Maria-Elisabeth Schaeffler

Die Bittstellerin, die mit Privatjet und Pelzmantel kommt

Der Wind hat sich gedreht. Im Sommer noch verehrten die Herzogenauracher sie als Heldin. Sie hatte, so schien es, ein Wunder in der Welt der Wirtschaft vollbracht und der fränkischen Kleinstadt neuen Glanz verliehen. Heute sehen manche in ihr vor allem das Luxusweib, das seine Stadt an den Rand des Ruins gebracht hat.

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Maria-Elisabeth Schaeffler, einst gefeiert als „listige Witwe“ und bodenständige Wohltäterin, muss miterleben, wie ihr größter Coup sich in eine Katastrophe zu verkehren droht und die anfangs bewunderte Übernahme der Conti AG durch die so viel kleinere Schaeffler-Gruppe sie zur peinlichen Bittstellerin macht, die nun Bund und Länder um Staatsgelder angeht.

„Die Stimmung hier ist umgeschlagen“, sagt der Lokaljournalist Rainer Groh, Herzogenauracher Redaktionsleiter der „Nordbayerischen Nachrichten“. „Eine Art Ikone ist sie zwar immer noch, aber ihr Bild hat Risse bekommen.“

Das neue Bild ist geprägt von dem Foto, das die 67-jährige Konzernmutter in Kitzbühel lachend im Pelzmantel mit einem Glas Champagner in der Hand zeigt. Es verfehlte auch in der 28.000-Einwohner-Stadt in Franken seine Wirkung nicht: „Wieso macht sie da in Kitzbühel die Partykönigin, wo sie in Berlin, München und Hannover um Geld bettelt?“, fragt sich Lokalredakteur Groh. „Das kam hier nicht so gut.“

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Auch auf dem Berliner Parkett wird derzeit mancher Giftpfeil auf sie abgeschossen. Grünen-Fraktionsvize Jürgen Trittin etwa höhnte am Freitag im Bundestag über „Kitzbühel-Maria, die im echten Pelzmantel zu Herrn Glos marschiert und um Staatshilfe bittet, um ihre größenwahnsinnige Übernahme zu finanzieren – wohlgemerkt, wir sprechen hier von einer der reichsten Frauen Deutschlands“. Und Trittin fügte an: „Solche Leute verderben die Sitten.“

Die Gescholtene weist die Kritik zurück. „Ich bin nach einer sehr anstrengenden Woche nach Kitzbühel gefahren, um der Einladung eines wichtigen Kunden zu folgen“, sagt Maria-Elisabeth Schaeffler, die 1996 die fränkische Wälzlagerfabrik von ihrem verstorbenen Mann übernahm und zu einem Weltunternehmen mit 66.000 Mitarbeitern ausbaute. Die Audi-Nacht mit VW-Chef Martin Winterkorn war reines Pflichtprogramm, heißt es aus der Konzernzentrale.

„Das war kein Spaß für sie“, sagt Unternehmenssprecher Detlef Sieverdingbeck. Die Chefin sei so erschöpft gewesen, dass sie die Feier schon vor dem Nachtisch verlassen habe. Den Pelzmantel habe sie schlicht angezogen, weil es „rattenkalt“ gewesen sei – nicht etwa, um damit zu protzen. Auch die Nutzung des privaten Jet-Flugzeugs gilt bei Schaeffler als Selbstverständlichkeit.

„Ich bin keine Schickimicki-Dame“, beteuert die Chefin selbst. Sie arbeite schließlich 80 Stunden pro Woche und habe seit dem Jahr 2001 rund 12 000 Arbeitsplätze geschaffen. Da sei es schon sehr ungerecht, wenn sie von den Boulevardmedien jetzt plötzlich zur Hassfigur in der Debatte um Staatshilfen gemacht werde.

„Weil die reiche Frau Schaeffler sich bei der Conti-Übernahme verrechnet hat, ruft sie den Staat um Hilfe an“, stichelte diese Woche die „Bild“-Zeitung –˚und forderte ihre Leser auf, es der Milliardärin gleichzutun und den Staat für private Anschaffungen wie Handy oder Auto um Geld zu bitten. Tags darauf erhielt die Attackierte im gleichen Blatt Gelegenheit, zu den Vorhaltungen Stellung zu nehmen. „Die Börse spielt verrückt, das trifft alle Firmen“, betonte Maria-Elisabeth Schaeffler. Die Conti-Aktie sei von 100 auf 14 Euro gefallen, das Ergebnis eines „schweren Einbruchs“.

Tatsächlich ist die Conti-Übernahme durch den Kursverlust und die Absatzkrise in der Automobilindustrie für Schaeffler zu einer milliardenschweren Belastung geworden. Gleichwohl drängt sich die Frage auf, warum die Chefin nicht erst einmal ihr eigenes Vermögen einsetzt, bevor sie nach Staatshillfe ruft. Schließlich wird sie zu den 30 reichsten Deutschen gezählt. „Unsinn“, entgegnet Maria-Elisabeth Schaeffler. „Unser Vermögen steckt im Unternehmen, wir haben Gewinne immer investiert.“

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Daran hat auch der Betriebsrat bisher geglaubt. Im Zeichen der Krise werden jedoch leise Zweifel laut. „Wir wissen nicht, wie hoch die Eigenkapitaldecke ist und ob vielleicht noch irgendwo Geld geparkt ist“, sagt einer der Betriebsräte in Herzogenaurach. „Die Transparenz hier ließ schon immer zu wünschen übrig.“ Während die Arbeitnehmervertreter vor einigen Monaten die Conti-Übernahme noch vollauf begrüßten, herrscht jetzt eher Skepsis – und niemand möchte mehr, dass sein Name in der Zeitung erscheint.

