Entwicklungshilfe

Die Ein-Dollar-Brille: Wie ein Physiklehrer aus dem Allgäu der Welt das Sehen beibringt

Sozialunternehmer Martin Aufmuth mit einem Kind aus Malawi.

Erlangen. Die Temperaturen am Amazonas steigen auf gut 40 Grad Celsius. Es ist feucht. Alles klebt am Leib. Westlich der Millionenmetropole Manaus werden die Dörfer entlang des mächtigen Stroms immer abgelegener. Dort mangelt es an vielem, auch an Augenärztinnen, Augenärzten und Brillen.

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Das Team, das sich mit kleinen Booten, augenoptischem Gerät und Einzelteilen für Brillen dorthin für den Tag aufgemacht hat, muss bald wieder zurück in die Zivilisation. Für eine letzte Patientin bleibt noch Zeit. Es ist die 14-jährige Thalia. Das Ergebnis ihres Augentests sorgt für einiges Stirnrunzeln. Sieben Dioptrien. Aber eine Brille hat Thalia noch nie auf der Nase gehabt.

„Ich versuche, in der Schule vorn zu sitzen, und wenn die Schrift zu klein ist, bitte ich die Lehrerin, größer zu schreiben, oder ich gehe mit dem Heft nach vorn und schreibe dort von der Tafel ab“, erzählt sie. Da trägt sie bereits ihre erste Brille und sieht zum ersten Mal in ihrem Schulkindleben scharf.

„Schnellste Brille der Welt“

Viel mehr als 20 Minuten dauert es nicht, bis Martin Aufmuth und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter ein Brillengestell zurechtgebogen und Gläser in der richtigen Stärke eingeklickt haben.

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„Es ist die schnellste Brille der Welt“, sagt der 47-Jährige mit dem zum Pferdeschwanz geknoteten Haar schmunzelnd. Erfunden hat er sie selbst vor gut einem Jahrzehnt, als er noch Physik- und Mathematiklehrer war und beim Stöbern in einem Ein-Euro-Laden spottbillige Sehhilfen entdeckt hat. „In Afrika gibt es Brillen beim Optiker oft erst für umgerechnet 50 Dollar und ich habe mich gefragt: Warum gibt es eine so günstige Brille im reichen Deutschland, aber nicht dort?“, erinnert sich der mit Sozialprojekten erfahrene Aktivist. Der Gedanke der Ein-Dollar-Brille war geboren.

Es folgten Experimente im heimischen Keller, Versuche mit Federstahldraht und der Prototyp einer mechanischen Biegemaschine für das Gestell. Über einen Kontakt nach China wurden ordentliche Plastikgläser von minus zehn bis plus acht Dioptrien Stärke für 25 Cent das Stück organisiert. 2012 hat Aufmuth dann als Ein-Mann-Unternehmen seinen Verein Eindollarbrille gegründet. Heute ist der in zehn Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas mit 200 lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aktiv. Dazu kommen etwa 300 Ehrenamtliche in Deutschland.

Die Brille kommt zum Menschen und nicht umgekehrt

„Es gibt weltweit enorme Unterversorgung an augenoptischem Personal“, erklärt der gebürtige Allgäuer sein Engagement. Das gelte vor allem für Armenhäuser wie Malawi oder Burkina Faso, wo der Sozialunternehmer unter anderem aktiv ist. „Wer auf dem Land wohnt, kann es sich oft nicht einmal leisten, zur Augenuntersuchung in eine Stadt zu fahren“, weiß Aufmuth. Deshalb kommt seine Brille mittels mobiler Teams zum Menschen.

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„Ich wollte etwas, das mit einfachen Mitteln einen großen Unterschied ausmacht“, erklärt Aufmuth seine Hilfsphilosophie. Eine Schülerin wie Thalia kann nun entziffern, was an der Tafel steht, und davon träumen, Ärztin zu werden. Fast eine Milliarde Menschen weltweit leidet ohne Zugang zu Augenärztin oder ‑arzt und Optiker oder Optikerin unter behebbarer Fehlsichtigkeit, hat eine Studie der Vereinten Nationen 2019 enthüllt. Betroffene finden oft keinen Job. Die finanziellen Folgeschäden werden auf rund 270 Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt.

In unseren Breitengraden ist Fehlsichtigkeit ein kleines Problem. „In der lokalen Landessprache von Burkina Faso gibt es nicht einmal ein Wort für Brille“, betont Aufmuth. Hilfe zur Selbsthilfe sei das Ziel. Vor Ort werden seine Brillen für zwei bis drei lokale Tageslöhne verkauft, um Mitstreitern ein Auskommen zu ermöglichen.

„Für örtliche Verhältnisse zahlen wir gute Löhne“, betont Aufmuth. Sein Personal wird auch augenoptisch geschult, um Sehtests machen zu können. Am Zielort der mobilen Brillenteams warteten dann manchmal bis zu tausend Menschen, um endlich wieder scharf sehen zu können. „Über 300.000 Brillen haben wir bislang ausgegeben“, bilanziert der Sozialunternehmer die Dekade seines Wirkens.

Auch Pandemie und Krieg stoppen das Projekt nicht

Bis 2019 ging es stetig aufwärts. Dann kam die Pandemie und damit Sand ins Getriebe auch der Helferinnen und Helfer. Corona-Lockdowns in Ländern wie Bolivien waren teilweise deutlich strikter als in Deutschland. Dafür sei das öffentliche Leben speziell in Afrika früher zurückgekehrt. „Es gibt dort oftmals größere Probleme als Corona“, erklärt Aufmuth und verweist auf drückende Armut. Derzeit feuert der russische Angriffskrieg in der Ukraine die Preise für Energie oder Nahrungsmittel an und sorgt für Inflationsdruck, den auch das Brillenprojekt zu spüren bekommt. Dennoch blickt dessen Initiator nach vorn.

Eindollarbrille e. V.

Der 2012 gegründete Verein Eindollarbrille ist vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt und finanziert sich größtenteils aus Spenden von Einzelpersonen oder Unternehmen. Gründer und Chef ist der Ex-Lehrer Martin Aufmuth. Sechs Jahre lang hatte er sich von seiner Erlanger Realschule beurlauben lassen, um sich seinem Hilfsprojekt widmen zu können. 2019 hat er der Lehrerlaufbahn dann endgültig den Rücken gekehrt und Ein-Dollar-Brillen zur alleinigen Lebensaufgabe gemacht. Die Brillen in 36 verschiedenen Stärken sind nicht nur schnell hergestellt und preisgünstig, sondern auch robust und im Fall der Fälle einfach zu reparieren. Das ist in Ländern wie Malawi oder Bolivien besonders wichtig. Die Brillengläser bestehen aus Kunststoff und sind weitgehend bruchsicher sowie kratzfest. Sie sind ab Fabrik so weit vorgeschliffen, dass vor Ort keine teuren Fräsmaschinen oder Strom mehr nötig sind, um sie in die Rahmen einzupassen.

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„In Kolumbien sind wir kurz vor dem Start“, sagt er über das südamerikanische und dann elfte Projektland. Dauerhafte und nicht nur sporadische Versorgung sei das Ziel in jedem Land, in das die Brillenteams gehen. „Die Leute sollen wissen, dass wir in einem halben Jahr wieder bei ihnen sind“, sagt Aufmuth. Das klingt wie ein Appell auch an sich selbst.

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