Möbel, Benzin, Lebensmittel: Warum alles immer teurer wird

Die Preise für einige Lebensmittel sind in Deutschland in den vergangenen Monaten stark gestiegen.

Hannover. Alle paar Monate braucht Markus Meyer einen Container. Der wird dann in China mit Massagesesseln für sein Möbelhaus in Kaiserslautern gefüllt und mit 20.000 anderen auf einem Frachter Richtung Europa geschickt. Gerade hat er wieder einen bestellt. Ein Transport von Ningbo, dem drittgrößten Containerhafen der Welt, nach Bremerhaven kostete vor einem Jahr rund 2000 Euro. „Jetzt sind es 15.000 Euro“, sagt Markus Meyer, der auch Präsident des Handelsverbands Möbel und Küchen (BVDM) ist.

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Solche Geschichten gibt es in nahezu jeder Branche zu hören. Knappe Transportkapazitäten, fehlende Teile, teure Rohstoffe – alle Unternehmen klagen über die gleichen Preistreiber. Und alle stehen vor der Frage, wie sie damit umgehen sollen. Für die Möbelbranche hat Ikea gerade die Antwort gegeben.

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Vorbild Ikea?

Man habe lange gewartet, teilte der Marktführer um den Jahreswechsel mit, aber nun könne man „die massiven Kostensteigerungen entlang der Wertschöpfungskette“ nicht mehr anders ausgleichen. Weltweit sollen die Preise im Schnitt um 9 Prozent steigen, „alle Sortimentsbereiche und alle Länder“ seien betroffen. Das sei nachvollziehbar, sagt Meyer. „Viele Möbelhändler werden diesem Schritt folgen.“

Sie sind damit nicht allein. Lebensmittelhersteller, Autoindustrie, Transporteure, Handwerk – überall die gleiche Klage und die gleichen Superlative. „Extrem“ die Entwicklung bei den Transportkosten, „exorbitant“ beim Zusatzfutter für Milchkühe, „massiv“ bei der Energie, „beispiellos“ beim Papier.

Das können wir in der Summe nicht so einfach wegstecken.

Björn Börgermann,

Geschäftsführer beim Milchindustrie-Verband

Um gut 20 Prozent sind die Herstellerpreise aktuell höher als vor einem Jahr. „Das können wir in der Summe nicht so einfach wegstecken“, sagt Björn Börgermann, Geschäftsführer beim Milchindustrie-Verband. Seine Liste der Kostensteigerungen reicht bis zur Europalette, auf der die Milchtüten transportiert werden: Knapp seien die Holzgestelle, vervierfacht habe sich der Preis.

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Also aussitzen und auf Besserung hoffen – vielleicht vergebens? Oder die höheren Kosten auf die Endpreise aufschlagen – und womöglich Kunden vertreiben? Vielleicht auch unauffällig ein bisschen mehr draufschlagen, obwohl es gar nicht nötig wäre – weil es alle anderen auch gerade tun?

Jedes Unternehmen ist anders betroffen, und jedes hat seine Strategie. Mehr als 400 Waren zählt die offizielle Preisstatistik. Sie reicht von „Ton-, Bild- und andere Datenträger, bespielt“, die im November 14 Prozent billiger waren als ein Jahr zuvor, bis zu Flüssiggas, das 83 Prozent teurer war.

Es gibt die Inflationsdämpfer, deren Preis sich kaum verändert hat: Obst und Gemüse sind nach dem Hoch im Sommer wieder billiger geworden, Süßstoffe sind stabil, ebenso Mobilfunk, Software und Versicherungen, Post und Ärzte.

Autos, Elektronik und vor allem Energie treiben die Preise

Und es gibt die Preistreiber: Heizöl und Sprit sind um rund die Hälfte teurer geworden, Autos neu und gebraucht um rund 10 Prozent, Computer, Pauschalreisen und einige Textilien ebenso, Elektriker und Sanitärhandwerker im Schnitt um 12 Prozent.

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Dazwischen wirkt das Mittelfeld harmlos, aber auch hier stehen Raten, die man jahrelang nicht gesehen hat: 7 Prozent mehr für Brot und Brötchen, 9 Prozent für Geflügelfleisch, 6 Prozent bei „Verbrauchsgütern für die Körperpflege“ – Shampoo und Duschgel.

Kaum etwas bewegt sich noch in den jahrelang üblichen Größen von ein bis 2 Prozent. „Lebensmittel sind seit Jahren ausgesprochen günstig und waren immer Inflationsdämpfer“, sagt Börgermann. Jetzt ist Butter 12 Prozent teurer als vor einem Jahr, bei Eiern sind es 14 Prozent.

All das steckt in den 5,3 Prozent Inflationsrate, die gerade für den Dezember ermittelt wurde. Wie sie sich weiterentwickeln wird, ist mehr als nur die Millionen-Dollar-Frage. Einige Experten, vor allem die der Europäischen Zentralbank, glauben, dass der Preisboom bald verpuffen wird. Zwar hat die EZB ihre Prognose für dieses Jahr auf 3,2 Prozent verdoppelt, aber schon 2023 werde die Inflation wieder unter 2 Prozent und damit zu niedrig liegen.

