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Unternehmen züchtet natürliche Reiniger für Großstädte

Moos als Luftfilter – Was taugen „Graue Zackenmütze“ und „Sparriger Runzelbruder“?

PRODUKTION - 14.02.2022, Brandenburg, Bestensee: Peter Sänger, Gründer und Geschäftsführer der Firma Green City Solutions, nimmt in einem Gewächshaus von einer Moosmatte eine Probe. Wer die Gewächshäuser am Rande von Bestensee (Dahme-Spreewald) betritt, glaubt im ersten Moment, er würde nach einem Regenguss im Wald stehen: Ein intensiver Duft nach feuchtem Moos umhüllt den erstaunten Besucher, ausgeströmt von grünen, etwa 60 mal 80 Zentimeter großen Matten, die auf dem Boden liegen oder vertikal an Rollgerüsten hängen. «Wir züchten hier das Moos, um es als Luftfilter einzusetzen», erläutert Peter Sänger. (zu dpa: «Graue Zackenmütze» und «Sparriger Runzelbruder»: Moose als Luftfilter) Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB +++ dpa-Bildfunk +++

Bestensee. Wer die Gewächshäuser am Rande von Bestensee (Brandenburg) betritt, glaubt im ersten Moment, er würde nach einem Regenguss im Wald stehen: Ein intensiver Duft nach feuchtem Moos umhüllt den Besucher, ausgeströmt von grünen Matten, die auf dem Boden liegen oder vertikal an Rollgerüsten hängen. „Wir züchten hier das Moos, um es als Luftfilter einzusetzen“, erläutert Peter Sänger, Geschäftsführer der Firma Green City Solutions.

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Moose würden Nähr- und auch Schadstoffe wie Feinstaub aus der Luft aufnehmen, zudem Wasser speichern und Verdunstungskühle als natürliche Klimaanlage abgeben, sagt der Gartenbauingenieur. „Wir nutzen diese natürlichen Fähigkeiten von Moos und kombinieren sie mit moderner Technologie, um die Luftqualität in Großstädten zu verbessern.“ In dem Unternehmen mit 25 Mitarbeitern – vor sieben Jahren von vier Absolventen der Technischen Universität Dresden gegründet – werden „City Trees“, also Moos-Aufsteller sowie Mooswände, hergestellt. In etwa 30 europäischen Städten sind sie schon zu finden, darunter im irischen Cork oder auch in Stuttgart. In diesem Jahr sind laut Sänger Projekte in Köln und Hamburg in Vorbereitung.

Die Firma hat nach eigenen Angaben Moose selbst kultiviert. Vier besonders geeignete und schnell wachsende Moosarten gedeihen auf 600 Quadratmetern in den Gewächshäusern, darunter die „Graue Zackenmütze“ und der „Sparrige Runzelbruder“. Die Mooskulturen werden regelmäßig geschoren, die abgetrennten Teile dann für neue Matten verwendet. Damit das in den Aufstellern oder Wänden verbaute Moos nicht austrocknet, wird aus den Matten ein Modul inklusive Software-gesteuerter Sensorik für Bewässerung und Luftventilation.

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Unternehmen: Schadstoffbelastung um ein Drittel reduziert

Auch das Hamburger Unternehmen ECE setzt auf neuartige Luftfilter. Unter wissenschaftlicher Begleitung der RWTH Aachen Universität hat es in der Hansestadt an einem Bürohaus eine Textilfassade getestet, die gesundheitsschädliche Stickoxide aus der Luft filtert. Der neuartige textile Luftfilter bindet dem Unternehmen zufolge schädliche Stickoxide (NO und NO₂), die durch Autoabgase entstehen.

Nach einer fast zweijährigen Testphase lagen im vergangenen Jahr erste Ergebnisse vor: Mit dem textilen Luftfilter konnte die Schadstoffbelastung dem Unternehmen zufolge um ein Drittel reduziert werden. Unter Laborbedingungen waren laut RWTH gar 55 Prozent weniger Stickoxide in der Luft. Die Textilfassade ist laut der Angaben mit einer Anti-Smog-Beschichtung versehen, die gesundheitsgefährdende Luftschadstoffe abbaut. Nach dem Forschungsprojekt soll nun ein Folgeprojekt der Unternehmensstiftung „Lebendige Stadt“ die Außenwirkung einer solchen textilen Fassade in Städten genauer untersuchen.

Der Bio-Filter von Green City Solutions saugt laut Geschäftsführer Sänger etwa 3500 Kubikmeter Luft je Stunde an und presst sie durch die Moosmatten. „Mit dieser modernen Technologie, die wir patentiert haben, können wir gleichzeitig Luftqualitätsdaten sammeln und wissen daher: Ein City Tree reinigt 100 Quadratmeter Luft.“

„Es ist unbestritten, dass Moose Nähr- und Schadstoffe aus der Umgebung aufnehmen und als Luftfilter fungieren können. Dazu gibt es seit etwa 1980 unendlich viele Experimente. Doch die Pflanzen sind sehr klein, da kommt an Leistung auf so kleinen Flächen nicht viel zusammen“, sagt Bryologe Harald Zechmeister von der Universität Wien zum Moosfilter. Würden die Menschen ihre Dächer und Mauern nicht ständig von Moos befreien, sondern es wachsen lassen, wäre der Effekt der Luftreinigung deutlich größer, schätzte er.

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„Am Ende ist das Moos nur noch Sondermüll“

Der Wissenschaftler sieht noch ein anderes Problem: Die von Moosen aufgenommen Stoffe würden nicht abgebaut, sondern gespeichert. „Also auch Schadstoffe wie Schwermetalle. Am Ende ist das Moos nur noch Sondermüll“, ist er überzeugt.

Auch Alexander Konopatzky vom Brandenburger Landesbetrieb Forst hegt Zweifel an der Luftfilter-Effektivität von Moosen angesichts des hohen Feinstaubvolumens in Großstädten. „Eher interessant ist für mich der Abkühlungseffekt. Die Verdunstungsfeuchte der Moose ist schon beachtlich“, sagt der Fachmann, der 20 Jahre lang Moose im Auftrag der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (Barnim) bestimmt hat.

„Was ich Green City Solutions zugute halte: Sie entnehmen das Moos nicht der Natur, sondern züchten es. Da gibt es europaweit nicht viele Firmen, die das können“, sagt Bryologe (Mooswissenschaftkler, Red.) Zechmeister.

Kritik an Reinigungs- und Kühleffekten der Produkte sei Green City Solutions gewohnt, sagt Geschäftsführer Sänger. Er verweist auf Kooperation mit Forschungsinstituten und Naturschutzverbänden. „Unsere Produkte können jedoch nur ein Baustein für die Luftverbesserung in Großstädten sein.“ Weitere Lösungen seien nötig.

Mooswände könnten als innovative Stadtmöblierung, zur Schaffung von ruhigen Arealen in Innenstädten und zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität in öffentlichen Bereichen denkbar sein, sagt Frauke Zelt, Sprecherin des Brandenburger Umweltministeriums. Betont aber zugleich: „Wichtig und prioritär für die Verbesserung der Luftqualität bleibt jedoch die Reduzierung der Emission an der Quelle, beispielsweise durch die Reduzierung des Verkehrs.“

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RND/dpa

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