Millionär durch „Fitness-Aldi“

Vermisster McFit-Gründer Rainer Schaller – Die Macht des Sonderangebots

Verschollen vor der Küste Costa Ricas: Ein Flugzeug mit Fitnessunternehmer Rainer Schaller und seiner Familie an Bord stürzte am Freitag ins Meer.

Verschollen vor der Küste Costa Ricas: Ein Flugzeug mit Fitnessunternehmer Rainer Schaller und seiner Familie an Bord stürzte am Freitag ins Meer.

„Solche Massenangebote sind nicht die Zukunft“, sagte der Fitnessstudioexperte Ingo Fromböse im April 2002 der „Süddeutschen Zeitung“. Der Fachmann der Deutschen Sporthochschule Köln bezog sich damit zuvörderst auf den jetzt nach einem Flugzeugabsturz vermissten Rainer Schaller und seinen Fitnessbilliganbieter, die McFit GmbH. Das 1996 gegründete Unternehmen bot damals im Zeichen einer hantelschwingenden Grinsebanane seine Geräte für unschlagbare 15,90 Euro im Monat an. Fromböse sollte sich irren.

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2006 eröffnete alle zwei Wochen eine McFit-Filiale

Wer bei McFit den Schweiß in der Dusche loswerden wollte, musste zwar noch 50 Cent drauflegen. Und es gab ausschließlich Abrackern – keine Sauna, keine speziellen Kurse oder gar Einzelbetreuung, erst recht keine Erholungsangebote, die zu Millenniumsbeginn von Experten als wegweisend für die Branche gepriesen wurden. Aber 2006 schon eröffnete in Deutschland im Schnitt alle zwei Wochen eine McFit-Filiale.

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2007 – nach Übernahme des Konkurrenten Fit24 – belief sich der Umsatz der McFit Global Group (seit 2019 Rainer-Schaller-Global-Group oder RSG-Group) erstmals auf mehr als 100 Millionen Euro. Stand 2019 wurde Schallers Vermögen auf 250 Millionen Euro geschätzt.

Wetterverhältnisse erschweren die Suche nach den Vermissten

Seit Freitagabend nun wird der 53-jährige Unternehmer vermisst. Ein Kleinflugzeug mit ihm selbst und fünf weiteren Personen an Bord, darunter seine Lebensgefährtin Chistiane Schikorsky und deren zwei Kinder Finja und Aaron, war am Freitagnachmittag um 18 Uhr Ortszeit (2 Uhr MEZ) auf dem Weg nach Costa Rica ins Meer gestürzt. Trümmerteile wurden gefunden, auch zwei im Wasser treibende Leichen.

Die Suche wurde dann am Sonntag wegen schwieriger Wetterbedingungen unterbrochen, aber es gibt laut der Tageszeitung „La Nación“ vom 24. Oktober kaum noch Hoffnung auf Überlebende.

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Rainer Schaller glaubte fest an die Macht des Sonderangebots

Schlechter Schüler, guter Menschenkenner. An die Zugkraft von „billig“ glaubte der gebürtige Bamberger Schaller, weil er als Einzelhandelskaufmann vier Edeka-Filialen betrieben hatte und wusste, dass nicht unerhebliche Teile der Kundschaft eines Supermarkts die Regale auf Sonderangebote abklapperten oder gleich beim Billigstanbieter anrückten.

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Schaller schwebte, wie er sagte, eine Art Fitness-Aldi vor, der zunächst auch der Sparsamkeit der erwarteten Benutzergruppe entsprechend Schottenburg heißen sollte.

Schallers Discounterstudios zogen Hunderttausende an und wurden 2006 bereits als Zukunft im Hantelbusiness gefeiert. Der Marktexperte Niels Gronau sah schon 2007, dass auf die Großstädte auch kleinere Kommunen Schallers Interesse finden würden. Was dann 2015 mit der Kette „Hig5 Gym“ und noch niedrigeren Monatsbeiträgen tatsächlich umgesetzt wurde.

