Interview

Prof. Madjid Samii: „Entscheidend ist die Begeisterung“

Prof. Madjid Samii

"Von dem, was ich mache, bin ich hundertprozentig überzeugt." Prof. Madjid Samii hat weit mehr als 20.000 Menschen am Gehirn operiert.

Professor Samii, Sie operieren seit mehr als 40 Jahren Menschen am Gehirn. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Eingriff?

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Das vergesse ich nie. Ich war Student in Mainz im ersten klinischen Semester, als mich mein damaliger Professor Kurt Schürmann fragte: „Haben Sie heute schon etwas vor?“ Ich sollte ihm bei der Schädeloperation eines Babys assistieren. Als ich die Ärmel hochkrempelte, sagte er mir, dass ich mein Hemd schon ausziehen und einen OP-Kittel tragen müsse. Richtig Herzklopfen hatte ich bei der ersten Operation, bei der ich selbst die Schädeldecke eines Patienten öffnete – das war 1964. Schürmann und ich standen im Operationssaal, plötzlich sagte er: „Machen Sie auf!“ Ich habe die Bohrlöcher gesetzt – und mein Chef hat mir dabei assistiert. Mein Lehrer hatte großes Vertrauen in mich, ihm verdanke ich meine spätere Karriere.

Warum wollten Sie Neurochirurg werden?

Schon als Grundschüler im Iran habe ich alle Informationen aufgesaugt, die mit dem Nervensystem und dem Gehirn zu tun hatten. Ganz wesentlich hat mich mein Onkel Ebrahim geprägt, der Neurochirurg war. Er hat dieses Fach in meinem Heimatland begründet und auch in Deutschland und der Schweiz gearbeitet. Ich war fasziniert, wenn er mir erzählte, dass er Menschen operierte, die nach einem Unfall im Koma lagen, und diese nach dem Eingriff wieder gesund wurden. Da wusste ich, dass auch ich diesen Beruf ergreifen wollte.

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Und heute stehen Sie noch immer fünf Tage in der Woche rund sieben Stunden lang im Operationssaal. Haben Sie mit fast 73 Jahren nicht schon mal daran gedacht, kürzerzutreten?

Keineswegs. Meine Arbeit macht mir uneingeschränkt Freude. Mehr noch: Ich empfinde sie nicht als Arbeit. Wenn ich einen erfolgreichen Tag im OP-Saal hinter mir habe, bin ich glücklich. Ich weiß nicht, warum die Leute immer meinen, man sollte sich mit Ende 50 auf den Ruhestand vorbereiten. Durch meine Erfahrung werden meine Operationen jedes Jahr besser, die Patienten haben die bestmögliche Chance auf einen Eingriff ohne Komplikationen. Warum sollte ich aufhören? Vielleicht lässt sich das mit einem Künstler vergleichen. Man würde einem Musiker ja auch nicht sagen, er soll sein Instrument weglegen, nur weil er 70 ist.

Auch der Körper muss mitmachen. Ein Operateur darf unter keinen Umständen zittern.

Ich habe eine sehr ruhige Hand. Das zeigt sich täglich am Operationstisch, ein paar Mal im Jahr überprüfe ich das auch auf dem Golfplatz. Glücklicherweise bin ich fast nie krank. Reiswaffeln und Tee mit Zucker sind mein Doping. Bei meiner Arbeit muss ich mich stark konzentrieren, meine Gedanken ebenso beherrschen wie meinen Körper. Das ist das beste Training: Mein Gehirn ist so frisch wie vor 50 Jahren, vielleicht noch frischer.

Sie haben weit mehr als 20 000 Menschen am Gehirn operiert. Ist ein solcher Eingriff nicht längst Routine für Sie?

Niemals wird eine Operation an einem solch komplexen, hochempfindlichen Organ zur Routine. Ein Gehirn besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, von denen jede einzelne 10 000 bis 100 000 Verknüpfungen zu anderen Zellen aufrechterhält. Das bedeutet, dass der Operateur für jeden Patienten eine ganz individuelle Strategie planen muss. Jede noch so kleine Fehleinschätzung könnte die weitverzweigten Verbindungen unnötigerweise schädigen. Zudem zeigt die Forschung, dass jedes Gehirn in seiner Funktion einzigartig ist. Von außen sieht es jeweils ähnlich aus, aber die detaillierte Lage der Funktionszentren ist bei jedem Menschen verschieden.

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Wie hat sich die Neurochirurgie entwickelt – was haben Sie dazu beigetragen?

Es sind vor allem zwei Fachgebiete, die ich maßgeblich weiterentwickelt habe. Eines ist die Mikrochirurgie. 1966 war ich einer von weltweit sehr wenigen Ärzten, die Eingriffe an Nerven und Gefäßen im Gehirn mit Operationsmikroskopen vornahmen. Diese Technik, die ich in unzähligen Kursen gelehrt habe, habe ich auch erstmals für Nerventransplantationen eingesetzt – für die Wiederherstellung von Funktionen am ganzen Körper durch die Verpflanzung von Nervenbahnen. Eine Methode, die heute zum Standard der Neurochirurgie gehört.

Warum bezeichnet man Sie als den „Vater der Schädelbasischirurgie“?

