Aufopferung für Partner und Familie – ein Akt des Mutes oder der Angst?

Paradox: Das Aufopfern fühlt sich für viele gut an, da sie es für ihre Familie oder ihren Partner tun.

Hannover. Heute möchte ich von einem Paar berichten, das sinnbildlich für viele Beziehungen steht, in denen das Leben von einer tiefsitzenden Angst bestimmt wird. Dieses Paar - nennen wir sie Melanie und Lars - ist seit 20 Jahren verheiratet, hat zwei Kinder im Erwachsenenalter, ein Haus, einen Hund und beide einen guten Job. Von außen betrachtet also ein schönes, idyllisches Familienleben.

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Zusammenleben trotz Trennung ist für alle belastend

Allerdings nur von außen. Denn bereits seit knapp zwei Jahren sind die beiden kein Liebespaar mehr, sondern nur noch auf dem Papier „verheiratet“. Vor allem Melanies Liebe zu Lars ist schon vor langer Zeit versiegt. Und sie war es auch, die eine Trennung vorgeschlagen hatte. Doch Lars ist darauf nicht eingegangen. Anfangs hatte er noch die große Hoffnung, dass sich Melanies Liebe wieder „regenerieren würde“, wie er es nennt. Spätestens als sie ihm jedoch eröffnete, dass sie einen anderen Mann kennen- und liebengelernt hat, schwand auch dieser letzte Hoffnungsschimmer.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe.

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Für Melanie wiederum war klar, dass sie sich spätestens jetzt durch diese neuen Gegebenheiten auch räumlich trennen mussten. Zum einen war es für sie selbst ein sehr belastender Zustand, jedoch merkte sie auch, wie Lars zunehmend darunter litt. Er nahm viele Kilos ab, konnte kaum noch schlafen und war ein Schatten seiner selbst. Und auch die Kinder litten unter der Situation. Ohne dass die Eltern mit ihnen sprachen, wussten sie, was los war.

Die Frau bleibt, der Mann ist stolz - der verkehrte Weg

Melanie fasste sich also ein Herz und suchte nach einer neuen Wohnung. Als Lars dies mitbekam, brach er vollends zusammen. Er wollte lieber in der für alle belastenden Situation bleiben, als sich auch räumlich von Melanie zu trennen. Als Gründe nannte er neben den gemeinsamen Kindern den Hund, das Haus, die Eltern und das Gerede in der Nachbarschaft. Die Situation hielt über zwei Jahre an, dennoch trennten sie sich nicht. Melanie war wie ohnmächtig und handlungsunfähig. Lars hingegen war fast ein bisschen stolz, dass er die räumliche Trennung verhindern konnte.

Männer verlassen ihre „Höhle” ungern

Leider ist dies kein Einzelfall, immer wieder höre ich von solchen Geschichten. Von außen betrachtet kann man es kaum nachvollziehen, warum dieser klare, letzte Schritt nicht gegangen wird. Oft hat das mit einer tieferliegenden Angst zu tun. Bei Lars ist es seine Verlustangst, die er unbearbeitet aus seiner Kindheit mit in sein Erwachsenendasein genommen hat. Zudem bleiben häufig gerade Männer am liebsten in ihrer „Höhle“, die sie kennen, anstatt sich etwas Neuem zuzuwenden.

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Den Schmerz für die Familie ertragen

Für Lars gibt es keine schlimmere Vorstellung, als sich von seiner Familie zu lösen. Und das ist ein wirkliches Problem. Denn dadurch, dass er alles tut, damit sich diese Angst nicht realisiert, erträgt er alles und so paradox es klingt - er fühlt sich gut dabei. Denn er hat das Gefühl, dies alles für seine Familie zu ertragen. Was er nicht sieht ist, dass diese Situation seelische Wunden hinterlässt – nicht nur bei ihm, sondern bei allen Familienmitgliedern.

Lars nimmt davon leider kaum etwas wahr, denn sein Leben ist größtenteils von dieser Angst bestimmt. Darüber hinaus nimmt er auch sich selbst die Chance auf ein angstfreies Leben und vielleicht sogar auf eine neue Liebe. Natürlich ist es unheimlich schwierig und bedarf einiges an Mut, diesen Schritt zu gehen, sich der Angst zu stellen oder sich an eine/n Fachmann/frau zu wenden. Doch er lohnt sich. Immer.

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Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Der Liebescode“ ist 2019 im Handel erschienen.

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