Alternative zu Russland

Katar statt Kreml: Wie Habeck in Doha für neue Energiequellen sorgt

Wirtschaftsminister Robert Habeck (l., Bündnis 90/Die Grünen) trifft auf Katars Energieminister Saad Scharida al-Kaabi (2.v.r.).

Doha. Am Sonntagmittag wirkt Robert Habeck regelrecht erleichtert. Der Tag habe „eine starke Dynamik“ bekommen, sagt der Bundeswirtschaftsminister. „Großartigerweise“ hätten Deutschland und Katar eine langfristige Energiepartnerschaft „fest“ vereinbart. Dies sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg, unabhängiger von russischem Gas zu werden.

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Es ist heiß an diesem Tag in Doha. Nicht für katarische Verhältnisse, wohl aber für deutsche. Gegen Mittag klettert das Quecksilber auf 31 Grad. Im Garten eines Luxushotels nahe dem Meer hat Habeck Schutz unter ein paar Palmen gesucht und berichtet von seinem Gespräch mit Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, dem Staatsoberhaupt des öl‑ und gasreichen Wüstenstaats.

Reise nach Katar: Habecks Suche nach Erdgas

Bundeswirtschaftsminister Habeck sucht weltweit nach alternativen Energielieferanten zu Russland. Seine erste Reise führt ihn nach Katar.

„Über die Maßen stark“ sei die Unterstützung des Emirs gewesen, berichtet Habeck. „Stärker als erwartet.“

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Journalisten und Journalistinnen waren bei dem Gespräch nicht zugelassen, auf Fotos, die das Bundeswirtschaftsministerium im Anschluss verbreitet, wirkt der Monarch zugewandt. Freundlich lächelt er den deutschen Vizekanzler an.

Katar ist kein einfacher Partner

Die betonte Herzlichkeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Katar für Deutschland kein einfacher Partner ist. Die Al-Thani-Familie herrscht autokratisch, es gibt keine Opposition, keine Gewaltenteilung, keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen.

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Kritik entzündet sich auch immer wieder am Umgang Katars mit den Arbeitsmigrierten aus Indien, Bangladesch oder Pakistan, die etwa 90 Prozent der rund drei Millionen Einwohner und Einwohnerinnen ausmachen und auf den zahllosen Baustellen Dohas in glühender Hitze schuften. Vertretende der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) berichten von leichten Verbesserungen in den vergangenen Jahren, trotzdem sei die Lage vieler Arbeiter und Arbeiterinnen nach wie vor schlecht.

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Das gilt auch für das Image Katars in Deutschland. Wenn der Zwergstaat in den deutschen Medien eine Rolle spielt, dann meist im Zusammenhang mit der Ende des Jahres stattfindenden Fußballweltmeisterschaft – und den Todesfällen auf den WM-Baustellen. Dass Katar über die drittgrößten und angeblich auch reinsten Erdgasreserven der Welt verfügt, dürften die meisten Deutschen noch nie gehört haben.

Warum auch? Sibirisches Pipelinegas war bislang stets billiger als katarisches Flüssiggas (LNG), außerdem verfügt Deutschland bis heute über keine Infrastruktur, um die großen Gastanker zu entladen. Entsprechend gering ausgeprägt war das Interesse deutscher Energieversorger, sich am Golf einzudecken oder langfristige Lieferkontrakte einzugehen.

Die Deutschen hatten sich rar gemacht

Auch die deutsche Politik hielt sich zurück. Der letzte Besuch eines deutschen Wirtschaftsministers war vor fünf Jahren, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier musste wegen der Corona-Pandemie eine geplante Visite gleich zweimal absagen. „Not amused“ soll die Königsfamilie darüber gewesen sein.

Doch all das war vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, der die Energiewelt verändert hat. LNG aus Katar ist plötzlich auch in Deutschland ein begehrtes Gut.

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Als deutsche Einkäufer in Doha anklopften, reagierte die katarische Seite erst mal reserviert. Man könne über alles reden, erfuhren die Vertreter von RWE und Co., allerdings benötigten derlei Geschäfte eine politischen Flankierung. Mit anderen Worten: ein möglichst hochrangiger deutscher Regierungsvertreter musste an den Golf.

Das ist der Grund dafür, dass Habecks Leute in aller Eile eine Reiseroute planten, ein Programm erarbeiteten und eine Wirtschaftsdelegation zusammengestellt haben. Normalerweise dauert die Vorbereitung einer solchen Reise Wochen, dieses Mal mussten wenige Tage ausreichen. Von durchgearbeiteten Nächten ist im Wirtschaftsministerium die Rede.

Deutschland braucht neue Erdgaslieferanten

Erdgas spielt in der deutschen Energiestrategie eine zentrale Rolle. Wenn Atom‑ und Kohlestrom nicht mehr produziert werden, soll der flüchtige Energieträger noch bis in die 2030er-Jahre die Grundlastfähigkeit garantieren.

Die übergroße Abhängigkeit von Russland stellt die deutsche Strategie infrage, weshalb Habeck derzeit nichts unversucht lässt, die Lieferstruktur zu diversifizieren.

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Könnte Katar Russland als wichtigstes Lieferland ersetzen? Kurzfristig glaubt das niemand, dafür fehlen dem Land trotz gigantischer Reserven die Förderkapazitäten. 77 Millionen Tonnen jährlich pumpt Katar derzeit aus Meeres‑ und Wüstenboden, gut 80 Prozent werden als Flüssiggas nach Asien verschifft – zumeist auf Basis langfristiger Lieferverträge. In Europa sind vor allem Italien mit 6 Prozent und Großbritannien mit 5 Prozent wichtige Abnehmerländer. Wollte Deutschland einen Teil vom Kuchen abhaben, ginge das nur zulasten anderer Empfänger.

Allerdings verfolgen die Katarer ehrgeizige Ziele. Binnen fünf Jahren wollen sie Förderung auf 126 Millionen Tonnen im Jahr erhöhen – eine Steigerung um gut 60 Prozent.

Doha und Wilhelmshaven – die perfekte Ergänzung?

Die katarischen Expansionsabsichten ergänzen sich eigentlich perfekt mit den deutschen Plänen, zwei Flüssiggasterminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven zu bauen. Trotzdem hatte sich Habeck im Vorfeld der Reise bemüht, die Erwartungen zu dämpfen. Mit konkreten Ergebnissen sei nicht zu rechnen, eher mit atmosphärischen Verbesserungen. In erster Linie wolle er sich als „Türöffner“ betätigen, erklärte er.

Selenskyj spricht von „Leichenbergen“ russischer Soldaten

Mit martialischen Worten über schwere russische Kriegsverluste richtete sich Selenskyj in seiner Videobotschaft an die Bevölkerung Russland.

Ob echte Skepsis oder bewusste Tiefstapelei – im Ergebnis hat der Minister mehr erreicht als gedacht. Ihm zufolge soll die nun vereinbarte Partnerschaft mit Katar nicht nur LNG-Lieferungen von Katar nach Deutschland umfassen, sondern auch Aufträge für deutsche Unternehmen beim Ausbau erneuerbarer Energien und der Verbesserung der Energieeffizienz in dem Emirat. Die mitreisenden Wirtschaftsvertretenden würden nun mit der katarischen Seite tief in Vertragsverhandlungen einsteigen, kündigt Habeck an.

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Und auch die Rechte der Arbeiter und Arbeiterinnen habe er bei seinen Gesprächspartnern „vollumfänglich“ thematisiert, betonte der Grünenpolitiker. Deren Reaktion? „Sie haben nicht den Raum verlassen, sondern sich meine Position aufmerksam angehört.“

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