Das Texas Italiens

Warum die Menschen in der Region Basilicata ihr Gas gratis bekommen

Gas gibt es hier für lau: Blick auf die beleuchtete Altstadt von Matera in der Basilikata.

Gas gibt es hier für lau: Blick auf die beleuchtete Altstadt von Matera in der Basilikata.

Rom. Die haben es gut: Während im Rest Italiens und in ganz Europa Millionen von Familien unter den massiv gestiegenen Rechnungen für Gas und Strom leiden, werden die etwas mehr als 500.000 Bewohnerinnen und Bewohner der Basilicata schon in wenigen Wochen zumindest das Gas zum Heizen und Kochen gratis beziehen. Oder zumindest fast gratis: Auf den Rechnungen werden immer noch die Anschlussgebühren und einige andere administrative Kosten erscheinen. Doch hinter dem mit Abstand wichtigsten Posten – Kosten des bezogenen Gases – wird folgende Zahl stehen: 0,00 Euro. Egal, wie hoch der Konsum war.

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Möglich wird dieses Wunder, weil die kleine und arme Basilicata über eigene Gas- und Erd­öl­vorkommen verfügt – die Region in Süditalien wird deshalb auch das „Texas Italiens“ genannt. Die Produktion ist nicht gigantisch: Letztes Jahr wurden gut eine Milliarde Kubikmeter Erdgas gefördert, bei einem gesamten nationalen Verbrauch von 80 Milliarden Kubikmetern. Tätig sind in der Basilicata in erster Linie der nationale Energiekonzern Eni, aber auch die britische Shell und die französische Total. Die Konzerne bezahlen für ihre Förder­konzessionen nicht nur Royaltys an den Staat, sondern auch eine sogenannte Umwelt­entschädigung an die Region Basilicata – als Kompensation für die von den Förderanlagen verursachten Immissionen. Damit wurden Entwicklungs­­projekte gefördert, die, wie so oft im Süden, wenig oder gar nichts brachten.

Ab Oktober gibt es Gratisgas

Ab Oktober werden diese Entschädigung ab Oktober nicht mehr in die Kasse der Region, sondern in Form von Gratisgas direkt an die Privat­haus­halte gelangen, bis mindestens ins Jahr 2029. So sieht es eine neue Vereinbarung zwischen der Regional­regierung und den Konzernen vor, die in diesen Tagen unterzeichnet wurde. „Bisher haben unsere Bürgerinnen und Bürger nie einen konkreten Vorteil aus den Entschädigungen ziehen können – nun haben wir ein System eingeführt, bei dem die Haushalte direkt und ohne Umweg über die Politik profitieren werden“, erklärt Regional­präsident Vito Bardi. Mit der kostenlosen Gaslieferung soll laut Bardi nicht zuletzt auch die Emigration bekämpft werden, die in der Basilicata wie in anderen Regionen Süditaliens ein enormes Problem darstellt.

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Wegen des Kriegs in der Ukraine sind die Gas- und Ölfelder der Basilicata natürlich längst auch ein Thema für die nationale Regierung in Rom geworden. Um die Abhängigkeit von russischen Gasimporten zu verringern und in wenigen Jahren ganz zu überwinden, hat die Regierung von Mario Draghi bereits beschlossen, die nationale Gasproduktion in der Basilicata, aber auch in Sizilien und auf den Offshore-Plattformen vor den Küsten des Landes wieder hochzufahren. Diese war in den letzten Jahren drastisch reduziert worden: Betrug die nationale Fördermenge in den Neunzigerjahren noch 20 Milliarden Kubikmeter (also ein Viertel des heutigen Gesamt­verbrauchs), lag sie 2021 noch bei 3,5 Milliarden Kubikmetern. Nun sollen insbesondere die bereits vergebenen, aber nicht ausgenutzten Konzessionen reaktiviert werden, was relativ schnell geht.

Bürger protestierten noch vor dem Krieg gegen die Gas­förderung

Zur Verkümmerung der eigenen Gasförderung maßgeblich beigetragen haben Bürgerproteste, die in den Zeiten des billigen russischen Gases gegen jede Konzessions­verlängerung und – erst recht – gegen jede neue Konzession politisch Druck machten. So wurde im Jahr 2016 eine Referendum gutgeheißen, in welchem jegliche Offshore-Probebohrung verboten und die alten Konzessionen befristet wurden.

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Das Referendum wurde nicht nur von Umweltschützern und der Fünf-Sterne-Protest­bewegung unterstützt, sondern auch von den post­faschistischen Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni sowie von der rechts­populistischen Lega von Matteo Salvini, die sich seit der Invasion Russlands in der Ukraine plötzlich zu vehementen Befürwortern der „Trivelle“ (Erdbohrer) gewandelt haben. Meloni gilt bei den Parlaments­wahlen vom 25. September als Favoritin.

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