Schaller und die Banane auf den Postern der Loveparade

2006 ging der „Muckimann“, der seit seinem 16. Lebensjahr selbst trainierte und sein erstes „Studio“ für sich und seine Freunde auf dem Dachboden der Eltern eingerichtet hatte, ins Musikgeschäft und hauchte der Loveparade mit 2 Millionen Euro neues Leben ein. Der weltberühmte Technoumzug, der für das junge Berlin stand wie keine andere Veranstaltung hatte eine zweijährige Pause einlegen müssen, weil den Veranstaltern das Geld für Sicherheit und Aufräumarbeiten gefehlt hatte. Schaller ließ die Hauptstadt wieder tanzen.

Aber auch nach seiner Pfeife, weshalb Loveparade-Erfinder Dr. Motte nicht mehr mittanzte. Die Präsenz der McFit-Banane auf allen Postern empfand Motte oder Matthias Roeingh, wie er im bürgerlichen Leben heißt, als Ausverkauf seiner kommerzfreien Idee einer „Friede-Freude-Eierkuchen“-Party für buchstäblich alle. Motte wörtlich: „Er hat der Loveparade das Herz herausgerissen.“

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Schaller fand „die richtige Heimat“ der Loveparade im Ruhrgebiet

Seine Werbeabsicht räumte Schaller damals gegenüber der „Berliner Zeitung“ freimütig ein. „Wir wollen international bekannt werden“, sagte er und meinte – die Loveparade war‘s ja schon. Von „1000 Toiletten und 1000 Sicherheitskräften“ berichtete der „Tagesspiegel“. Kein Wildpinkeln mehr im Tiergarten. Organisation statt Chaos – das war das Credo des Mannes mit dem kahlrasierten Schädel.

Der das Fest danach sogleich verlegte. „Wir haben im Ruhrgebiet die richtige Heimat gefunden“, frohlockte der Franke gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. 2007 war Technokarneval in Essen, 2008 in Dortmund (1,6 Millionen – Zuschauerrekord), 2009 in Bochum, 2010 in Duisburg, 2011 hätte sie in Gelsenkirchen stattfinden sollen. Aber Duisburg ging auf entsetzliche Weise schief. 21 Besucherinnen und Besucher starben im Gedränge eines Straßentunnels, des einzigen Zu- und Abwegs zur Loveparade, 652 wurden zum Teil schwer verletzt, sechs Überlebende begingen später Selbstmord.

Protest gegen „McKill“ nach der Katastrophe von Duisburg

Der Nordrhein-Westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) und der Polizeinspekteur des Landes, Dieter Wehe, machten Schaller für das Unglück verantwortlich. Das Sicherheitskonzept sei nicht erfüllt worden, Eingangsschleusen trotz Rückstaus nicht wie vereinbart geschlossen worden. Festivalveranstalter nannten Schallers Vorbereitung „amateurhaft“. Folkert Koopmans, Geschäftsführer der Hamburger Konzertagentur Scorpio wurde mit dem Satz „Die haben es darauf ankommen lassen“ zitiert.

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Schaller selbst suchte die Schuld bei den Polizeikräften. Auf der Trauerfeier für die Opfer des 24. Juli war Schaller nicht dabei, im August demonstrierten Jugendliche vor der McFit-Zentrale in Berlin mit Flugblättern, auf denen „McKill“ stand.

Indes: Alle Prozesse, auch gegen Beschäftigte von Schallers Veranstaltungsunternehmen Lopavent wurden bis April 2020 ohne Urteil eingestellt. Die Staatsanwaltschaft stimmte dem zu, da die Schuld der Angeklagten nur gering eingestuft wurde. Schaller selbst stand nie vor Gericht – nach Ansicht der Juristen war er „zu weit weg“ von den konkreten Planungen.

