Die furchtsamen Deutschen

Haben wir mehr Angst als der Rest der Welt? Wie der Begriff der „German Angst“ zu verstehen ist

Foto: Am 2. und 3. Oktober 2019 finden in Kiel die bundesweiten Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit.

Angst haben – ist das wirklich typisch für Deutsche? (Symbolbild)

Manchen Menschen fürchten sich vor Spinnen. Anderen wird schwindelig, wenn sie auf der Dachterrasse eines Hochhauses stehen und gen Straße blicken. Angst hat jeder Mensch, das ist ganz normal. Auch einschneidende politische oder gesellschaftliche Geschehnisse können Menschen ängstigen: Momentan zählen hierzu zum Beispiel der Krieg in der Ukraine, die Corona-Pandemie und der Klimawandel.

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Den Deutschen wird nachgesagt, auf solche Ereignisse besonders furchtsam zu reagieren und nur zögerlich zu handeln. Im englischsprachigen Ausland existiert für diese angeblich typisch deutsche Eigenschaft ein eigener Begriff: die German Angst, also die deutsche Furcht. „Unter German Angst verstehen wir eine Mischung aus Mutlosigkeit und Zögerlichkeit, gepaart mit Zukunftsängsten und einem extremen Sicherheitsbedürfnis“, lautet die Definition der Journalistin Sabine Bode, Autorin des Buches „Kriegsspuren. Die Deutsche Krankheit German Angst“.

Die German Angst bezeichnet keine individuellen Ängste eines einzelnen Menschen. Stattdessen bezieht sich der Begriff auf die kollektive Furcht der ganzen Nation. Die German Angst wird vor allem dann aus der Rhetorik-Schublade hervorgekramt, wenn internationale Politikerinnen und Politiker ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen ein zögerliches, gar ängstliches Handeln zu attestieren versuchen. Sie ist also kein Terminus aus der Psychologie, sondern eher ein politischer Begriff.

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Deutsche Ängste in der Vergangenheit

„Wie Hypochonder befürchteten die Deutschen oft das Schlimmste – nur um dann festzustellen, dass die Wirklichkeit weniger schlimm war“, sagt der Historiker Frank Biess während eines Vortrags über die German Angst an der Universität Tübingen im Sommer vergangenen Jahres, der auf der Webseite des Deutschlandfunks nachzuhören ist. Biess lehrt an der University of San Diego Europäische Geschichte und hat das Sachbuch „Republik der Angst“ geschrieben. Die Angst der Deutschen sei aber nachvollziehbar. Denn sie begründet sich auf erlebten Katastrophen in der Vergangenheit, erklärt der Experte.

Davon gab es in Deutschland einige. Die German Angst wird für gewöhnlich auf die traumatische erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgeführt: Erster Weltkrieg, danach die große Inflation und schließlich die Gräueltaten der Nazizeit samt Holocaust und Zweitem Weltkrieg.

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Wurde German Angst vererbt?

In diesem Zusammenhang zeigt sich die psychologische Dimension der German Angst. Denn es existiert die These, dass die Deutschen ihre Traumata von Generation zu Generation weitergegeben oder gar vererbt haben könnten. Eine internationale Studie aus dem Jahr 2017 kann dies nicht bestätigen. Im Gegenteil: Die Forschenden um den Psychologen Martin Obschonka, mittlerweile Professor an der Queensland University of Technology, haben eine ganz andere Korrelation entdeckt. In deutschen Städten, die während des Zweiten Weltkriegs besonders stark bombardiert wurden, verfügten die Menschen heutzutage über eine besonders hohe Resilienz.

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„Es ist möglicherweise so, dass besonders traumatische Erfahrungen des Bombenkriegs die regionale Mentalität auf die Dauer widerstandsfähiger gemacht haben“, sagt Michael Stützer, Koautor der Studie. Ein ähnliches Phänomen beschreibt der niederländische Historiker Rutger Bregman in seinem Buch „Im Grunde gut“. Monatelang litt die britische Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs unter den Bombardements der Deutschen. Doch statt sie zu demoralisieren, schien es so, als stärke der Ausnahmezustand die psychische Widerstandsfähigkeit der Britinnen und Briten.

