Topthema Inflation verdrängt in Tarifverhandlungen die Corona-Sorgen

Banknoten liegen aufgefächert auf einem Tisch.

Banknoten liegen aufgefächert auf einem Tisch.

Frankfurt/Berlin. Tarifverhandlungen sind selten ein Vergnügen, doch im kommenden Jahr könnten sie besonders hart ausfallen. Während die Unternehmen möglichst schnell die Corona-Einbußen aufholen und dafür entsprechende Investitionen auslösen wollen, bangen die Arbeitnehmer um ihre Kaufkraft, denn die Verbraucherpreise steigen derzeit deutlich schneller als die Einkommen.

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Im kommenden Tarifjahr wird nach Zählung des gewerkschaftlichen WSI-Tarifarchivs nur für rund zehn Millionen Beschäftigte verhandelt, nach rund zwölf Millionen im Corona-Jahr 2021. Die Pandemie hat in einigen Branchen wie Gastronomie und Tourismus zu deutlichen Geschäftsrückgängen geführt, in den übrigen Wirtschaftszweigen setzten die Gewerkschaften vor allem darauf, die vorhandenen Arbeitsplätze zu sichern.

Entwicklung der Tarifgehälter 2021 eingebrochen

2021 ist die sonst so stetige Entwicklung der Tarifgehälter geradezu eingebrochen. Das Statistische Bundesamt registrierte für das dritte Quartal des Jahres mit 0,9 Prozent den geringsten Anstieg im Vergleich zum Vorjahresmonat seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2010. Ein Jahr zuvor und damit knapp vor Corona waren die Löhne in der Jahresfrist noch um 4,2 Prozent geklettert.

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Die nunmehr geringen Zuwächse werden gleichzeitig von der steigenden Inflation aufgefressen. Im fraglichen Quartal registrierte die Statistik einen jahresbezogenen Anstieg der Verbraucherpreise um 3,9 Prozent, was erneut zu deutlichen Reallohnverlusten geführt hat. Bereits 2020 sind die Reallöhne erstmals seit langen Jahren wieder zurückgegangen.

Höchste Teuerungsrate seit fast 30 Jahren

Im November diesen Jahres waren die Waren und Dienstleistungen sogar 5,2 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Das ist die höchste Teuerungsrate seit fast 30 Jahren, die vor allem auf höhere Preise für Energie, die wieder erhöhte Mehrwertsteuer und coronabedingte Lieferengpässe zurückgeht. Die Gewerkschaften stehen unter Druck, für ihre Mitglieder die negativen Folgen der schleichenden Geldentwertung abzufedern, die von der Europäischen Zentralbank bislang nur beobachtet und als vorübergehend bewertet wird.

Neben der Geldpolitik beeinflusst auch die Entwicklung der Löhne die Inflation. Drehen sich stark steigende Verbraucherpreise und Löhne wie in einer Spirale hoch, könnte sich die Inflation auf hohem Niveau verfestigen. Die Volkswirte der Commerzbank erwarten aber unter dem Strich, dass die Löhne auch 2022 noch langsamer zulegen als vor der Pandemie. Auch die geplante Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf 12 Euro dürfte nach ihrer Einschätzung nicht ausreichen, bereits 2022 eine Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen.

Erstes Schwergewicht im Tarifjahr ist die IG BCE, die ab März für rund 580.000 Beschäftigte der deutschen Chemie- und Pharmabranche streitet. „Es steht außer Frage, dass am Ende ein Entgeltplus oberhalb der Teuerungsrate stehen muss“, sagt IG-BCE-Vize Ralf Sikorski, ohne die Forderung bereits genau zu beziffern. Die meist moderate Gewerkschaft will sich noch ein paar Wochen Zeit nehmen, um die Inflationsrate zu beobachten – zumal zum Jahreswechsel der Mehrwertsteuereffekt entfällt und die Rate daher sinken müsste.

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Lohn-Preis-Spirale noch nicht erkennbar?

Wie anspruchsvoll das Ziel eines Entgeltplus oberhalb der Teuerung dennoch ist, zeigt ein Blick auf die historische Entwicklung der deutschen Tariflöhne: In diesem Jahrtausend lag ihre Steigerung mit dem Jahr 2014 nur ein einziges Mal oberhalb der Drei-Prozent-Marke.

Selbst in den Krisenbranchen scheint daher die Zeit der niedrigen Forderungen vorbei zu sein. So will die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) für die Beschäftigten in der Lebensmittelindustrie und der Gastronomie bis zu 6,5 Prozent mehr Geld herausschlagen. Den neuen Mindestlohn müssten die Arbeitgeber mit höheren Einstiegsgehältern und betrieblicher Altersvorsorge überbieten.

Im Sommer registrierte die Bundesbank bereits wieder höhere Tarifabschlüsse mit Jahressteigerungen zwischen 2,2 (Einzelhandel) und 3,4 Prozent (Bau). Auch die anstehenden Tarifverträge dürften nach ihrer Erwartung stärkere Lohnsteigerungen als zuletzt bringen. Anzeichen für das „Schreckgespenst“ einer Lohn-Preis-Spirale mag Thorsten Schulten, Leiter des gewerkschaftlichen WSI-Tarifarchivs, bislang aber nicht erkennen.

Dass kräftige Lohnerhöhungen im kommenden Jahr ein zentrales Ziel sein werden, steht auch für IG-Metall-Chef Jörg Hofmann außer Frage. „Natürlich erwarten die Beschäftigten nun, dass es wieder eine ordentliche Erhöhung gibt und es nicht zu Reallohnverlusten kommt“, sagte der Chef der mächtigsten deutschen Gewerkschaft jüngst. Die IG Metall wird ab September über die Einkommen und Arbeitsbedingungen von rund 3,8 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie verhandeln – und muss dabei gleichzeitig den rasanten Umbau ihrer wichtigsten Branchen Auto und Maschinenbau im Blick halten und gestalten.

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RND/dpa

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