Von geopolitischen Spannungen überschattet

„Extrem schwierige“ Verhandlungen bei Antarktis-Konferenz: bislang keine Einigung für die Einrichtung von Meeresschutzzonen in Sicht

Das Foto, das vom japanischen Forschungsschiff „Shirase" während der 61. Antarktis-Expedition gemacht wurde, zeigt einen Eisberg im Antarktischen Ozean.

Das Foto, das vom japanischen Forschungsschiff „Shirase" während der 61. Antarktis-Expedition gemacht wurde, zeigt einen Eisberg im Antarktischen Ozean.

Kaiserpinguine sind inzwischen aufgrund der Auswirkungen des Klima­wandels vom Aussterben bedroht, der Thwaites-Gletscher könnte kollabieren. Die Nachrichten aus der Antarktis werden immer dramatischer. „Bis 2030 müssten mindestens 30 Prozent der Weltmeere geschützt werden, um die Folgen der Klimakrise noch abzuwenden und die Artenvielfalt zu erhalten“, sagte Sascha Müller-Kraenner, Bundes­geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe.

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Ein großer Schritt in diese Richtung könnte Ende dieser Woche während der Antarktis-Konferenz in Hobart geleistet werden. Denn bei der Konferenz geht es um die Einrichtung von Schutzgebieten in der Ostantarktis, der Antarktischen Halbinsel und dem Weddellmeer, die insgesamt vier Millionen Quadratkilometer und damit gut ein Prozent der Weltmeere umfassen würden. Die Errichtung dieser drei Meeresschutzgebiete wäre laut Müller-Kraenner genau die Art von Maßnahme, die es jetzt weltweit brauchen würde.

Prinzip der Einstimmigkeit als Stolperstein

Doch die derzeitigen geopolitischen Spannungen könnten den Verhandlungen erneut einen Strich durch die Rechnung machen. Denn bei der 41. Verhandlung der Kommission zur Erhaltung der lebenden Ressourcen der Antarktis (CCAMLR) sind insgesamt 26 Nationen sowie die Europäische Union vertreten. Neben Vertretern aus Deutschland, Australien, Großbritannien oder den USA sind auch Delegationen aus Russland, der Ukraine und China angereist.

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In den früheren Jahren haben sich meist Russland und China quergestellt, denn die Abstimmungen finden unter dem Prinzip der Einstimmigkeit statt. In diesem Jahr gilt es noch zusätzlich, die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine zu überbrücken, die sich seit der russischen Invasion in der Ukraine Ende Februar dieses Jahres im Krieg befinden. Erst vor wenigen Wochen schlugen Bomben in das Büro des Nationalen Antarktischen Wissenschaftszentrums der Ukraine in Kiew ein und zerstörten es teilweise.

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Verhandlungen „extrem schwierig“

Obwohl stets wenig aus den Verhandlungen nach draußen dringt, wird der Krieg in Europa den Ton zweifellos beeinflussen. So verließen etliche Vertreter bereits zu Beginn des Treffens den Raum, als ein Mitglied der russischen Delegation sprach, wie es in einem Artikel der britischen Zeitung „„The Guardian“ hieß. Ein Vertreter der deutschen Delegation, Bernd Söntgerath vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, sagte am Dienstag, dass die Verhandlungen sich „wie befürchtet extrem schwierig“ gestalten würden. Er betonte, dass neben den Anstrengungen auf hoher und höchster politischer und diplomatischer Ebene möglicherweise auch eine CCAMLR-Sondersitzung zur Etablierung von Meeresschutz­gebieten im Südpolarmeer notwendig sei. „Sollte es nicht gelingen, auf der derzeit laufenden CCAMLR-Jahrestagung substanzielle Fortschritte zu erzielen, wäre es sehr wichtig, dass wir uns bei den in den kommenden Tagen anstehenden Verhandlungen auf eine solche Sondersitzung im Jahr 2023 verständigen können.“

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Ganz sollte die Hoffnung auf eine Einigung aber nicht begraben werden. Denn es kam schon einmal vor, dass Nationen die Politik im Namen des Naturschutzes beiseiteschieben konnten. Bereits 1959, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, gelang es, den Antarktis-Vertrag zu schließen, der vorsah, den Kontinent aus Eis zu einer Zone für Frieden und wissenschaftliche Zusammenarbeit zu machen. Der Vertrag schützt allerdings nicht das Meer um die Antarktis. Doch auch hier konnte 2016 schon einmal ein wichtiger Durchbruch errungen werden. Damals hatte sich die Kommission darauf geeinigt, rund 1,55 Millionen Quadratkilometer im Rossmeer vor der südlichen Küste der Antarktis – eine Fläche etwa viermal so groß wie Deutschland – zur Schutzzone zu erklären. Die historische Vereinbarung, die im Dezember 2017 in Kraft trat, war ein erster Sieg für die vielfältige Tierwelt der Region: Mehr als 10.000 Tierarten, darunter Pinguine, Wale, Seevögel, Tintenfische, Knochenfische, Robben und antarktischer Krill, profitierten von der damaligen Entscheidung.

Dringlichkeit nimmt zu

Inzwischen erhöht der Klimawandel die Dringlichkeit, noch mehr Gewässer der Antarktis zu schützen. Denn die steigenden Temperaturen führen schon heute zum rapiden Abschmelzen der Schelfeisflächen. Besonders gefährdet ist der Thwaites-Gletscher, dessen Kollaps die Erde, so wie wir sie kennen, massiv verändern würde. Denn der Verlust des Gletschers, der mit 192.000 Quadratkilometern fast so groß wie Großbritannien ist, würde den Meeresspiegel global um etwa 65 Zentimeter ansteigen lassen.

Die internationale Fischerei gefährdet zudem den Fortbestand des wichtigen antarktischen Ökosystems, wie es vonseiten der Deutschen Umwelthilfe heißt. Oftmals werde die Rolle des Südpolarmeeres für die Erde unterschätzt, meinte Bundes­geschäftsführer Müller-Kraenner. Dabei sei sie jedoch entscheidend: „Das Südpolarmeer ist essenziell für die Regulierung des Klimas und die Nährstoff­versorgung der Meere und als Lebensraum einer beeindruckenden Artenvielfalt.“

Von deutscher Seite werden alle drei Schutzgebiete unterstützt. Der Vorschlag zum Schutz des Weddell­meeres, den Deutschland maßgeblich erarbeitet hat, wird jedoch besonders hervorgehoben. Mit rund 2,2 Millionen Quadrat­kilometern wäre diese Region das größte Meeresschutz­gebiet der Welt und würde einen Beitrag zur Erreichung des Ziels leisten, 30 Prozent des Ozeans bis 2030 zu schützen. Zudem ist das Weddellmeer ein einzigartiges Ökosystem und die Heimat von etwa 14.000 verschiedenen Tierarten, von denen viele nur dort existieren.

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