Datenanalyse zum Außenhandel

Abhängigkeiten von China: was die Exportzahlen verraten

Das Containerschiff „Cosco Pride“ fährt auf der Elbe vor dem Containerterminal Tollerort im Morgennebel.

Das Containerschiff „Cosco Pride“ fährt auf der Elbe vor dem Containerterminal Tollerort im Morgennebel.

Seit Russland Deutschland das Gas abgedreht hat und die industriellen Lieferketten wegen Chinas “Null Covid”-Politik nicht mehr reibungslos funktionieren, werden die internationale Arbeitsteilung und die damit verbundenen Abhängigkeiten zunehmend kritisch gesehen. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat deshalb die Daten zum Außenhandel im Detail ausgewertet und problematische Entwicklungslinien nachgezeichnet.

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Während der Russland-Handel für Deutschland mit Ausnahme des Energiesektors eine untergeordnete Rolle spielt, hat China für die deutsche Wirtschaft eine zentrale Bedeutung. Laut Statistischem Bundesamt wurden allein im vergangenen Jahr Waren im Wert von 246,5 Milliarden Euro zwischen Deutschland und China gehandelt. Damit war die Volksrepublik bereits zum sechsten Mal in Folge der wichtigste Handelspartner Deutschlands.

Vor allem seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 steigen Wirtschaftsleistung und Exporte Chinas gleichzeitig in großen Schritten. Feierte Deutschland zu Beginn des Jahrtausends noch regelmäßig seinen Titel als Exportweltmeister, so ist China in dieser Hinsicht längst vorbeigezogen. Auch wenn sich das Wachstum nach Einschätzung der Weltbank künftig abschwächen dürfte, hat China seinen festen Platz unter den größten Wirtschaftsnationen.

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Der rasante Aufstieg des Landes, seine Öffnung für ausländische Investoren und die Einbindung in die internationale Arbeitsteilung haben Wohlstand in China geschaffen und im Westen vermehrt. Allen voran Deutschland hat mit seiner Konzentration auf hochwertige Investitionsgüter von Chinas Nachfrage nach Maschinen, Autos und Anlagen profitiert.

Handelszahlen unterzeichnen Chinas Bedeutung

Mittlerweile wird etwa jeder dritte von deutschen Herstellern produzierte Pkw in China verkauft, so der Verband der Automobilindustrie (VDA). Bei Volkswagen ist es sogar jeder zweite. Und es könnten noch viel mehr werden. 1,4 Milliarden Menschen leben in China, nur etwa 12 Prozent von ihnen besitzen bislang ein Auto.

Dabei zeigen die Exportzahlen noch nicht einmal das komplette Bild, denn viele Fahrzeuge deutscher Hersteller werden direkt in China hergestellt. Seit einigen Jahren produziert die deutsche Autoindustrie dort sogar mehr Fahrzeuge als in Deutschland.

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Heute sind über 5000 deutsche Unternehmen in China ansässig und schaffen dort rund eine Million Arbeitsplätze. Deutsche Automobilhersteller und -zulieferer sind laut VDA mit 350 Standorten in China vertreten. Damit ist China Deutschlands größter Auslandsstandort.

Elektronik aus China ist begehrt

Nicht nur die Industrie profitiert vom Austausch mit China, auch die deutschen Verbraucher ziehen Vorteile aus der günstigen Produktion in chinesischen Fabriken. Gefragt sind hierzulande vor allem elektrotechnische Erzeugnisse.

Seit 2008 sind Computer von Huawei, Smartphones von Xiaomi und vieles andere mehr im Wert von fast 400 Milliarden Euro aus China importiert worden. Das entspricht 28,5 Prozent aller Importe.

Die Außenhandelsdaten zeigen, mit welcher Dynamik China in den deutschen Markt drängt. In einigen Produktgruppen hat sich der Wert der Lieferungen seit 2008 vervielfacht. Ein Ausreißer waren Anfang 2022 Erzeugnisse der organischen Chemie (siehe Grafik unten).