Das Versprechen „Wir schließen nie“ war durch die Pandemie nicht zu halten

Die Loveparade wurde eingestellt. Aus der Banane als McFit-Markenzeichen wurde 2012 eine Bananenschale (oder was immer das gelbe Schleifengebilde darstellen soll). Schallers Firmenversprechen „Wir öffnen einmal und schließen nie“ wurde dann 2020 zum ersten Mal gebrochen. Im Lockdown der Pandemie schlossen die 300 Schaller-Studios in Deutschland, Italien, Spanien, Österreich, der Schweiz, Polen, Ungarn und Tschechien ihre Pforten.

Die Pandemie veränderte Schallers Sicht aufs Geschäft

In der Tageszeitung „Die Welt“ sprach Schaller im April 2020 von seinen Mitarbeitern als „RSG-Familie“, gab ihnen ein Jobgarantie und stellte „allen Menschen auf der ganzen Welt unsere Fitness-App ‚Cyberobics‘ kostenlos zur Verfügung“. Im Verlauf der Pandemie ließ er Outdoorstudios aufbauen, stellte, als das Ordnungsamt einschritt, als Protestaktion Geräte in einem 50-Meter-Abstand auf einen Berliner Acker auf. Zweistellige Millionenverluste gab er im Dezember des Vorjahres bekannt: „Bislang waren wir immer kerngesund.“

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Corona hatte auch Auswirkungen auf seine Sicht aufs Geschäft: „Seit Beginn der Pandemie hat sich die Fitnessbranche und haben sich die Erwartungen der Menschen verändert“, sagte Schaller dem Branchenportal „Fitbook“ Ende des Vorjahres. „Ein Besuch im Fitnessstudio muss mit einem Erlebnis verbunden werden – das Training steht weiterhin im Vordergrund, aber die Ausstattung, das Design, die Musik, die Atmosphäre, die Community und die Angebote, die über das Training hinausgehen, gewinnen an Bedeutung und sorgen dafür, dass das Mitglied eine unvergessliche Zeit hat.“ Wollte er weg vom Fitness-Aldi?

Trauer bei Til Schweiger, Hass und Häme bei Twitter

Schaller hatte berühmte Freunde. „Ich habe ihn geliebt wie einen Bruder“, zeigte sich etwa Schauspieler und Filmregisseur Til Schweiger gegenüber der „Bild am Sonntag“ erschüttert über den Flugzeugabsturz. Noch fünf Tage zuvor habe er mit Schaller telefoniert, der ihm von fünf Wochen geplantem Familienurlaub in Südamerika erzählte. Auch Hollywoodstar Arnold Schwarzenegger und die Brüder Vitali und Wladimir Klitschko zählten zum Bekanntenkreis des Unternehmers, der sich bezüglich seines Privatlebens eher bedeckt hielt.

Die Küstenwache Costa Ricas wollte am Montag prüfen, ob der fortdauernde Regen es erlaube, die Suche nach der Absturzursache fortzusetzen. Wer der Mann und das Kind sind, die tot aufgefunden wurden, wurde bislang nicht bekannt.

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Auf Twitter gab es hasserfüllte und bösartige Kommentare zu dem Unfall. Von „Gerechtigkeit für die Opfer der Loveparade“ war die Rede. „Nun kann er 21 Menschen, die bei der Loveparade 2010 gestorben sind, direkt um Verzeihung bitten“, hieß es in einem anderen Tweet.

Hunderttausende tanzten im Sommer bei „Rave The Planet“

Die Loveparade war im Sommer 2022 erstmals nach 16 Jahren wieder zurück in Berlin gewesen. Aus Respekt vor den Toten von 2010 und aus rechtlichen Gründen tanzten im Juli Hunderttausende unter dem Label „Rave The Planet“. Dr. Motte war auch wieder dabei. Bevor 200.000 Raver von einem Wolkenbruch durchnässt wurden, rief der inzwischen 62-Jährige sein Glück von der Ladefläche des vordersten Lkw in die Menge: „Was für ein schöner Tag! Was für ein schönes Gefühl!“

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