirnscans von demenziell veränderten Menschen als Grundlage für ihre Collagen. „Die medizinisch-diagnostischen Bilder des Gehirns erscheinen in unterschiedlichen Farben“, beschreibt Franke. „Das Gehirn scheint selbst zu verblassen wie die Erinnerung.“

Hinzugefügte Garnspulen und Fäden stellen die symbolisch-assoziative Ebene der identitätsstiftenden Erinnerungen dar, die mit dem Alter und dem Fortschreiten der Demenz immer lockerer werden. Knilli will damit das Thema Demenz von einer abstrakt-medizinischen auf eine künstlerische und menschliche Ebene heben.

Schilder für Menschen

Erinnerungen an Menschen stehen auch bei Sybille Loew im Mittelpunkt ihrer beeindruckenden Installation „Stiller Abtrag“. Die Münchnerin hat die Namen, das Alter und das Sterbedatum aller im Jahr 2005 in der bayerischen Landeshauptstadt von Amts wegen beerdigten Menschen auf Schilder gestickt und sie an Fäden aufgehängt.

Keineswegs zufällig erinnern die Schilder an jene, die Neugeborene im Krankenhaus oder Verstorbene in der Leichenhalle als Identitätsnachweis angehängt bekommen. Unter den Betroffenen sind sowohl Menschen, die einsam und ohne Familie verstorben sind, als auch Babys aus dem Krankenhaus. „Mit ihrer Installation schafft Sybille Loew einen Ort des Gedenkens jenseits des Friedhofs und stellt eine neue Verbindung her zwischen all den Menschen einer Stadt, die einsam oder ohne Nachkommen verstorben sind“, erklärt Franke.

Landkarten als Erinnerungsspeicher

Die Herangehensweise der beiden tschechischen Künstlerinnen könnten kaum verschiedener sein. Jana Kasalová hat auf einer staatlich-gesellschaftlichen Ebene die Erinnerungen thematisiert, die in Orts- und Landschaftsbezeichnungen auf Landkarten entweder bewahrt oder getilgt werden. Die Namen sind Erinnerungsträger, die leicht austausch- und zerstörbar sind. Zu sehen sind Landkarten, auf denen Namen von Orten, Bergen oder Seen geschwärzt sind. Das macht die Orientierung sehr viel schwieriger und verdeutlicht, wie wichtig Bezeichnungen sind. Auf anderen Karten hingegen sind nur die Namen zu sehen und die Landmarken unsichtbar. „Hier scheint die Erinnerung nur punktuell sichtbar zu sein“, beschreibt Franke. „Die Orte befinden sich im Nirgendwo.“ Landkarten seien mehr als nur Orientierungshilfe, meint die Leiterin der Galerie. „Sie sind auch immer ein Erinnerungsspeicher.“

Das Gedächtnis der Großmutter

Auf eine ganz persönliche, familiäre Ebene bringt Kateřina Šedá das Thema Erinnerung. Sie stellt ihre Großmutter in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Diese war von 1950 bis 1983 Leiterin eines Werkzeuglagers, stellte aber nach dem Ende des Arbeitslebens und dem Tod ihres Mannes alle Tätigkeiten ein, einschließlich Einkaufen, Kochen und Putzen.

"Mit ihrer Installation schafft Sybille Loew einen Ort des Gedenkens jenseits des Friedhofs und stellt eine neue Verbindung her zwischen all den Menschen einer Stadt, die einsam oder ohne Nachkommen verstorben sind."
Julienne Franke, Leiterin der Städtischen Galerie

Um wieder einen Zugang zur verstummten Großmutter zu finden, hat Šedá sie bewogen, den gesamten Warenbestand ihres früheren Lagers, den die alte Dame noch im Gedächtnis hatte, in einem gemeinsamen Zeichenprojekt auf Papier zu bringen. Ein Teil der Zeichnungen sind in der Galerie zu ­sehen.

■ Die Ausstellung „Zapomnění / Vergessen“ ist noch bis zum ­ 20. November in der Städtischen Galerie, Alte Schlosserei 1, zu sehen. Geöffnet dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Am Donnerstag, 17. November, findet um 15.30 Uhr noch eine öffentliche Führung durch die Ausstellung statt. Eine Anmeldung dazu ist nicht nötig. Auch hierzu ist der Eintritt frei.