Genfer Autosalon wegen Coronavirus abgesagt – aber wie schlimm ist das eigentlich?

Arbeiter bauen einen Stand ab, nachdem der 90. Genfer Autosalon dem Coronavirus zum Opfer gefallen ist.

Arbeiter bauen einen Stand ab, nachdem der 90. Genfer Autosalon dem Coronavirus zum Opfer gefallen ist.

Genf/Hannover. Die sündhaft teuren Hotelzimmer waren gebucht, die Messestände aufgebaut, die Konzernabende organisiert – doch dann hat das Coronavirus dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung gemacht: Der Genfer Automobilsalon, eines der renommiertesten Branchentreffen weltweit, fällt 2020 aus und markiert damit einen weiteren Tiefpunkt in der Automobilindustrie, die sich ohnehin seit geraumer Zeit im Krisenmodus befindet. Die Frage, wer für den wirtschaftlichen Schaden am Ende aufkommen muss, wird hinter verschlossenen Türen verhandelt werden. Ein Insider stellt aber klar: “Es geht hier um Millionen.”

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Trotzdem dürfte sich der eine oder andere Manager zufrieden zurücklehnen, denn die meisten Hersteller – egal, ob Mercedes, Volkswagen, BMW oder Audi – greifen zu Plan B. Sie präsentieren ihre Messepremieren digital im Internet. Und nun stellt sich eine Frage, die zuletzt immer wieder aufgetaucht ist: Haben Automessen überhaupt noch einen Sinn?

“Hier herrscht jetzt große Hektik”, sagt der Mitarbeiter einer großen deutschen Automarke, der seinen Namen lieber nicht genannt haben möchte, im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Denn natürlich geht es gerade um Schadensbegrenzung. Interviewtermine, Roundtablegespräche, Diskussionsrunden – alles das war von langer Hand vorbereitet und hat sich mit der Absage des Autosalons quasi über Nacht erledigt. “Die Gespräche mit Journalisten, der persönliche Kontakt, allein dafür kann man die Automessen noch nicht abschreiben”, sagt der Insider. Das mediale Interesse an den Produkten sei bei den Automessen zudem nach wie vor hoch.

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Das leise Sterben der Traditionsmessen

Das ändert allerdings nichts daran, dass Automessen in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung verloren haben: Die North American International Auto Show, viele Jahre lang das Auftakttreffen der Branche Anfang Januar in Detroit, wurde in den Sommer verschoben, nachdem im vergangenen Jahr fast alle großen deutschen Hersteller der Messe ferngeblieben waren – Zukunft ungewiss. Die IAA in Frankfurt, einst die wichtigste Automesse überhaupt, wird es nicht mehr geben – das Besucherinteresse hatte rasant abgenommen, nachdem auch dort wichtige Marken abgesagt hatten. Zurzeit ist man auf der Suche nach einem neuen Standort und neuen Inhalten.

Und auch der Automobilsalon in Genf führt nicht mehr alle renommierten Marken im Programm. Klassiker wie Jaguar, Land Rover, Volvo, Chevrolet, Ford oder die gesamte französische PSA-Gruppe (Citroën, Peugeot und Opel) haben der Schweiz einen Korb gegeben und konzentrieren ihre Auftritte woanders.

VW veranstaltet seine eigenen Messen

Denn zwei Formate sind gerade dabei, den Messeauftritten den Rang abzulaufen: Weltpremieren als markeneigene Veranstaltungen und digitale Pressekonferenzen. So hat beispielsweise Volkswagen den neuen Touareg 2018 in einer riesigen Show in Peking präsentiert. Die Wolfsburger haben dafür die weltweite Fachpresse nach China verfrachtet und konnten sich damit der ungeteilten Aufmerksamkeit für ihr Produkt sicher sein.

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Zudem waren sie nicht mehr an den Messekalender gebunden, sondern haben selbst den Zeitpunkt ihrer Weltpremiere bestimmt. Mercedes-Benz ist für die Weltpremiere seines ersten reinen Elektroautos, des EQC, ebenso verfahren und hat das Fahrzeug in Stockholm präsentiert, flankiert von Workshops rund ums Thema Elektromobilität – für die Hersteller eine ideale Plattform, die gewünschten Inhalte zielgenau zu platzieren.

Die Fahrzeugvorstellungen verlagern sich ins Netz

Im vergangenen Jahr sind die Schwaben für die Weltpremiere der zweiten Generation ihres Einstiegs-SUV GLA noch einen Schritt weiter gegangen und haben die Präsentation komplett ins Internet verlegt. Daimler-Chef Ola Källenius stand dafür mit dem Wagen im Studio und hat seinen Text in die Kamera gesprochen, während die Welt zugeschaltet war. Genau das passiert auch jetzt wieder als Ersatz für die gestrichenen Messeauftritte in Genf. Dazu kommt, dass sich viele Inhalte der Automobilindustrie längst ins Digitale verschoben haben: Die Hardware, jahrzehntelang der Imageträger einer Marke schlechthin, wird im gleichen Maße unwichtiger, in dem die digitalen Produkte zunehmen. Und die werden nicht mehr auf den Automessen klassischen Zuschnitts präsentiert, sondern auf den Branchentreffen der Unterhaltungs- und Elektronikindustrie wie der Consumer Electronics Show in Las Vegas.

Dass in den Pressestellen der Hersteller am Wochenanfang trotzdem die Telefonleitungen heiß liefen, hatte einen ganz einfachen Grund: Beim Versuch, zu retten, was noch zu retten ist, hat man die Motorjournalisten zu Roundtablegesprächen eingeladen – natürlich digital im Internet.

RND


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