Doch das Lager der Warner wächst: Der Preistrend sei stabiler als vermutet, von selbst werde sich da auf absehbare Zeit nichts erledigen. Michael Heise, Chefökonom beim Vermögensverwalter HQ Trust, rechnet für die nächsten Monate mit 4,5 Prozent Inflation und für den Jahresdurchschnitt mit 3,5 Prozent.

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Die Märkte haben sich überraschend schnell erholt

Die Lage ist unübersichtlicher als je zuvor, Corona hat eine bisher nicht gekannte Situation geschaffen. Die Pandemie hat 2020 nicht nur die Nachfrage einbrechen lassen, sondern auch Fabriken und Häfen lahmgelegt – und das unvorhersehbar in wechselnden Weltregionen. Als sich die Märkte überraschend schnell erholten, geriet das fein austarierte Räderwerk des Welthandels ins Stolpern.

Frachtrouten passten nicht mehr zum Bedarf, leere Container sammelten sich am falschen Ende der Welt, banale Bauteile wurden per teurer Luftfracht in Fabriken gebracht. Chipfabriken und Hochöfen konnten nicht so schnell wieder hochgefahren werden, wie man sie abgeschaltet hatte. Personal in Gaststätten und hinter Lkw-Lenkrädern wurde nach Hause geschickt – und nicht alle kommen wieder.

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Konsumenten, die monatelang wenig Geld ausgeben konnten, hatten danach umso mehr in der Tasche. Das nüchterne Fazit der Wissenschaftler vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW): „Eine sich schnell erholende Nachfrage in Kombination mit Angebotsrestriktionen hat zu steigenden Preisen geführt.“

Vieles davon wird sich wieder einschwingen, und die Experten und Expertinnen sind sich zumindest darin einig, dass die Dezemberinflation den Höhepunkt markiert hat. Aber danach wird nichts billiger – es wird nur langsamer teurer. Im Januar dürfte schon ein statistischer Effekt Wirkung zeigen: In den vergangenen Monaten wurden die Preise mit denen der zweiten Hälfte 2020 verglichen, als die Mehrwertsteuer vorübergehend niedriger war. Der Anstieg sieht also größer aus, als er bei gleichem Steuersatz war.

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Überhaupt war 2020 ein vergleichsweise günstiges Jahr. Wegen fehlender Nachfrage in der Corona-Rezession stürzte der Ölpreis, Sprit und Heizöl gab es so billig wie lange nicht. Die Inflationsrate war zeitweise negativ, statistisch wurde das Leben billiger – es gibt also etwas nachzuholen.

Wie lange bleibt die Inflation erhalten?

Aber ist es damit getan? „Es deutet sich an, dass die aktuell höheren Inflationsraten in Deutschland von längerer Dauer sein könnten“, heißt es in der IW-Studie. Die allgemeinen Transportprobleme hielten an, die gestiegenen Gaspreise kämen jetzt erst bei den Verbrauchern an, Öl bleibe teuer, und der gestiegene CO₂-Preis werde sich auch niederschlagen.

Die Möbelhersteller etwa rechneten auch weiter „bei Metallteilen, Stoffen und Leder, Verpackungsmaterialien und Transport- und Logistikdienstleistungen mit spürbaren Preisanstiegen“, sagt Jan Kurth, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie (VDM). „Generell ist für das gesamte Jahr 2022 nicht mit einer kompletten Normalisierung der Situation zu rechnen.“ Das sieht auch sein Kollege Börgermann in der Milchindustrie so: „Es ist damit zu rechnen, dass sich die Preise nach oben entwickeln.“

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Es ist eine Machtfrage, wer in der langen Kette vom Rohstoff bis zum Endverbraucher welche Last trägt. Für Lebensmittel verhandeln die Hersteller alle paar Monate mit den großen Supermarktketten über Preise. So berichtet das „Handelsblatt“ von heftigem Streit zwischen Edeka und Eckes-Granini: Die Handelskette habe 6 Prozent Preiserhöhung verweigert, der Safthersteller wolle zu alten Konditionen nicht mehr liefern.

Schon im Herbst soll Edeka-Chef Markus Mosa auf einer Handelstagung übertriebene Forderungen der Lieferanten angeprangert haben. Ein Nudelhersteller etwa habe 25 Prozent mehr gefordert. Solche Forderungen, wird ein Edeka-Sprecher zitiert, seien mit steigenden Rohstoffpreisen nicht zu erklären.

Künstliche Verknappung in kriselnden Branchen?

Den Verdacht hat man auch in anderen Branchen: „Manches hat sich auf wundersame Weise verknappt“, sagt ein Insider. „Das hatte mit Corona gar nichts zu tun.“ Bei wichtigen Vorprodukten, für die es wenig Anbieter gibt, hätten Hersteller schlicht die allgemeine Preisdebatte genutzt, um billige Massenware zu „vergolden“.

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Den gleichen Verdacht hegt die Industrie gegen die Reedereien. Von „künstlichen Engpässen der Transportkapazitäten in den maritimen Lieferketten“ war im Sommer bereits in einem Brandbrief deutscher Verbände an die Bundesregierung die Rede.

Denn folgt man den Preissteigerungen zum Ursprung, landet man fast immer bei Transport und Energie. Reedereien und Ölkonzerne, zuletzt schwer angeschlagene Branchen, verdienen gut wie lange nicht.

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