Mangellage erst einmal „äußerst unwahrscheinlich“

Energiekrise: Wohl genug Gas für diesen Winter vorhanden – und den nächsten?

Die Bundesregierung hat die Alarmstufe des Notfallplans Gas ausgerufen. Privathaushalte müssen den kommenden Winter trotzdem nicht fürchten.

Die Gasflamme eines Herds.

Frankfurt am Main. Die deutschen Gasspeicherbetreiber sind mit Blick auf die Versorgungslage im Winter zuversichtlich. Was bedeutet die Einschätzung für Verbraucherinnen und Verbraucher? Werden die Preise nun bald wieder sinken? Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Wie sehen die aktuellen Prognosen für die Gasversorgung im Winter aus?

Günstig. „Die vollständige Befüllung der Gasspeicher hat dazu geführt, dass wir aller Voraussicht nach gut durch den anstehenden Winter kommen werden“, sagt Sebastian Bleschke, Geschäftsführer des Gasspeicherverbandes Ines. Die Rationierung von Gas könne zwar noch nicht vollständig ausgeschlossen werden, angesichts aktueller Wetterprognosen sei das Eintreten einer sogenannten Mangellage aber „äußerst unwahrscheinlich“. Mehrere europäische Wetterdienste erwarten aufgrund von Klimadaten und statistischen Berechnungen einen milden Winter.

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Gilt die positive Prognose auch für den Winter 2023/2024, vor dem vielfach schon gewarnt wurde?

Ja. Laut Ines zeigen die Szenarien, dass die Gasspeicher für übernächsten Winter „erneut umfangreich befüllt werden können, selbst wenn eine starke Entleerung in diesem Winter stattgefunden hat“. Für die kältesten Monate Anfang 2023 (Januar, Februar, März) hat der Gasspeicherverband dabei einen Verbrauch angenommen, der insgesamt ungefähr auf dem Niveau von diesem Jahr liegt. Eine Einschränkung machen die Fachleute allerdings: Alles hänge von der Verfügbarkeit von Flüssigerdgas (LNG) in der EU ab. Die LNG-Importe mittels Schiffen werden künftig das Rückgrat für die Versorgung mit dem Brenn- und Rohstoff bilden. Hinzukommen können noch kleinere Mengen russischen Gases, das über die Ukraine und die Türkei nach Europa kommt.

Bedeutet das für die Verbraucher, dass sie getrost die Heizungen aufdrehen können?

Nein. Denn einerseits wird Heizen in den nächsten Monaten – trotz staatlicher Subventionen – eine teure Angelegenheit. Andererseits bleibt ein Restrisiko. Nach den Berechnungen der Ines-Experten kann es im Falle eines sehr kalten Winters im Februar und März so weit kommen, dass tageweise etwa ein Fünftel des Gasbedarfs nicht gedeckt werden kann. Dann müssten die Lieferungen für Industriebetriebe doch noch gedrosselt werden. Ursache dafür ist, dass bei strengem Frost der Gasverbrauch von einem Tag auf den anderen schlagartig in die Höhe schnellt.

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Warum kann jetzt schon für den übernächsten Winter Entwarnung gegeben werden?

Bleschke und seine Leute gehen davon aus, dass schon zeitig mit dem Wiederbefüllen der Gasspeicher begonnen wird. Was dazu führt, dass im Falle eines normalen Winters die Reservoire Ende März zwar nur noch zu 27 Prozent gefüllt sind. Aber Anfang August können schon wieder fast 100 Prozent erreicht werden. Fast genauso schnell kann das aber auch nach einem bitterkalten Winter geschehen, da der Verbrauch in den Sommermonaten massiv zurückgeht, die LNG-Importe aber auf einem hohen Niveau gehalten werden können.

Wie kann es sein, dass es auch ohne russisches Gas so relativ einfach wird, die Versorgung zu gewährleisten?

LNG ersetzt mittlerweile das russische Gas. Die schnelle Umstellung war auch möglich, weil es insbesondere in den Niederlanden und Belgien ausreichend Kapazitäten fürs Anlanden des verflüssigten Gases gibt. Ferner wird mehr Methan durch Pipelines von Norwegen nach Deutschland gepumpt. Und was häufig vergessen wird: Große Mengen des russischen Gases, die in der Vergangenheit aus Russland kamen, wurden in Deutschland gar nicht benötigt, sondern in andere EU-Staaten weitergeleitet. Ines geht davon aus, dass diese Exporte künftig fast komplett wegfallen. Ferner dürfte sich die Lage weiter entspannen, weil in den nächsten Monaten die ersten beiden deutschen LNG-Terminals den Betrieb aufnehmen werden.

dpatopbilder - 15.11.2022, Schleswig-Holstein, Brunsbüttel: Arbeiter bauen Gas-Pipelines für den geplanten LNG-Flüssiggas-Schwimmterminal zusammen. Das Schwimmterminal soll noch in diesem Jahr seine Arbeit aufnehmen. Der erste LNG-Tanker soll Ende Dezember in Brunsbüttel festmachen. Foto: Marcus Brandt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Erster Flüssiggastanker soll im Dezember in Brunsbüttel anlegen

In Wilhelmshaven ist das erste LNG-Terminal fertiggestellt geworden. Aber auch in Brunsbüttel soll noch zur Weihnacht das erste Flüssiggas fließen.

Bedeuten all diese Entwicklungen auch, dass es bei den Preisen eine Entspannung geben wird?

Nein. Bleschke betonte, dass die Entwicklung der Gaspreise schwer zu prognostizieren sei. Aber einiges spreche dafür, dass es in den nächsten Monaten „keine großen Ausschläge nach unten und oben“ geben werde. Europäisches Erdgas zur Lieferung im Dezember wurde am Freitag für 110 Euro pro Megawattstunde gehandelt. Wobei eine Tendenz zu leicht sinkenden Preisen erkennbar ist. Allerdings liegt die Notierung immer noch mehr als doppelt so hoch wie vor einem Jahr.

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Was bedeutet das für die Verbraucher?

Dauerhaft hohe Tarife. Derzeit werden Briefe mit den neuen Konditionen für Millionen Verbraucher verschickt. Nach den Erhebungen des Verbraucherportals Verivox rollt gerade eine Preiserhöhungswelle durchs Land: Für Januar haben regionale Grundversorger insgesamt 167 Erhöhungen von durchschnittlich 54 Prozent angekündigt. Für ein Einfamilienhaus mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden steigen damit die Kosten rechnerisch um rund 1200 Euro pro Jahr. Zu gestiegenen Einkaufspreisen kommen höhere Gebühren für die Nutzung der Netze.

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Wie stark werden die Budgets privater Haushalte belastet?

Die Pläne der Bundesregierung für eine Strom- und Gaspreisbremse, die im nächsten Jahr kommen soll, „können zwar für Entlastung sorgen“, so der Verivox-Energieexperte Thorsten Storck. Die Folgen der Preisexplosion würden dadurch aber nur abgedämpft. „Das Preisniveau für Energie ist historisch hoch und schmälert die Kaufkraft der Haushalte“, so Storck.

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