Hüftgelenkersatz

Neuer Schwung für die Hüfte

Verglichen mit der Lebenserwartung unserer Vorfahren in der Steinzeit, die meist nicht älter als 40 Jahre wurden, sind wir heute die reinsten Methusalems. Daher ist es kein Wunder, dass unser Körper im höheren Alter an der einen oder anderen Stelle Verschleißerscheinungen zeigt. Besonders gefährdet sind die Gelenke. So hat fast jeder über 70-Jährige heute eine Verschleißarthrose des Hüftgelenks – und braucht irgendwann einen künstlichen Gelenkersatz. Deutlich seltener brauchen Jüngere, die an Hüftgelenksdysplasie leiden oder einen Unfall hatten, eine neue Hüfte. Pro Jahr werden in Deutschland rund 200.000 künstliche Hüftgelenke implantiert. Dabei gibt es heute in den Kliniken für jede Situation die richtige Prothese.

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„Der Verschleiß des Hüftgelenks ist abhängig vom Alter“, sagt Prof. Oliver Rühmann, Leiter der Abteilung für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin im Agnes-Karll-Krankenhaus Laatzen des Klinikums Region Hannover. „Der typische Kandidat für einen Gelenkersatz ist älter als 60 Jahre.“ Rein medizinisch ist das Hüftgelenk ein sogenanntes Kugelgelenk, das heißt, der Oberschenkelknochen hat an seinem oberen Ende einen kugeligen Kopf, der mit Bändern und der Gelenkkapsel in einer „Gelenkpfanne“ genannten Vertiefung am knöchernen Beckenring sitzt. Die lebenslange Belastung dieses Gelenks beim Sitzen, Gehen oder bei der Arbeit führt über die Jahre zu einem Knorpelabrieb im Hüftgelenk, der irgendwann jede Bewegung schmerzen lässt.

„Für eine Hüftgelenkoperation sind die Beschwerden des Patienten ausschlaggebend“, sagt Rühmann. „Wir schauen uns dabei immer das Gesamtbild aus vorhandenen Schmerzen und Einschränkungen der Aktivität, den eingenommenen Schmerzmitteln, aber auch aus klinischen Befunden und Röntgenbildern an.“ Hat der Patient auch in Ruhephasen Schmerzen und Bewegungseinschränkungen und kann nicht einmal 500 Meter gehen, befürworten die Ärzte eine Operation. Typisch sind auch ein morgendlicher Anlaufschmerz und ein Schonhinken, mit dem das verschlissene Gelenk entlastet wird.

Welche Art der Prothese für den jeweiligen Patienten infrage kommt, hängt von dessen Alter und den vorhandenen Schäden ab. Bei Erwachsenen unter 60 Jahre, deren Hüftkopf häufig nicht durch altersbedingten Verschleiß, sondern aufgrund eines Unfalls oder der langjährigen Einnahme von Kortison in hohen Dosen zerstört ist, ist eine Kopfkappenprothese die erste Wahl. „Bei dieser Methode muss man am wenigsten Knochen entfernen“, erläutert Rühmann. Ist nur die Gelenkpfanne zerstört, wird diese zunächst durch eine sogenannte Pressfitpfanne ersetzt, die durch Einpressen in den Hüftknochen eingepasst wird. Das ist vor allem im Hinblick auf spätere Nachoperationen wichtig. Denn meist muss der Gelenkersatz nach 15 bis 20 Jahren wieder ausgetauscht werden. Wer etwa mit 55 Jahren den ersten Eingriff hatte, braucht daher normalerweise mehrere neue Prothesen, für die jedes Mal mehr vom vorhandenen Knochen entfernt werden muss.

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Patienten bis zum Alter von 65 Jahren erhalten als Standard eine Kurzschaftprothese. Weil für den kurzen Schaft weniger Knochensubstanz aus dem Oberschenkelknochen herausgenommen wird, kann das Implantat später problemlos gegen eine längere Normalschaftprothese ausgetauscht werden. „Grundsätzlich machen wir die Hüftgelenkprothese hier zementfrei“, betont Rühmann. So wird ein späterer Wechsel einfacher, und das Restrisiko für eine allergische Reaktion auf den Zement entfällt. Inzwischen haben die Chirurgen einen relativ hohen Anteil von Wechseloperationen zu bewältigen: Ein Teil entfällt auf einen altersbedingten Austausch, ein anderer Teil der Prothesen muss aufgrund von Komplikationen gewechselt werden.

Dabei stehen den Ärzten inzwischen auch für komplizierte Fälle die richtigen Spezialprothesen zur Verfügung. So wurde für über 80-Jährige mit einem Schenkelhalsbruch die sogenannte Duokopfprothese entwickelt. Dabei sitzen der künstliche Kopf und die künstliche Pfanne fest ineinander. „Dadurch muss man den Bereich der Pfanne nicht mehr gesondert operieren“, sagt Rühmann. „Zwar ist diese Prothese nicht so beweglich wie ein natürliches Gelenk, aber im hohen Alter ist das normalerweise kein Problem.“ Darüber hinaus gibt es extralange Wechselprothesen und sogar einen Ersatz, der den kompletten Oberschenkelknochen mit Knie- und Hüftgelenk umfasst.

Nach der im Durchschnitt rund einstündigen Operation achten die Chirurgen darauf, dass ihre Patienten möglichst schnell wieder in Bewegung kommen. Im Agnes-Karll-Krankenhaus stehen die Operierten daher bereits am ersten Tag nach dem Eingriff das erste Mal auf, am zweiten Tag dürfen sie sich im Zimmer bewegen, und wenn die Wunde nach etwa einer Woche getrocknet ist, beginnt die Rehabilitation im Bewegungsbad. „Unser Ziel ist, dass die Patienten mit der Prothese voll belastbar sind“, sagt Rühmann. In der Regel können die Patienten nach zehn Tagen aus der Klinik in eine Rehabilitationseinrichtung entlassen werden. Bis die Prothese im Alltag voll belastet werden kann, dauert es jedoch noch drei bis vier Wochen.

Dann zeigt sich, wie gut der Körper das künstliche Gelenk verträgt. „In den ersten Wochen nach der Operation treten am ehesten Wundheilungsstörungen auf, oder es gibt Flüssigkeitsansammlungen im Gelenk“, erklärt Rühmann. Weitere Komplikationen können Infektionen oder Knochenbrüche sein. Achten die Chirurgen nicht penibel auf den richtigen Sitz des Gelenks, kann sich dieses verrenken, sodass der Kopf aus der Pfanne springt. „Bei hohen Stoßbelastungen kann sich auch die Prothese insgesamt lockern“, sagt der Professor. Seinen Patienten empfiehlt Rühmann auf diesem Grund immer Sportarten mit gleichmäßigen Bewegungen wie Fahrradfahren, Schwimmen und Nordic Walking sowie Kranken- oder Wassergymnastik.

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