China, Batterien, Machtfragen und mehr

Die acht größten Baustellen des neuen VW-Chefs

Oliver Blume in einer Porsche-Produktionsstraße (Archivfoto).

Oliver Blume in einer Porsche-Produktionsstraße (Archivfoto).

Am 1. September wird Oliver Blume neuer Vorstandsvorsitzender von Volkswagen. Der 54-jährige gebürtige Braunschweiger wird im Konzern hoch geschätzt, für den er seit 1994 in verschiedenen Funktionen arbeitet. Zuletzt hat er mit Porsche aber ein vergleichsweise überschaubares Unternehmen geführt – das macht er künftig nebenbei. Der Wechsel führt von Stuttgart nach Wolfsburg, von 300.000 Autos im Jahr auf rund 10 Millionen und von knapp 40.000 Beschäftigten auf 650.000. Im gleichen Maß wachsen Zahl und Größe der Baustellen. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gibt einen Überblick:

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Fehlstartgefahr

Zu Beginn muss Blume erst einmal einen eigenen Fehler ausbügeln. In einer Porsche-Betriebsversammlung hat er sich laut einem Bericht der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ seines Einsatzes für die umstrittenen E-Fuels und des engen Kontakts zu FDP-Chef Christian Lindner gerühmt. „Der Christian Lindner hat mich in den letzten Tagen fast stündlich auf dem Laufenden gehalten“, wurde Blume zitiert.

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Die FDP wies Einflussnahme aus der Industrie am Wochenende zurück: Lindner setze sich schon lange für E-Fuels ein. Vor einer EU-Entscheidung Ende Juni, in deren Zusammenhang sich Blume äußerte, habe es „keinerlei Kontakt in der Sache mit Herrn Blume“ gegeben. Der Manager selbst sagte der „Bild am Sonntag“, er habe „falsche Worte“ gewählt. „Dadurch ist ein falscher Eindruck entstanden. Das tut mir leid.“

Die Cariad-Baustelle

Von Software wird in Zukunft vor allem abhängen, wie Autos funktionieren und wie sie sich voneinander unterscheiden. Im Gegensatz zu vielen anderen Herstellern will VW dieses Feld komplett selbst beherrschen, inklusive eines eigenen Betriebssystems. Blumes Vorgänger Herbert Diess hat dafür ein extrem ehrgeiziges Projekt gestartet, das aber schwer ins Wanken geraten ist – und letztlich wohl den Sturz des Chefs auslöste. Zuletzt übertrug der Aufsichtsrat die direkte Verantwortung an Diess – ein Signal, dass er auch zu Ende bringen müsse, was er anschiebt.

Im neuen Unternehmen Cariad wurden Tausende Softwareentwickler aus allen Ecken des Konzerns zusammengeholt, um gemeinsam an den Programmen zu arbeiten. Schon die Gründung war mühsam, die zusammengewürfelte Truppe muss sich finden. Bei der Einführung des VW ID.3 und des jüngsten Golf kam es zu Verzögerungen. Aktuell sind Starttermine neuer Modelle gefährdet, weil die nächste Softwareversion nicht rechtzeitig fertig wird.

Volkswagen-Chef Herbert Diess tritt unerwartet zurück

Nachfolger wird der Chef der Sportwagen-Tochter Porsche, Oliver Blume.

Zu den schärfsten internen Cariad-Kritikern gehörte zuletzt Oliver Blume. Mit einem wichtigen neuen Porsche-Modell wollte er nicht mehr auf die internen Software-Entwickler warten. Erst vor wenigen Tagen kündigte er an, dass Porsche bei der nächsten VW-Software 2.0 nicht mehr dabei sein wird. Die Luxusmarke setzt auf die Zwischenlösung 1.2 und will sie mithilfe großer IT-Konzerne aufrüsten.

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Würde Blume diesen Weg auch auf der Konzernebene gehen, wäre es ein Bruch mit einem Kernstück der VW-Strategie. Seine größte Herausforderung wird also sein, Cariad in die Spur zu bringen. Das fängt schon mit der Frage an, ob er von Diess die direkte Verantwortung für Cariad übernimmt.

Die Atmosphäre

Leichter dürfte Blume die Arbeit an der Unternehmenskultur fallen. Diess wurden immer wieder Alleingänge ohne produktiven Wert vorgeworfen. Er hatte auch im Management wenig verlässliche Vertraute und legte sich mit dem Betriebsrat manchmal ohne Not an.

Viele sehen in diesem Stil auch die Wurzel der Cariad-Probleme – und den Auslöser für den Rauswurf: Diess habe bei seiner Vertragsverlängerung vor einem Jahr klare Vorgaben bekommen, heißt es in Aufsichtsratskreisen. „Jetzt hat man sich die Karten gelegt und festgestellt: Es hat sich zu wenig geändert.“

ARCHIV - 11.08.2021, Niedersachsen, Wolfsburg: Das VW-Logo auf fem Markenhochhaus von Volkswagen auf dem Gelände vom VW-Werk Wolfsburg. Herbert Diess tritt als Vorstandschef des Volkswagen-Konzerns ab. Sein Nachfolger soll Porsche-Chef Blume werden. (Zu dpa «Diess tritt als Konzernchef von Volkswagen ab - Blume Nachfolger») Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Das eigentliche Problem bleibt VW erhalten

Volkswagen bleibt sich treu und sorgt für Überraschungen. Die Ablösung von Konzernchef Herbert Diess mag zwar inhaltlich begründbar sein, der Weg dorthin aber zeugt vor allem von der Unberechenbarkeit der Eigentümerfamilien, kommentiert Stefan Winter.

