Diese Woche im Bundestag

Taugen Atomkraftwerke wirklich als Reserve im Notfall?

Kernkraftwerk Isar 2 in der Abendsonne.

Kernkraftwerk Isar 2 in der Abendsonne.

Frankfurt am Main. Die Bundesregierung will im Schnellverfahren die rechtlichen Voraussetzungen für den Streckbetrieb der letzten drei Atom­kraftwerke schaffen. Der Bundestag soll schon am Freitag die Novelle des Atomgesetzes beschließen. Wir erläutern, wie es mit den Meilern weitergehen soll und was Ökonomen und Ökonominnen, Wirtschaftsverbände und Ökoverbände fordern.

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Wie lange werden die Kernkraftwerke noch laufen?

Die drei Anlagen (Isar 2, Neckarwestheim 2, Emsland) sollen über den ursprünglich beschlossenen Termin für ihre Abschaltung (31. Dezember) hinaus bis Mitte April 2023 weiterlaufen. Die Meiler haben insgesamt eine Strom­erzeugungs­kapazität von jeweils etwa 1400 Megawatt. Rechnerisch könnten damit mehr als zehn Millionen Haushalte versorgt werden. Tatsächlich wird die Menge der in den nächsten Monaten produzierten elektrischen Energie aber deutlich geringer sein.

Warum leisten die AKWs weniger, als sie eigentlich können?

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In allen drei Anlagen werden Brennstäbe verwendet, die schon vor vielen Monaten eingesetzt wurden. Ihre Leistung nimmt kontinuierlich ab. Die Betreiber haben wegen des ursprünglichen Abschalttermins zum Jahresende keine neuen Brennstäbe mehr bestellt. Der sogenannte Streckbetrieb ist nun ein technisches Verfahren, mit dem die Laufzeit um einige Wochen verlängert werden kann. Im April soll endgültig Schluss sein. Der atomare Brennstoff für die Strom­erzeugung ist dann komplett aufgebraucht.

Drei Kraftwerke für 6 Prozent der gesamten Stromnutzung

Wie groß ist der Beitrag der drei Kraftwerke zur Stromversorgung?

Nach den Daten des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme decken die drei Kraftwerke in diesem Jahr nur 6 Prozent der gesamten Stromerzeugung ab. Die Atomkraft rangiert damit nur noch auf dem siebten Platz unter den Erzeugungsformen.

Wird der Atomstrom in diesem Winter überhaupt benötigt?

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Deutschland hat auch ohne die Kernkraftwerke ausreichend Erzeugungs­kapazität. Es gibt aber zwei Punkte, mit denen die Bundesregierung den Reservebetrieb rechtfertigt: Erstens sollen die Atommeiler dazu beitragen, dass weniger Gas für die Strom­erzeugung eingesetzt werden muss. Denn Erdgas ist enorm teuer, was die Strompreise nach oben treibt. Und der flüchtige Brenn- und Rohstoff wird zudem dringend zum Heizen und in der Industrie benötigt. Zweitens: Der zuletzt gestiegene Einsatz von Gaskraftwerken ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass Frankreich dringend elektrische Energie importieren muss, da ein großer Teil der dortigen Atomkraftwerke wegen Instandhaltungs- und Reparatur­arbeiten abgeschaltet ist.

Wie wird sich die Situation in Frankreich entwickeln?

Der französische Energiekonzern EDF musste mehrfach die Auszeiten für seine AKWs verlängern, da unerwartet vor allem Korrosionsschäden bei Überprüfungen entdeckt wurden. Bislang war aber geplant, dass Ende Februar ein Großteil der Anlagen wieder am Netz ist. Am Dienstag teilte EDF aber mit, dass im Kernkraftwerk Civaux im Südwesten ein Leck im Kühlkreislauf entdeckt wurde. Der für den 8. Januar geplante Neustart könne sich verzögern, so die Nachrichtenagentur Reuters. Im Nachbarland ist der Atomstrom im Winter besonders wichtig, weil viele Haushalte mit elektrischer Energie heizen.

Castorbehälter in Halle 8 des Zwischenlagers Lubmin.

Weil sich die Endlagersuche verzögert: Hochradioaktiver Müll bleibt länger in Lubmin

Erstmals hat eine Bundesbehörde Verzögerungen bei der Standortauswahl für ein Endlager für hochradioaktiven Abfall eingeräumt. Geplant war eine Inbetriebnahme 2050. Nun tritt wohl das ein, was viele Kritiker befürchtet haben: Lubmin wird seinen hochradioaktiven Abfall so schnell nicht los.

