Interview mit Hans Peter Wollseifer

Handwerkspräsident fürchtet Einbruch am Bau: „Ab März oder April wird es wirklich flau“

Hans Peter Wollseifer.

Hans Peter Wollseifer.

Herr Wollseifer, die Industrie und auch viele Handwerksbetriebe leiden massiv unter den hohen Energiekosten. Reicht das, was die Bundesregierung jetzt zur Entlastung auf den Weg gebracht hat?

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Es lindert die Not. Die Übernahme des Dezemberabschlags beim Gas wird vielen unserer betroffenen Betriebe helfen. Und die Gaspreisbremse ab März, vielleicht sogar ab Februar, mit Sicherheit auch. Was mir Sorge bereitet, ist der Januar. Ausgerechnet im kältesten Wintermonat stehen energieintensive Handwerksbetriebe wie Bäcker, Textilreiniger oder Metallbauer anders als die Großindustrie ohne staatliche Hilfe da. Hier muss die Bundesregierung nachbessern und mindestens eine großzügige Härtefallregelung vorlegen.

Privatkunden, die mit Öl oder Pellets heizen, klagen darüber, dass sie bei den Entlastungen vergessen worden sind. Wie groß ist das Problem im Handwerk?

Es gibt solche Fälle. Und auch da muss der Staat helfen. Wenn ein Betrieb in der aktuellen Lage von Gas auf Öl umstellt und damit allen anderen hilft, darf er nicht auch noch bestraft werden. Auch für Betriebe mit Pelletheizungen, die man ja eingebaut hat, um Ressourcen zu sparen, sollte die angekündigte Härtefallregel greifen. Sie muss jetzt schnell ausgearbeitet werden.

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Mal angenommen, die Regierung steuert in diesem Punkt noch nach – ist dann dank der milliardenschweren Entlastungspakete alles wieder gut?

Von „gut“ sind wir weit entfernt. Die Entlastungspakete werden das Allerschlimmste verhindern. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Die Programme zur Milderung der Strom- und Gaskosten werden energieintensive Betriebe knapp über die Zeit bringen. Ohne diese Entlastung würden zahlreiche Betriebe dieser energieintensiven Branchen nicht überleben.

Wie ist die Lage in anderen Bereichen des Handwerks?

Die Stimmung trübt sich überall ein. Auf dem Bau haben die Betriebe derzeit noch ganz gut zu tun, die arbeiten ihre Auftragsbücher ab. Aber bei der Akquise neuer Aufträge merken wir die Zurückhaltung. Es macht mir große Sorge, dass ausgerechnet der Bau- und Ausbaubereich, der bislang ein Stabilitätsanker des Handwerks und der Wirtschaft insgesamt war, extrem negativ auf das neue Jahr blicken. Die Zukunftserwartungen sind hier aktuell deutlich schlechter als in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009.

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Flaute am Bau befürchtet: „Eine solche Situation hatten wir in den letzten 15 Jahren nicht“

Sie fürchten einen Einbruch auf dem Bau?

Ja. Für ein paar Monate wird der Auftragsbestand am Bau und im Ausbau noch reichen. Vielleicht bis März oder April. Aber dann fängt es an, wirklich flau zu werden. Eine solche Situation hatten wir in den letzten 15 Jahren nicht.

In den letzten Jahren wurde es zunehmend schwierig, Handwerker zu bekommen, auch weil ihre Betriebe unter massivem Personalmangel leiden. Dreht sich die Situation jetzt?

Das erwarte ich nicht. Der Fachkräftemangel ist so groß, dass selbst eine anderthalbjährige Krise kaum zu Entlassungen im großen Umfang führen wird. Die Unternehmen werden ihr Personal um jeden Preis behalten – schon allein, um durchstarten zu können, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Massenentlassung im Handwerk hat es übrigens auch in zurückliegenden Krisen nie gegeben.

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Bis wann wird die Krise dauern?

Wir gehen derzeit davon aus, dass die Krise bis zum Sommer 2024 anhalten wird, und es danach wieder aufwärts geht, wenn sich an der geopolitischen Lage nichts Wesentliches ändert.

Was erwarten Sie von der Politik neben einer Senkung der Energiekosten?

Was uns große Sorgen bereitet, sind die immer stärker steigenden Lohnzusatzkosten. Der Krankassenbeitrag steigt um 0,3 Prozent, der zur Arbeitslosenversicherung um 0,2 Prozent, und wahrscheinlich müssen auch die Beiträge zur Pflegeversicherung um 0,2 Prozent erhöht werden. Das klingt alles nach wenig, es ist aber in der Summe ein Riesensprung und eine massive Belastung für das personal- und damit auch lohnintensive Handwerk und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wo verläuft die Schmerzgrenze?

In den vergangenen Jahren haben wir immer darauf gepocht, dass die Lohnzusatzkosten nicht über 40 Prozent als absoluter Schmerzgrenze für unsere Betriebe und ihre Beschäftigten steigen dürfen. Jetzt machen wir einen Riesensprung über diese Hürde. Deutschland ist jetzt schon Vizeweltmeister bei den Belastungen und Lohnabzügen. Die 40-Prozent-Grenze bei den Lohnzusatzkosten muss eingehalten werden. Unsere sozialen Sicherungssysteme sind derzeit weder zukunftsfest noch generationengerecht aufgestellt. Hier muss die Bundesregierung dringend strukturelle Reformen anstoßen.

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Wir alle wollen eine gute Gesundheitsversorgung und fordern ständig, dass Pflegekräfte anständig bezahlt werden. Was schlagen Sie vor?

Niemand bestreitet, dass das Gesundheitssystem ordentlich ausgestattet und die Mitarbeiter ordentlich bezahlt werden müssen. Geld sparen ließe sich aber zum Beispiel bei den Krankenhäusern. Alle Experten fordern seit Jahren eine Reform, doch die kommt nicht voran. Warum nicht? Dann gibt es Steuern, die versickern im allgemeinen Haushalt, dabei müssten sie eigentlich dem Gesundheitssystem zugutekommen. Tabaksteuer, Alkoholsteuer, Glücksspielsteuer. Suchterkrankungen verursachen bei den Krankenkassen Milliardenkosten, die entsprechenden Steuern aber bleiben beim Staat.

Für Sie persönlich endet nach drei Amtszeiten und neun Jahren Ende Dezember die Präsidentschaft beim ZDH. Welches Fazit ziehen Sie?

Es war eine turbulente und krisenreiche Zeit. Dennoch glaube ich, dass wir eine Menge erreicht haben. Wir haben nicht nur den Versuch der Europäischen Kommission abgewehrt, uns den Meisterbrief streitig zu machen, wir haben auch durchgesetzt, zwölf deregulierte Berufe wieder zu Meisterberufen zu machen. Das war ein großer Erfolg und hat mich stolz gemacht. Schwierig bleibt dagegen das Thema Ausbildung. Wie begeistern wir junge Menschen für das Handwerk? An der Fragestellung habe ich viel gearbeitet, wir haben auch hier gute Erfolge erzielt – beispielsweise mit dem von uns konzipierten und inzwischen in neun Bundesländern eingeführten Bildungsangebot des Berufsabiturs. Aber wie wir mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk gewinnen können, das wird auch meinen Nachfolger oder meine Nachfolgerin noch beschäftigen. Das Thema bleibt ein Dauerbrenner.

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