Hubertus von Grünberg

Weißer Hai mit Fleck. Ein Porträt

2006 kam heraus, dass Hubertus von Grünberg als Berater für die Finanzinvestoren GCG arbeitete, die sich gerade daran machten, Continental zu übernehmen. Da von Grünberg gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender bei Conti war, hinterließ dies einen Fleck auf seiner weißen Weste.

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Hatte er wirklich nichts mit den Übernahmeplänen zu tun? Hatte er im GCG-Kreis vielleicht nur etwas zu laut und etwas zu viel über Conti geschwärmt, die damals dank voller Kassen, aber niedrigen Aktienkurses quasi als Schnäppchen zu haben war? „Im Winter ist der Pommer noch dümmer als im Sommer“, kokettiert von Grünberg zuweilen mit seiner Herkunft aus Swinemünde, im heute polnischen Teil Usedoms. Also stieg er im Sommer 2006 sofort bei GCG aus und schwor, „nie wieder Private-Equity-Mandate anzunehmen, solange ich in Aufsichtsräten sitze“. Eine kluge Maxime. Wie gesagt, es war Sommer.

Mag sein, dass die GCG-Episode ein Ausrutscher war, denn Dummheiten erlaubt sich ein analytischer Geist wie von Grünberg nicht. Der Mann ist Physiker. Doch mancher, der ihn zum ersten Mal sieht, könnte meinen, dass von Grünberg ein typischer Vertreter der eigenbrötlerischen Wissenschaftler wäre, die im stillen Kämmerlein an bahnbrechenden Erfindungen basteln. Damit hätte man ihn jedoch gefährlich unterschätzt. Von Grünberg bastelt lieber im Großen.

Als Konzernchef hat er zwischen 1991 und 1999 den Umbau des Reifenherstellers Continental zum Systemlieferanten der Autoindustrie eingeleitet. Er hatte erkannt, dass die Autohersteller sich nicht länger Tausende Einzelteile von Hunderten Herstellern zusammenkaufen wollen, sondern ganzen Baugruppen aus einer Hand den Vorzug geben. Das vermindert Abstimmungsprobleme.

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Dass von Grünberg gegen alle Widerstände weniger Lohn für seine Beschäftigten und längere Arbeitszeiten durchdrückte, dass er große Teile der Produktion ins billige Ausland verlegte – das alles brachte ihm in Gewerkschaftskreisen den Ruf eines „schwierigen Gesprächspartners“ ein. Auch „Eisenfaust“ oder „weißer Hai“ musste er sich nennen lassen.

Selbst nach seinem Rückzug auf den Sessel des Aufsichtsratsvorsitzenden gab es bei Conti keine wichtige Entscheidung, bei der von Grünberg nicht die Fäden gezogen hat. Die Vermutung, dass die ergraute Eminenz nun auch beim Übernahmeangebot Schaefflers die Hände im Spiel hat, liegt für viele daher nicht fern.

Was auf den ersten Blick wie ein Kampf Davids gegen Goliath aussieht, würde jemanden wie Grünberg nicht schrecken. Seit er seine Promotion über Einsteins Relativitätstheorie erfolgreich abgeschlossen hatte, „hatte ich beruflich vor nichts mehr Furcht“, sagte er einmal in einem Interview.

Schon von klein auf wagte sich von Grünberg gern an die kniffligen Aufgaben. Später, beim Studium in Köln, entschloss er sich gegen die Volkswirtschaft, weil dort jeder Zweite den Abschluss schaffte. In Mathematik und Physik dagegen lagen die Durchfallquoten bei 90 Prozent – genau der Fall für einen ehrgeizigen Mann wie ihn.

Auch im Berufsleben – erst bei Teves in Frankfurt, dann in Brasilien und den USA und schließlich als Chef der Teves-Mutter ITT gab es für ihn das Wort „unmöglich“ nicht. Von Grünberg ist verbindlich im Auftreten, kein eitler Adliger oder herrschsüchtiger Manager. Doch in der Sache ist er knallhart. Er sei keinem Himmelfahrtskommando aus dem Weg gegangen, sagt er über seine Zeit in Amerika, und auch in Deutschland habe er sich bei Problemen gleich an die Spitze der Bewegung gestellt. So bog er den Spieß um, als er 1991 den Chefsessel bei Conti übernahm und sich die Hannoveraner einer Übernahmeattacke von Pirelli ausgesetzt sahen. Mit Erfolg: Pirelli wurde ausgebremst.

Der heute 66-Jährige war es auch, der Manfred Wennemer auf den Chefsessel setzte – ein Mathematiker, der sich zwar im Auftritt von von Grünberg unterscheidet, in der Sache mit ihm jedoch – bisher zumindest – immer einig war. Doch möglicherweise hat die „listige Witwe“, Maria-Elisabeth Schaeffler, von Grünberg auf ihre Seite ziehen können. Von Grünberg kennt die Verhältnisse in dem fränkischen Unternehmen genau, als Beirat hat er bis 2006 besten Einblick gehabt. Er soll auch den heutigen Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger für diesen Posten vorgeschlagen haben.

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Und genau genommen, käme er mit einer Ehe aus Schaeffler und Conti auch seinem großen Traum ein Stück näher: Ein echtes Schwergewicht in der Autoindustrie wollte er schon immer formen, einen ernsthaften Konkurrenten zu Bosch. Wie auch immer, es ist wieder Sommer.

von Klaus Dieter Oehler und Helmuth Klausing / 17.07.2008

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