Wie reagieren Wirtschaftsfachleute auf all die Unsicherheiten?

Die Wirtschaftsweisen hatten sich bereits Mitte September für eine zusätzliche Verlängerung der Laufzeiten ausgesprochen. Diese Forderung soll Medienberichten zufolge im Jahres­gutachten des Gremiums, das am Mittwoch vorgelegt wird, wiederholt werden. Hauptargumente: Die Gasverstromung reduzieren, Strompreise drücken und die Verfügbarkeit von Energie insgesamt erhöhen. Die Energiekrise werde auch noch im Winter 2023/’24 anhalten, meinen die Forschenden. Zahlreiche Wirtschaftsverbände schließen sich diesem Vorstoß an. Sie appellieren in einem Schreiben an die Bundestags­abgeordneten, schon jetzt vorsorglich neue Brennstäbe zu bestellen. So betont Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbandes der Familien­unternehmer, man müsse sich alle „erdenklich möglichen Optionen offenhalten – im Notfall eben auch eine weitere Laufzeit­verlängerung der AKWs“.

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Letzte Sicherheitsüberprüfung bereits 13 Jahre her

Gibt es Gegenargumente?

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung hatte bereits im Frühjahr den Kernkraftwerken nur einen „sehr geringen Beitrag zur Energieversorgung“ zugeschrieben. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung sieht überdies „einen verschwindend geringen Effekt“, wenn es ums Drücken der Strompreise geht. Sie hält insbesondere den Weiterbetrieb des AKW Emsland für unsinnig. Die Anlage steht in Niedersachsen, wo große Mengen Windstrom erzeugt werden. Mit Blick auf die Energiewende sei der Streckbetrieb sogar kontraproduktiv. Der Atomstrom könnte unter bestimmten Umständen Netzkapazitäten blockieren – mit dem Resultat, dass Windräder abgeschaltet werden müssen, um eine Überlastung der Netze zu verhindern.

Wie sieht es um die Sicherheit der AKWs aus?

Die Organisation Ärzte und Ärztinnen zur Verhütung des Atomkrieges macht darauf aufmerksam, dass die letzte periodische Sicherheits­überprüfung der AKWs bereits 13 Jahre zurückliege. Eigentlich notwendige Inspektionen wurden den Betreibern auch wegen des nahenden Ausstiegs erlassen. Der Weiterbetrieb habe keinen „echten Nutzen für die Menschen“, so Olaf Bandt, Vorsitzender der Umwelt­organisation BUND. „Dafür erhöht sich tagtäglich das Risiko eines Super-GAUs. „Keiner weiß, wie es in den Atomkraftwerken aussieht.“

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Was wären Voraussetzungen für einen regulären Weiterbetrieb?

Als Erstes müssten Sicherheits­überprüfungen nachgeholt werden, was einige Wochen dauern dürfte, und dabei könnte es (siehe Frankreich) durchaus zu Überraschungen kommen. Denn seit 2009 sind die Investitionen in die Sicherheit der Kernkraftwerke massiv zurückgeschraubt worden. Ferner müssten Brennstäbe bestellt werden. Wichtigster Lieferant ist Russland, bislang gibt es zwar keinen Lieferstopp, das kann sich aber schnell ändern. Zudem müssten etliche Gesetze geändert und Haftungsfragen geklärt werden. Ferner stellt sich laut Greenpeace die Frage, wer für den zusätzlichen Atommüll dann zuständig ist.

Wie läuft das Prozedere, wenn dann doch abgeschaltet würde?

Einfach ausschalten und fertig – das geht bei der Atomkraft nicht. Zunächst werden sogenannte Kontrollstäbe in den Reaktorkern eingebracht. Das bringt die Ketten­reaktionen weitgehend zum Stillstand. Allerdings entsteht weiterhin Wärme durch den Zerfall radioaktiver Stoffe. Deshalb braucht es weiterhin eine Kühlung mittels Wasser für die Brennelemente, und zwar für mehrere Jahre. Ohne die Kühlung können die Brennstäbe überhitzen, was bis zu einer Kernschmelze und der Freisetzung radioaktiver Stoffe führen kann.

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