Experte über UN-Klimagipfel: “Hier ist keine einzige Tonne CO₂ bewegt worden”

Greta Thunberg auf der Pressekonferenz zum Klimagipfel in Madrid.

Greta Thunberg auf der Pressekonferenz zum Klimagipfel in Madrid.

Herr Schwarze, Sie waren an den wichtigsten Verhandlungstagen beim Klimagipfel in Madrid. Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Ergebnissen?

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Ich bin überhaupt nicht zufrieden. Und man kann auch nicht von messbaren Ergebnissen sprechen. Tatsächlich ist hier meines Erachtens so gut wie nichts passiert. De facto ist hier keine einzige Tonne CO₂ bewegt worden. Kaum eine Nation hat ihre Hausaufgaben gemacht, um die Klimaziele von Paris zu erreichen. Stattdessen verzeichnen wir immer neue Rekordzahlen, was die Emissionswerte angeht.

Aber gab es denn keine positiven Vorstöße?

Es gab einen Glanzpunkt, das war der Green Deal, den die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgestellt hat. Von der Leyens Rede hat dazu beigetragen, die Stimmung zu stabilisieren. Das wurde hier gefeiert.

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Was für einen Eindruck hat Deutschlands Klimapolitik in Madrid hinterlassen?

Offenbar hat Deutschland vom europäischen Green Deal ordentlich profitiert. Viele assoziieren von der Leyens Vorstoß mit Deutschland als Treiber des Deals. Deutschland hat damit hier als großer Akteur brilliert und seine Klimapolitik zuhause glänzend verkauft. Das hat mich gewundert. Viele in Deutschland sehen das ganz anders.

Und wie sehen Sie das?

Es ist enttäuschend, dass sich unsere Bundesumweltministerin Svenja Schulze mit dem Green Deal jetzt so schmückt. Mir kommt es so vor, dass sich die Bundesregierung damit hinter der EU versteckt. Dass Deutschland selbst seine Klimaziele für 2020 nicht erreicht, hat Schulze mit keinem Wort erwähnt. Das hier viel gelobte deutsche Klimapaket gilt dagegen unter deutschen Klimaexperten als Dokument der Mutlosigkeit und der Inkonsequenz. Da stimmt doch was nicht. Warum berichten wir nicht fairerweise mal von den Problemen, die wir zum Beispiel bei weiteren Windenergieausbau haben? Das würde für die vielen jungen Menschen und die Staaten, die auch damit kämpfen, wichtig sein.

Wie wirkte denn der Druck von Fridays for Future in Madrid?

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Zum ersten Mal in der gut 25-jährigen Geschichte der Weltklimakonferenz waren die Jugendbewegungen hier in großer Zahl präsent, es waren bestimmt hunderttausende junge Menschen in Madrid auf den Straßen und viele Hunderte in der Konferenz. Und diese jungen Menschen haben ein unglaublich gutes Gespür dafür, wenn sie für dumm verkauft werden sollen. Sie haben also schnell gemerkt, dass es hier nur um ritualisierte verknöcherte Strukturen ging und nicht darum, ambitionierte Ziele zu verfolgen. Da haben sie den Finger in die Wunde gelegt – teilweise mit sehr mutigen Aktionen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im russischen Pavillon gab es zum Beispiel ein Plenum darüber, inwieweit in Russland Feuchtgebiete auf die CO₂-Besteuerung angerechnet werden dürfen – eine völlig nichtssagende Veranstaltung. Hauptredner waren zwei ältliche hochrangige Vertreter des größten Aluminiumproduzenten Russlands, aber was sie gesagt haben, war an Irrelevanz kaum zu überbieten. Da haben sich irgendwann zwei junge Russinnen zu Wort gemeldet und gefragt: “Wann dürfen wir endlich sagen, ohne Repressionen befürchten zu müssen, dass Ihr Unternehmen der Hauptverursacher von Emissionen in Russland ist?” Da habe ich Gänsehaut bekommen.

Wie haben die russischen Unternehmer reagiert?

Sie waren völlig durcheinander und haben irgendwas von einem sozialen Projekt für Behinderte gestammelt, was damit gar nichts zu tun hatte. So etwas haben sie wohl noch nie erlebt. Für mich war das ein gutes Beispiel, eine Metapher dafür, wie es hier läuft.

Also gibt es doch noch Hoffnung?

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Für diese Konferenz nicht mehr. Alle wichtigen Zielsetzungen sind vertagt worden aufs nächste Jahr und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch dann kein großes Ambitionsfeuerwerk ansteht. Aber: Die jungen Menschen haben den Laden aufgemischt. Sie haben einen Prozess in Gang gesetzt. Es ist schwieriger geworden, sich rauszureden.

Prof. Reimund Schwarze ist Klimaökonom am Zentrum für Umweltforschung Leipzig.

Prof. Reimund Schwarze ist Klimaökonom am Zentrum für Umweltforschung Leipzig.

Prof. Dr. Reimund Schwarze ist Klimaexperte im Department Ökonomie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Als Professor für Volkswirtschaftslehre hält er Vorlesungen an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Seine Forschungsschwerpunkte sind ökonomische und juristische Untersuchungen zur Klimapolitik. Er beobachtete in den vergangenen Jahren die Klimakonferenzen der UNO und berichtete davon im UFZ-Klimablog.



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