Preise purzeln an den Energiemärkten

Vom Engpass in die Schwemme: Spanien weiß nicht, wohin mit dem Gas

Rohre für die Wilhelmshavener Anbindungsleitung (WAL) in Niedersachsen werden verlegt. Durch die Leitung soll zukünftig Flüssiggas vom Terminal in Wilhelmshaven transportiert werden.

Rohre für die Wilhelmshavener Anbindungsleitung (WAL) in Niedersachsen werden verlegt. Durch die Leitung soll zukünftig Flüssiggas vom Terminal in Wilhelmshaven transportiert werden.

Frankfurt am Main. Die Gaspreise sind im Großhandel aus astronomischen Höhen abgestürzt. Und es könnte in naher Zukunft noch weiter nach unten gehen. Ob das auch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern und Unternehmen ankommt, ist gleichwohl fraglich.

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Am Mittwochvormittag kostete eine Megawattstunde für den innereuropäischen Handel zeitweise nur noch 107 Euro. Das ist weniger als ein Drittel des Höchstwertes, der Ende August mit fast 350 Euro erzielt wurde. Der aktuelle Preis ist auf das Niveau von Mitte Juni gesunken – also auf die Zeit, als Russland noch größere Mengen Erdgas gen Westen pumpte. Vor einem Jahr kostet die Megawattstunde am für Europa maßgeblichen virtuellen Umschlagplatz (Dutch TTF) allerdings nur 45 Euro.

Schwache Nachfrage wegen guten Wetters

Entscheidend für den Preisverfall ist das günstige Wetter. Mit fast sommerlichen Temperaturen in Europa. Aber auch in weiten Teilen Asiens ist es ungewöhnlich warm. Dies drückt zu Beginn der Heizperiode die Nachfrage nach dem Brennstoff. Nach Informationen von Energy Scan, einer Tochter des französischen Energiekonzerns Engie, wird der aktuelle Trend auch durch „schwache Nachfrage und komfortable Angebote“ noch verstärkt.

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Viele Unternehmen und Energieversorger sind knauserig. Hierzulande lag der Gasverbrauch der Industrie laut Bundesnetzagentur in der vorvorigen Woche gut ein Viertel unter dem Vorjahreswert. Ähnlich sah es bei privaten Haushalten und beim Gewerbe aus. Aktuellere Daten liegen noch nicht vor, doch vieles spricht dafür, dass sich diese Entwicklung fortgesetzt hat – vor allem wegen der ungewöhnlich hohen Temperaturen. Zu all dem kommt noch, dass der Füllstand der Gasspeicher in der EU inzwischen deutlich über dem durchschnittlichen Fünf-Jahres-Wert liegt. In mehreren Ländern wurden bereits 100 Prozent erreicht. Für Deutschland wurden am Mittwoch vom europäischen Gasspeicherverband GIE genau 96,29 Prozent gemeldet.

Besonders drastisch ist die Lage in Spanien. Für Gas, das zum Stromverbrauch am Donnerstag verwendet wird, wurde ein Preis von knapp 32 Euro pro Megawattstunde festgelegt. Tags zuvor waren es noch 10 Euro mehr gewesen. Damit wird erstmals seit Mai ein Wert erreicht, der unter der staatlich definierten Obergrenze von 40 Euro liegt – falls der Brennstoff teurer ist, wird er auf diese Marke heruntersubventioniert. Tatsächlich weiß der nationale Gasnetzbetreiber Enagas derzeit nicht, wohin mit dem Methan. Auch in Spanien sind die Speicher zu mehr als 90 Prozent gefüllt.

Neuer Rekord für LNG auf Schiffen

Enagas teilte gerade mit, dass es sich um eine „außergewöhnliche Betriebssituation“ handele. Womöglich müsse man demnächst das Anlanden von größeren Mengen verflüssigten Gases (LNG) ablehnen, da die Kapazitäten komplett ausgelastet seien. Dabei verfügt Spanien mit sechs Terminals über die größten LNG-Kapazitäten in Europa. Der Brennstoff wird tiefstgekühlt per Schiff angeliefert, er muss zur Einspeicherung ins Netz wieder in den gasförmigen Zustand zurückverwandelt werden.

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Zu dem Ausnahmezustand gehört auch, dass nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mindestens 35 voll beladene LNG-Schiffe vor den spanischen Küsten kreuzen oder ankern. Allein acht Tanker tummeln sich in der Bucht von Cadiz. Auch vor den Küsten anderer EU-Staaten warten weitere LNG-Transporte. Die schwimmenden Lagerbestände hätten aktuell mit insgesamt 2,5 Millionen Tonnen ein neues Allzeithoch erreicht, teilt die Reederei Flex LNG Management mit.

Für das Dümpeln im Meer gibt es zwei Erklärungsmuster. Zur aktuellen geringen Nachfrage kommt einerseits eine unzulängliche LNG-Infrastruktur, die das hohe Angebot nicht bewältigen kann. Gemeint sind einerseits die Terminals zur Regasifizierung, aber auch transnationale Pipelines. Derzeit wird um den Bau einer zusätzlichen Rohrleitung gerungen – Midcat genannt –, die Gas von Spanien nach Mitteleuropa transportieren soll, Frankreich stellt sich quer.

Noch mehr warme Tage

Andererseits gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass Schiffe freiwillig warten. Es werde auf wieder mehr Heizbedarf, steigende Nachfrage und damit höhere Preise gesetzt, sagte Alex Froley vom Informationsdienst Icis, der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Tatsächlich kostet Gas zur Lieferung im Dezember, Januar und Februar am TTF-Umschlagplatz derzeit zwischen 145 und 150 Euro pro Megawattstunde.

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Ob die Spekulationen aufgehen, ist fraglich. Der Wetterinformationsdienst Maxar sagt zumindest für die nächsten zwei Wochen „starke Wärme“ in weiten Teilen Europa voraus. Und nach den Modellen des Copernicus Climate Change Service der EU kann zumindest für die erste Hälfte des Winters mit milderen Temperaturen als im Schnitt der vergangenen Jahre gerechnet werden. Selbst wenn dies eintreten sollte, dürfte es noch nicht dafür reichen, dass auch Verbraucherinnen und Verbraucher davon etwas spüren. Dazu braucht es eine massive und dauerhafte Absenkung der Großhandelspreise. Die ist nicht in Sicht, da 2023 Europa mit großer Wahrscheinlichkeit gänzlich ohne russisches Gas auskommen muss. Entlastung soll aber die von der Regierung geplante Gaspreisbremse bringen.

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