Tarifrunde am Donnerstag

Warnstreiks der IG Metall: finale Einigung in Sicht

Die IG Metall fordert 8 Prozent mehr Lohn – hier unübersehbar bei einer Kundgebung in Rostock.

Die IG Metall fordert 8 Prozent mehr Lohn – hier unübersehbar bei einer Kundgebung in Rostock.

Selten war eine Tarifrunde so einfach und dabei so schwierig. Wenn sich an diesem Donnerstag die Vertreterinnen und Vertreter von IG Metall und Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie zum wohl entscheidenden Gespräch zusammensetzen, geht es eigentlich nur noch um die Standards: Prozente und Laufzeit. Nach Nebenthemen wie Arbeitszeiten, Weiterbildung oder betrieblicher Altersvorsorge steht niemandem der Sinn. Die Inflation überlagert auf beiden Seiten alles.

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Das macht es aber auch schwierig, beide Seiten spüren den besonderen Druck ihrer Mitglieder. Die 3,9 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erwarten einen Ausgleich für ihre gestiegenen Lebenshaltungs­kosten – rund 10 Prozent Inflation stehen im Raum. Dem halten die Betriebe ihre noch weitaus stärker gestiegenen Energiekosten und die erwartete Rezession entgegen. Frühestens 2024 gebe es in der Branche wieder etwas zu verteilen, sagt Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeber­verbands Gesamtmetall.

Seit Tagen laufen bereits Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie. Am Mittwoch demonstrierten Zehntausende Beschäftigte bundesweit, um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen. Diesen warf Jörg Köhlinger, Leiter des IG‑Metall-Bezirks Mitte, eine Blockadehaltung vor. Gebe es in dieser fünften Verhandlungs­­runde keinen echten Fortschritt, „eskaliert es“, sagt ein Gewerkschafter. „Unsere 24-Stunden-Warnstreiks sind vorbereitet“, sagte Köhlinger bei einer Kundgebung am Daimler-Lkw‑Werk in Wörth. Sein niedersächsischer Kollege Thorsten Gröger sprach von „Floskeln und Platzhaltern“ der Arbeitgeber. „Es braucht endlich Substanz, über die man anständig in der Tarifrunde sprechen kann.“

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Auf dem Papier sind beide Seiten noch weit auseinander. Die Gewerkschaft fordert 8 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von zwölf Monaten – also eine drastische und vor allem dauerhafte Erhöhung der Tariflöhne. Die Arbeitgeber haben eine Tariferhöhung nach vier Gesprächsrunden bisher nur vage in Aussicht gestellt: Bei langer Laufzeit sei auch eine Tabellen­erhöhung – also eine dauerhafte Lohnerhöhung – vorstellbar, sagte Wolf.

Inflationsprämie soll genutzt werden

Konkret bieten die Arbeitgeber bisher lediglich eine Einmalzahlung bei 30 Monaten Laufzeit. Die nächste Chance auf Lohnerhöhungen gäbe es demnach erst Anfang 2025. Für die Einmalzahlung soll die Inflations­­ausgleichs­prämie genutzt werden: Arbeitgeber können ihren Beschäftigten bis Ende 2024 insgesamt 3000 Euro ohne Abzug von Steuern und Sozialversicherungs­beiträgen auszahlen.

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Die Bundesregierung hat das möglich gemacht, um etwas Druck aus den Tarifrunden dieses Jahres zu nehmen: Würden die Gewerkschaften für ihre Leute tatsächlich einen Inflationsausgleich als dauerhafte Lohnerhöhung durchsetzen, würde das die Inflation noch mehr antreiben – die berühmt-berüchtigte Lohn-Preis-Spirale käme in Gang.

Danach sieht es bisher allerdings nicht aus. In der Chemie­industrie, bei der zweiten großen Tarifrunde dieses Jahres, wurde die Inflations­prämie bereits genutzt, und auch die IG Metall ist dafür offen – wie in der Chemie aber nur als Ergänzung zu einer regulären Tariferhöhung. Um die wird sich zunächst alles drehen, wenn die Unterhändler um 17 Uhr im Forum Ludwigsburg bei Stuttgart zusammenkommen. Baden-Württemberg ist wieder einmal als Pilotbezirk für die verschiedenen regionalen Verhandlungen ausgewählt worden.

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Abseits der üblichen Kampfrhetorik hält ein Gewerkschafter die Einigungs­chancen für „eher besser“: „Man wird alle Möglichkeiten für eine Einigung nutzen.“ Auch ein Vertreter des Arbeitgeberlagers erwartet von dieser fünften Gesprächsrunde „einen entscheidenden Schritt in Richtung einer Einigung“. Laut IG‑Metall-Chef Jörg Hofmann hat man sich in Sondierungen bereits angenähert. An der Basis gebe es nach zweieinhalb Wochen Warnstreiks allerdings eine hohe Erwartungshaltung, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Das Interesse an einem harten Konflikt ist auf beiden Seiten gering. Gerade in der Metall- und Elektroindustrie leiden viele Betriebe unter hohen Energie­kosten, den anhaltenden Lieferproblemen und der Transformation im Autobau, die viele Zulieferer ins Wanken bringt. Gleichzeitig verdienen allerdings die großen Auto­hersteller aktuell glänzend. „Die Lage der Unternehmen läuft so weit auseinander wie noch nie“, sagt Verbandspräsident Wolf. Entsprechend wollen die Arbeitgeber unbedingt Anpassungs­klauseln für kriselnde Betriebe durchsetzen – zum Beispiel eine Verschiebung von Zahlungen. Aber auch dafür zeigt sich die IG Metall offen.

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Die Erwartungen in die abendliche Runde sind so groß, dass die Verhandler in den anderen Regionen erst einmal Pause machen. Die Gewerkschaft versammelt sogar ihre Bezirksleiter in Ludwigsburg, um notfalls eine Einigung für alle absegnen zu können. Für ihren Frontmann geht es dabei noch um etwas mehr: Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, zählt zu den Kandidatinnen und Kandidaten für die Nachfolge Hofmanns, der in einem Jahr den Vorsitz abgeben wird. Weder ein großer Streik noch ein schwacher Abschluss brächten Zitzelsberger nach vorn. Die im Metalltarif übliche Nachtsitzung gilt als sicher.

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