German Angst und Epigenetik

Und was sind die Erkenntnisse der Epigenetik? Dieses Fachgebiet der Biologie beschäftigt sich damit, wie sich Umwelteinflüsse auf Vererbung auswirken. Forschungen, etwa an Augenzeuginnen und Augenzeugen des Terroranschlags am 11. September 2001, deuten darauf hin, dass traumatische Erfahrungen die Epigenetik tatsächlich beeinflussen und etwa zu überaktiven Stress-Genen führen könnten.

Vererben also traumatisierte Eltern ihre Ängste an die Kinder? Das ist selbst unter Epigenetikerinnen und Epigenetikern umstritten. Dementsprechend lässt sich auch keine Aussage darüber treffen, ob German Angst in den Genen der Deutschen liegt – oder nicht. Um herauszufinden, inwieweit erworbene Eigenschaften tatsächlich epigenetisch weitergegeben werden können, sei noch viel Forschung nötig. „Bei Menschen kann man das nicht sagen. Man kann es auch bei der Maus noch nicht definitiv sagen, obwohl sich da die Erkenntnisse von Monat zu Monat verdichten, dass es hier die Weitergabe einer erworbenen Eigenschaft gibt“, sagt Epigenetiker Thomas Jenuwein gegenüber dem „Süddwestrundfunk“ (SWR).

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Historiker Frank Biess bemüht sich um einen nicht-biologischen Erklärungsansatz. Kriege, Krisen, Nazi-Zeit: Aus solchen Erlebnissen habe sich hierzulande die Angst genährt, dass Ähnliches oder anderes Schlimmes auch in Zukunft passieren könnte. „Die imaginäre Geschichte der Bundesrepublik war immer spannender, dramatischer und aufregender als die relativ langweilige, reale Geschichte der Bundesrepublik“, fasst Biess zusammen. Heißt: Was sich in den Köpfen der Deutschen abspielte, war schlimmer als das, was wirklich passierte. Die Bedrohung fühlte sich damals allerdings real an. Denn die Menschen wussten schließlich nicht, wie sich die Zukunft entwickelt.

Deutsche Angst als politisches Stilmittel

Aus heutiger Sicht mögen uns manche Ängste übertrieben vorkommen. Aber: „Die Nachkriegsdeutschen hatten angesichts der eigenen Erfahrungen guten Grund, ihre Befähigungen zur Demokratie, Wohlstand und Frieden immer wieder infrage zu stellen“, gibt der Experte zu bedenken. Auch habe im Kopf vieler Deutscher die Angst vor einer möglichen Vergeltung der Opfer des NS-Regimes herumgespukt.

So richtig populär ist die German Angst in den 1980er und 1990er Jahren geworden, sagt Biess. Er bezeichnet den Begriff als „historisches Konstrukt“ und „Mittel der Kritik an der westdeutschen Friedens- und Umweltbewegung“.

Doch auch unabhängig von dem Stempel, der Deutschland von außen aufgedrückt wurde, war Angst vor vier Jahrzehnten offenbar ein Thema. „Die deutsche Angst, die längst auch im Ausland das Bild der Bundesrepublik eingraut, ist anonym. Sie liegt in der Luft“, schreibt etwa „Spiegel“-Reporter Jürgen Leinemann 1982 in seinem Artikel „Die deutsche Depression“.

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Dennoch, mit der Vorstellung einer German Angst „als Beleg für eine Art neurotischer Angstneigung der Deutschen“ kann Historiker Biess wenig anfangen. In seinem Vortrag an der Universität Tübingen sagt er, er wehre sich „gegen diese Form der Kollektiv-Psychologie“.

Angst in der englischen Sprache

Die „Angst“ gibt es in der englischen Sprache übrigens schon länger als die German Angst. Seit den 1920er Jahren bezeichnet „angst“ laut dem Oxford Dictionary „ein Gefühl großer Sorge über eine Situation oder das eigene Leben“. Dass die Angst Teil der englischen Sprache wurde, ist wohl in erster Linie dem dänischen Philosophen Søren Kierkegaard (1813-1855) zu verdanken, der sich dem Thema in seiner bekannten Schrift „Der Begriff Angst“ widmete.

Vorbei ist es mit der Angst, ob German oder nicht, wohl noch nicht, meint Historiker Biess: „Die Pandemie zeigt, dass die Angstgeschichte der Bundesrepublik ein offenes Ende hat.“ Aber er sieht auch etwas Konstruktives in der Furcht der Deutschen: „Vielleicht war es gerade die präventive Antizipation von Gefahren, die mit dazu beitrug, dass die Katastrophen ausblieben.“

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