Von Blume erwartet der Aufsichtsrat ausdrücklich eine „Führungskultur, die den Teamgedanken in den Mittelpunkt stellt“. Die pflegt er nach Aussage seiner Kollegen ohnehin. Eine Mahnung wird ihm allerdings das Schicksal von Vorgängern sein, die ebenfalls für Kulturwandel und Teamorientierung standen: Bernd Pischetsrieder und Matthias Müller hielten sich nicht lange in Wolfsburg.

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Die Machtfragen in Wolfsburg

An ambitionierten Kollegen – und damit internen Konkurrenten – fehlt es nicht. Blume galt zwar lange als Kronprinz, war zuletzt aber eigentlich aus dem Rennen: Nach dem geplanten Porsche-Börsengang gilt der Chefsessel dort als der attraktivere Job.

Derweil sind bei VW neue Hoffnungsträger hochgekommen. Der frühere VW-Markenchef Ralf Brandstätter ist gerade nach China gewechselt, um die Konzernmarken auf dem wichtigsten Markt wieder in die Spur zu bringen. Sein Nachfolger in Wolfsburg, Thomas Schäfer, hat einen Blitzaufstieg im Konzern hingelegt und ist als Chef der größten Marke automatisch potenzieller Kandidat für den Spitzenjob. Und Technikvorstand Thomas Schmall profiliert sich mit dem Aufbau von Batteriefertigung und Ladenetz gerade als Stratege.

Keiner von ihnen hat aber auch nur annähernd Blumes Nähe zu den Aktionärsfamilien Porsche und Piëch, die ihn gerade an die Spitze gesetzt haben. In dieser Hinsicht könnte nur einer mithalten: Personalvorstand Gunnar Kilian.

Die China-Frage

VW verdankt seinem frühen Engagement in China den Aufstieg in die Weltspitze der Autohersteller. Doch zuletzt häuften sich die Probleme nicht nur wegen coronabedingter Werksschließungen und Lieferengpässen. VW hat offenbar den Geschmack der extrem internetaffinen Chinesen nicht mehr getroffen.

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Den Autos fehlen vor allem gegenüber neuen chinesischen Marken wichtige Digitalfunktionen. Auch das ist eine Folge der Cariad-Probleme. In der Verantwortung für China sind zwar in erster Linie Blumes Vorstandskollegen Brandstätter und Schäfer. Aber wenn es dort nicht läuft, kann auch der Chef keine Erfolge vorzeigen.

Die Batterieherausforderung

Das Projekt ähnelt der Softwaretochter Cariad, ist aber übersichtlicher: VW will die Batteriezellen für Elektroautos selbst herstellen und damit zu einem der größten Batterieproduzenten der Welt werden. In Salzgitter wurde gerade der Grundstein für die erste Fabrik gelegt, 2030 soll es allein in Europa ein halbes Dutzend geben.

Weil es an eigener Expertise fehlt und die Kasse geschont werden soll, werden aber Partner gebraucht – und die sind nicht so leicht zu finden. Technologiepartner ist nach längerem Suchen der chinesische Gotion-Konzern, Kapitalpartner sollen noch präsentiert werden. Auch auf diesem Feld hatte sich Blume mit Porsche abgenabelt und eigene Partnerschaften geschlossen.

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Die Konzernstruktur

Schon ein Dutzend Auto- und Lkw-Marken waren schwer zu koordinieren, jetzt kommen neue Geschäfte mit ausgeprägtem Eigenleben hinzu: die Softwaretochter Cariad, der Batteriehersteller Powerco und die Servicesparte mit Financial Services, der Carsharing-Tochter Moia und neuerdings dem Autovermieter Europcar. Sie haben allesamt Konzernformat, müssen aber schneller agieren sowie offen sein für externe Partner und Kapitalgeber – bis hin zum Börsengang. Blume muss einen Weg finden, diese Vielfalt zu ermöglichen und dabei trotzdem eine Konzernstruktur und VW-Identität zu erhalten.

Der Porsche-Börsengang

Mit dem geplanten Börsengang der VW-Tochtergesellschaft Porsche löst Blume selbst ein wichtiges Teil aus dem Konzern. Sein Argument: Ohne die Zwänge und die Bürokratie des Riesen Volkswagen könne die hochprofitable Luxusmarke schneller und individueller agieren. Trotz der unruhigen Zeiten wird intern fest mit einem Börsendebüt im Herbst gerechnet. Porsche soll zwar Teil des VW-Konzerns bleiben, wird aber viel selbstständiger sein.

In seiner neuen Doppelrolle als VW- und Porsche-Chef werde Blume „Fechter für die Unabhängigkeit der Marke“ sein, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Die Doppelbelastung an der Spitze zweier börsennotierter Unternehmen – Porsche wäre wohl auch ein Dax-Kandidat – sollen zwei Mitarbeiter lindern.

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Bei Porsche spielt Finanzvorstand Lutz Meschke als sogenannter Chief Operating Officer (COO) bereits die Schlüsselrolle im Tagesgeschäft, im Konzern soll es künftig Finanzvorstand Arno Antlitz nach dem gleichen Muster tun. Ob Blumes Doppelfunktion als Dauerlösung taugt, wird aber auch intern bezweifelt: „Erst mal“ sei das auch wegen Verpflichtungen vor dem Börsengang so geregelt.

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