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Das Statistische Bundesamt führt den Anstieg auf die Einfuhren von Lactamen zurück, einer chemischen Verbindung, die sowohl für die Kunststoff- als auch für die Medikamentenherstellung verwendet wird. Auf lange Sicht ist der Anteil der organischen Chemie mit 3,3 Prozent aber überschaubar. Ähnliche Steigerungsraten erreichen beispielsweise auch Kraftfahrzeuge und Kunststoffe.

Die Bürger in Deutschland haben sich längst an die Importe von billigem Spielzeug und günstige Kleidung aus Fernost gewöhnt. Dennoch würde ein Ausfall dieser Lieferungen die Gesellschaft wohl kaum vor ernsthafte Probleme stellen. Anders liegt der Fall bei Technologien wie der Batterietechnik und der Robotik. Die Produktion hängt von importierten Rohstoffen aus wenigen Ländern ab, oftmals eben aus China.

„Dringender Handlungsbedarf für krisensichere Lieferketten besteht bei neun kritischen Mineralien: Kobalt, Bor, Silizium, Graphit, Magnesium, Lithium, Niob, seltene Erden und Titan”, schreibt Lisandra Flach, Leiterin des Zentrums für Außenwirtschaft im Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo. Hier seien mehr Bezugsquellen nötig, um die Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. Auch bei Solarzellen etwa ist Deutschland auf chinesische Einfuhren angewiesen.

Die USA wollen sich von China lösen

Die USA verfolgen bereits seit Längerem eine Strategie zum Abbau der Abhängigkeiten von China, das sogenannte Decoupling, also Entkopplung. Auch die deutsche Bundesregierung wird gedrängt, ihre China-Strategie zu ändern. Bundeskanzler Olaf Scholz, zuletzt mehrmals mit Wirtschaftsvertretern in Asien unterwegs, spürt den Druck – und auch den Gegendruck der deutschen Unternehmenslenker. „Diversifizierung heißt nicht Abkopplung von China“, lautet seine Kompromissformel.

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Bisher lassen sich die Bemühungen um Diversifizierung allerdings noch nicht in der Handelsstatistik ablesen. Im Gegenteil: Die Importe aus China erreichen immer neue Höchstwerte, während China im Gegenzug seine Abhängigkeit von Europa sukzessive reduziert, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt.

Demnach versucht China, den Status quo zu seinen Gunsten zu verändern. Der chinesische Markt soll immer mehr durch Produktion vor Ort statt durch Exporte bedient werden. Das Fazit der Studie: Die deutsche Wirtschaft ist sehr viel abhängiger von China als umgekehrt.

In Zahlen ausgedrückt: Das schon seit Jahren hohe deutsche Handelsbilanzdefizit mit China steigt und steigt, weil die Importe viel stärker zulegen als die Exporte.

Das Konzept des Dual Circulation, also der zwei Kreisläufe, soll das Reich der Mitte weniger abhängig vom Warenaustausch machen, vor allem mit den USA. Die Strategie ist die Antwort auf das Decoupling, der möglichst weitgehenden Abkopplung der amerikanischen von der chinesischen Wirtschaft.

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Bisher hat Peking mehr messbare Resultate vorzuweisen als die USA: China ist die mit Abstand größte Exportnation vor den USA, aber nur das zweitgrößte Importland mit ebenfalls großem Abstand hinter den USA. Im Jahr 2020 lieferte China nach Angaben der Weltbank fast viermal so viel in die USA, wie es von dort importierte.

Deutschland hat zwar wie China insgesamt einen beachtlichen Handelsbilanzüberschuss. Allein mit den USA übertrafen die Ausfuhren im Jahr 2021 um fast 50 Milliarden Euro die Einfuhren, mit Frankreich um fast 41 Milliarden Euro.

Aber ausgerechnet mit China, das Taiwan bedroht, die Menschenrechte verletzt und den Handel bereits in der Vergangenheit politisch instrumentalisiert hat, ergibt sich ein Handelsbilanzdefizit von 39 Milliarden Euro im Jahr 2021. Im Jahr 2022 waren es bislang bereits 54 Milliarden Euro, und das sind erst die Zahlen bis August.

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