Wegen Sanktionen gegen Russland

Poker unter Freunden? Siemens-Gasturbine für Nord Stream 1 hängt weiter in Kanada fest

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) geht neben Justin Trudeau, Premierminister von Kanada, während eines bilateralen Treffens beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau.

Berlin. Am 11. Juli beginnen jährliche Wartungsarbeiten an der Gaspipeline Nord Stream 1. Dann strömt kein russisches Gas mehr nach Deutschland. Fraglich bleibt, ob Russland nach Abschluss der Wartungsarbeiten wieder liefert. Unabhängig davon ist unklar, wann eine Siemens-Turbine wieder eingebaut werden kann, die aufgrund der Sanktionen in Kanada festhängt.

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In weniger als zehn Tagen, am 11. Juli, dreht der russische Staatskonzern Gazprom Deutschland das Gas ab. Dies geschieht planmäßig für zehn Tage. Grund sind die jährlichen Wartungsarbeiten an der Gaspipeline Nordstream 1.

Die Bundesregierung bereitet sich darauf vor, dass Wladimir Putin auch nach Abschluss des Pipelineservices den Gashahn geschlossen hält – irgendetwas kann ja immer dabei passieren.

Gasspeicher füllen sich langsam

Gegenwärtig sind die deutschen Gasspeicher zu etwas mehr als 61 Prozent gefüllt. Eine weitere Erhöhung ohne russisches Gas wird schwierig – und teuer, weiß der russische Präsident. Er setzt angesichts des bevorstehenden Winters offensichtlich auf weitere Sparaufrufe europäischer Politiker und in der Folge auf wachsende Unruhe in Europa.

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Ein „Nebenkriegs“-Schauplatz befindet sich im kanadischen Montreal. Seit Wochen harrt dort eine – ebenfalls planmäßig – gewartete Siemens-Turbine auf ihre Rückkehr zur Pipeline Nord Stream 1. Sie wird dort zur Verdichtung des Gases zum Transport in den Röhren auf dem Grund der Ostsee benötigt.

Das Aggregat sitzt wegen der vom Westen gegen Russland verhängten Kriegssanktionen in Nordamerika fest. Seitdem hält Gazprom die Lieferungen durch die größte Gasverbindung zur Europäischen Union auf nur noch 40 Prozent der Kapazität – was die raschere Auffüllung der Speicher unmöglich macht.

Gazprom reduziert Nord Stream 1-Lieferung um 40 Prozent

Gazprom hat bekanntgegeben, dass er die maximale Gasliefermengen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland um 40 Prozent reduzieren muss.

Sanktionen bremsen

Um mit voller Kapazität Gas in die Pipeline zu pumpen, werden in der russischen Verdichterstation Portovaya sechs Turbinen benötigt, hieß es bei Gazprom. Diese Informationen sind ebenso mit Vorsicht zu genießen wie Medienberichte, wonach davon nur noch zwei in Betrieb sein sollen.

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Deutschland und Kanada ringen seit Wochen um Antworten auf die Frage, wie die Sanktionen gegen Russlands Öl- und Gasgeschäft eingehalten werden können ohne sich selbst oder Verbündeten zu schaden. „Wir wollen die Sanktionen respektieren, denn sie wurden nicht ohne Grund verhängt“, sagte vor zwei Wochen Kanadas Minister für natürliche Ressourcen, Jonathan Wilkinson, in einem Interview.

In Deutschland ist man noch wortkarger. Die Siemens-Verantwortlichen sind abgetaucht und zeigen in Richtung Politik. Was sollen sie auch sagen? In Berlin wiederholt eine Sprecherin von Bundesenergieminister Robert Habeck (Grüne) Woche für Woche auf RND-Anfrage gebetmühlenartig: „Wir sind in intensiven Gesprächen mit der kanadischen Regierung und sind der Überzeugung, dass das Problem gelöst werden kann. Die Gespräche laufen noch.“

LNG für Europa

Die Turbinenfrage könnte jedoch auch Teil eines kanadischen Pokers um Energielieferungen unter der Ahornflagge nach Europa sein. Sicher ist, dass Premierminister Justin Trudeau versucht, für Kanada ein Stückchen vom Kuchen des zu deckenden europäischen Energiebedarfs abzubekommen.

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Schloss Elmau: Der kanadische Premierminister Justin Trudeau und Bundeskanzler Olaf Scholz bei bilateralen Gesprächen beim G7-Gipfel.

Schloss Elmau: Der kanadische Premierminister Justin Trudeau und Bundeskanzler Olaf Scholz bei bilateralen Gesprächen beim G7-Gipfel.

Zuletzt hatte Trudeau am Rande des G7-Treffens im bayerischen Schloss Elmau erklärt, sein Land erwäge den Ausbau der Energieinfrastruktur, um Europa „mittelfristig“ bei der Abkehr von russischem Öl und Gas zu helfen, wie der kanadische Spartensender BNN Bloomberg berichtete.

Der Mann aus Ottawa sagte Reportern, es gebe Möglichkeiten, Anlagen zu bauen, mit denen Flüssigerdgas (LNG) nach Europa exportiert werden könne. Ins Detail ging er jedoch nicht. Aber: Die Infrastruktur könne künftig auch für den Export von Wasserstoff genutzt werden. Dies würde den längerfristigen Klimazielen Kanadas – der Abkehr von fossilen Brennstoffen – entsprechen.

Bilaterale Gespräche auf Schloss Elmau

Es ist möglich, dass Trudeau in bilateralen Gesprächen mit Bundeskanzler Olaf Scholz am vergangenen Montag in Elmau konkreter geworden ist. Genaueres – ob es etwa auch um die in Kanada festsitzende Siemens-Turbine ging – wurde nicht bekannt.

Beide Staatsmänner hätten die Vertiefung der Energiezusammenarbeit zwischen ihren Ländern erörtert, hieß es von offizieller Seite. Dabei hätten auch Optionen für ein LNG-Terminal an der kanadischen Ostküste für den Export nach Europa eine Rolle gespielt.

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Kanada drückt da offensichtlich ordentlich auf die Tube: „Es gibt viele Gespräche mit Bundeskanzler Scholz“, sagte Justin Trudeau zum Abschied aus Deutschland. „Und ich freue mich darauf, sie fortzusetzen, wenn er im August nach Kanada kommt.“

Scholz reist dann zum Staatsbesuch nach Ottawa. Vielleicht bringt er spätestens bei seiner Rückkehr die Siemens-Turbine nach Europa mit.

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