„Die Stimmung hier“, sagt ein Betriebsrat im Vertrauen auf seine Anonymität, „ist sehr angespannt.“ Im Februar werde es wegen der schlechten Auftragslage Kurzarbeit geben.

Kurzarbeit? In Herzogenaurach? Bisher durfte sich die quirlige fränkische Stadt stets auf der Sonnenseite wähnen. Mit adidas, Puma und eben Schaeffler war Herzogenaurach Sitz von gleich drei prosperierenden Weltunternehmen. Die Fabriken brummten und summten, die Baukräne drehten sich, es schien immer weiter aufwärtszugehen.

Und jetzt: die Schaeffler-Krise. Dass ausgerechnet Schaeffler betroffen ist, trifft die Stadt ins Mark. Jeden zweiten der 16.000 Arbeitsplätze im Ort stellt das Unternehmen. „Wenn Schaeffler hustet, hat Herzogenaurach Lungenentzündung“, orakelte schon vor Jahren der frühere Bürgermeister Hans Lang (CSU). „Jetzt ist es so weit“, sagt Langs Amtsnachfolger German Hacker (SPD). „Und Schaeffler hustet massiv.“

Die Konsequenzen sind verheerend. „Unsere Gewerbesteuereinnahmen sinken von 20 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf minus vier Millionen in diesem“, sagt Hacker. „Das bedeutet, dass wir vier Millionen Euro zurückzahlen müssen.“

Eine harte Belastungsprobe für eine Stadt, die bisher aus dem Vollen schöpfen konnte. Bürgermeister Hacker macht jedoch nicht Maria-Elisabeth Schaeffler für die Notlage verantwortlich. „Die Conti-Übernahme war strategisch völlig richtig“, sagt der Sozialdemokrat. „Wir haben in den vergangenen Jahren sehr gute Erfahrungen mit den Zukäufen der Firma Schaeffler gemacht.“ Das Problem jetzt sei der Zeitpunkt. „Wir sind mit diesem Projekt mitten in die Weltwirtschaftskrise hineingeraten, das ist das Problem.“

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Dass „die schöne Milliardärin“ nun in Boulevardmedien zur Hassfigur aufgebaut werde, ärgere ihn maßlos, sagt der Bürgermeister. „Sie hat mit einer Wahnsinnsenergie für die Zukunft ihres Unternehmens gearbeitet – in einem Alter, in dem sich andere längst zur Ruhe gesetzt haben“, sagt Hacker. Dass sie nun mit ihrem Unternehmen so in die Bredouille geraten sei, sei „an Tragik nicht zu überbieten“.

Wirtschaftswunder Schaeffler

1941 kommt Maria-Elisabeth Schaeffler, geborene Kurssa, als Tochter einer Unternehmerfamilie in Prag zur Welt.

1946 wird die Familie enteignet und flüchtet nach Wien, wo Schaefflers Vater zunächst Finanzberater im Hauptquartier der US-Streitkräfte wird.

1960 beginnt Maria-Elisabeth Kurssa ein Medizinstudium.

1963 lernt sie beim Skilaufen den 24 Jahre älteren Wälzlagerfabrikanten Georg Schaeffler kennen, heiratet noch im gleichen Jahr und zieht mit ihrem Mann nach Herzogenaurach, wo dieser 1946 nach seiner Flucht aus Schlesien die Schaeffler KG gegründet hat.

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1996 stirbt Georg Schaeffler, und seine Frau Maria-Elisabeth übernimmt das Firmenimperium, das zu diesem Zeitpunkt 20 000 Menschen beschäftigt. Ihr Sohn Georg F. W. Schaeffler firmiert zwar als Miteigentümer, betreibt aber eine Kanzlei als Wirtschaftsanwalt in Dallas/USA; ein zweiter Sohn ist bei einem Unfall ums Leben gekommen.

1999 erwirbt Schaeffler sämtliche Anteile des Kupplungsherstellers LuK.

2001 übernimmt Schaeffler das Unternehmen FAG Kugelfischer in Schweinfurt. Seither wächst die Schaeffler-Gruppe rasant – von 20.000 auf heute 66.000 Mitarbeiter und Niederlassungen in 50 Ländern.

2007 wird Maria-Elisabeth Schaeffler in der Liste der reichsten Deutschen des Manager-Magazins auf Platz 22 gesetzt, ihr Vermögen wird auf knapp 5 Milliarden Euro geschätzt.

Februar 2008 Maria-Elisabeth Schaeffler kauft als Privatperson die ersten 2500 Conti-Aktien zu 67,60 Euro das Stück – der Übernahmepoker beginnt.

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