Anspruch und Wirklichkeit

Kaum digitaler Wandel: Die Realität in Kliniken und Praxen bleibt analog

Wegen der Corona-Pandemie sucht das UKSH Freiwillige mit medizinischem Hintergrund, die in der Pflege und im Klinikalltag helfen können.

Digitale Medizin wird von der Ärzteschaft nach zwei Jahren Pandemie verstärkt gefordert. Realität ist sie selten.

München. Zwei Jahre Pandemie haben Ärztinnen und Ärzten die Augen geöffnet. Sie wollen in Kliniken und Praxen mehrheitlich Digitaltechnik wie Videosprechstunden, künstliche Intelligenz (KI) zur Diagnose oder virtuelle Realität beim Training für Operationen einsetzen, hat eine Umfrage des deutschen Digitalverbands Bitkom und des Ärzteverbands Hartmannbund ergeben. Die Realitäten im Klinik- und Praxisalltag dagegen bleibt analog.

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Sechs von zehn Ärztinnen und Ärzten kommunizieren weiter per Fax, hat die Studie ermittelt. Weniger als ein Fünftel der Ärzteschaft bietet Videosprechstunden an. Nicht einmal jede zehnte Klinik arbeitet mit KI. „Über drei von vier Ärztinnen und Ärzten sehen Deutschland als Nachzügler bei digitaler Medizin“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

Bei der Vorgängerbefragung 2020 zu Beginn der Pandemie hatten erst sechs von zehn Ärztinnen und Ärzten so geurteilt. Die Gründe für das digitale Hinterherhinken in Kliniken und Praxen sind indessen vielfältig. Fast alle 535 bundesweit befragten Ärzte sehen die Bürokratie als Haupthindernis, acht von zehn eine mangelnde Marktreife digitaler Produkte, sieben von zehn auch ihrer Meinung nach übertriebenen Aufwand für Datenschutz. Zwei Drittel aller Befragten bezeichnen hohe Kosten für digitale Aufrüstung als Hemmschuh. Viele deutsche Kliniken arbeiten ohnehin schon in den roten Zahlen.

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Rohleder kann das teilweise nachvollziehen, macht aber noch auf ein anderes Problem aufmerksam. So habe fast jeder und jede zweite Befragte eine mangelnde Digitalkompetenz der Ärzteschaft eingeräumt und sogar mehr als jeder und jede Zweite eine solche bei Patientinnen und Patienten vermisst. „Wir brauchen intensive Schulungen“, folgert Rohleder erst einmal für die Ärzteschaft daraus. Er sieht aber auch die Anbieter von Digitaltechnik in der Pflicht. Die müsse so einfach werden, dass man ohne große Fachkenntnisse damit zurechtkommt, fordert der Bitkom-Manager.

Kaum elektronische Rezepte oder Patientenakten

Auch bei zwei Hoffnungsträgern digitaler Medizin geht es kaum oder nur schleppend voran. Gerade einmal 5 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte haben in Deutschland schon einmal ein elektronisches Rezept ausgestellt, 6 Prozent nutzen elektronische Patientenakten. Jeweils ein Fünftel sagt, beides auch künftig nicht nutzen zu wollen, wobei die elektronische Akte zudem von 13 Prozent aller Patientinnen und Patienten ablehnt wird.

Alarmierend in Zeiten hybrider Kriegsführung ist außerdem, dass drei von vier Ärztinnen und Ärzten deutsche Krankenhäuser nicht ausreichend vor Cyberangriffen geschützt sehen. Bei Praxisärztinnen und -ärzten, die anders als ihre Kolleginnen und Kollegen in Kliniken ohne IT-Abteilung auskommen müssen, sehen sogar mehr als acht von zehn Befragten diese Gefahr. „Es ist ein dickes Brett, das gebohrt werden muss“, sagt Rohleder mit Blick auf Telemedizin, digitale Diagnosehilfen oder mehr IT in der Praxis- und Krankenhausverwaltung.

Der Bitkom sieht in Digitalmedizin ein wirksames Mittel zur Kostensenkung im Gesundheitswesen und für passgenaue, individuelle Therapien. Dazu müssten vorhandene Gesundheitsdaten besser nutzbar gemacht werden, was derzeit vielfach am Datenschutz scheitert, kritisiert Rohleder. Auch über sieben von zehn Ärztinnen und Ärzten würden das so sehen. Vorerst klaffen digitaler Anspruch und existierende Wirklichkeit im Praxis- wie im Klinikalltag jedenfalls weit auseinander.

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