Eingriffe an der Schädelbasis galten in den sechziger Jahren als „Niemandsland“. Keiner traute sich, dort zu operieren, weil alle wichtigen Hirnnerven und Gefäße in diesem Bereich verlaufen. Damals kam ich auf die Idee, dass ein solcher Eingriff nur gelingen kann, wenn verschiedene Fachleute zusammenarbeiten. Wenn etwa ein Neurochirurg und ein Hals-Nasen-Ohren-Chirurg ihr Wissen einbringen, um einen Tumor zu entfernen. Durch die praktische Ausbildung von Kollegen konnte ich dazu beitragen, dass sich dieser interdisziplinäre Ansatz weltweit etabliert hat. Auch habe ich mich für die wissenschaftliche Verbreitung dieses Faches eingesetzt: In den meisten Ländern auf allen Kontinenten gibt es heute Gesellschaften für Schädelbasischirurgie.

Sie gelten auch als einer der Pioniere der bildgebenden Verfahren.

Seit den sechziger Jahren habe ich mich mit der Entwicklung der Bildgebung beschäftigt. Die Neurochirurgie steht und fällt damit, was der Operateur sieht. In den letzten fünf Jahren ist mit der funktionellen Kernspintomographie ein Durchbruch gelungen: Wir können hochgenaue Abbildungen des Gehirns erzeugen. Selbst Nervenbahnen und -fasern werden auf dieser „Landkarte“ sichtbar. Nicht nur der Tumor lässt sich genau lokalisieren, sondern auch alle wichtigen Hirnzentren, ihre Funktion und Interaktion. Bewegt der Patient einen Finger, ist auf dem Monitor erkennbar, was dabei im Hirn passiert. Auch während der Operation kann der Chirurg beobachten, wie sich der Eingriff auf betroffene Regionen auswirkt, sofort reagieren und eventuell die Strategie ändern.

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Ihr Wissen haben Sie stets weitergegeben. Woher kommt Ihr Sendungsbewusstsein?

Schon in der Schule hat es mir viel Freude gemacht, Klassenkameraden etwas beizubringen. Das hat sich in meinem Berufsleben fortgesetzt. Man kann in aller Bescheidenheit sagen, dass ich im Laufe der Jahrzehnte mehrere Tausend Studenten und Ärzte ausgebildet habe.

Sie haben Dutzende Auszeichnungen erhalten, gehören mehr als 80 Fachgesellschaften an und tragen Ehrentitel von zwölf Universitäten aus aller Welt.

Ich habe früh angefangen. Mit 33 Jahren war ich Professor und unter den Neurochirurgen international bekannt. Ich hatte viele gute Angebote, ins Ausland zu gehen. Gleichwohl habe ich seit wiederum 33 Jahren meinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt in Hannover. Es war mir nie wichtig, mich durch den Wechsel von Positionen weiterzuentwickeln, sondern durch Leistung. Entscheidend ist die Begeisterung für eine Sache. Von dem, was ich mache, bin ich hundertprozentig überzeugt. So habe ich dazu beigetragen, dass der Standort Hannover in der Neurochirurgie weltweit bekannt ist und geachtet wird.

Dazu hat nicht zuletzt das von Ihnen gegründete INI beigetragen, in dem Neurochirurgen mit Experten aus anderen Disziplinen zusammenarbeiten.

Wir haben es binnen zehn Jahren geschafft, das INI in eine internationale Pole-Position zu bringen und zu einem weltweit gefragten „Center of Excellence“ zu machen. Das zeigt sich auch daran, dass in Teheran und in Peking zwei Kliniken und Forschungszentren nach dem Vorbild des hannoverschen INI entstehen. Als Präsident dieser drei Einrichtungen werde ich künftig noch häufiger zwischen Hannover, dem Iran und China pendeln.

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1992 haben Sie den Begriff „Neurobionik“ geprägt. Was verbirgt sich dahinter?

Darin vereinen sich Erkenntnisse und Methoden von Neurowissenschaften, Biologie und Technik. Ziel ist es, kleinste elektronische Implantate zu entwickeln, mit denen wir Störungen im Nervensystem überbrücken können. Die Neurobionik wird entscheidend für die Zukunft von Diagnose und Therapie des Nervensystems sein.

Die Visionen sind weitreichend: Blinde sollen wieder sehen, Gelähmte gehen können. Welche Erfolge gibt es schon?

Wir können Ertaubten helfen, die ihr Gehör durch Schädigung verloren haben. Eine Elektrode wird in den Kern des Hörnervs eingesetzt, ein Mikrofon nimmt die Schallwellen auf, sie werden in elektrische Wellen umgewandelt, und die Elektrode reizt so gezielt den Hörnerv. Auch bei Parkinson-Patienten haben wir einen Durchbruch erzielt. Wir implantieren eine von außen steuerbare Elektrode tief im Gehirn. Durch die Impulse, die diese freigibt, werden die verbliebenen gesunden Zellen angeregt – das Zittern hört auf. Bei Querschnittsgelähmten ist es bisher nur in Einzelfällen gelungen, Muskeln oder Nerven zu reizen, um zerstörte Funktionen zu ersetzen. Auch bei Blinden gibt es erste Ansätze. Es ist noch viel Forschungsarbeit nötig, um diese Fortschritte auszubauen.

Die Hirnforschung könnte zur Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts werden. Manche Forscher glauben, all unser Handeln sei neuronal determiniert. Können Menschen überhaupt freie Entscheidungen treffen?

Nicht nur all unsere Gedanken spielen sich im Gehirn ab, dort haben auch Emotionen und Moralvorstellungen ihren Sitz. Ich bin aber überzeugt, dass Gewissen und Charakter nicht nur von vorbestimmten Veranlagungen, sondern auch von persönlichen Erfahrungen bestimmt werden. Wenn wir lernen, entstehen Synapsenverbindungen. Kinder bringen verschiedene Begabungen mit, für Mathe oder Literatur – aber wie sie sich entwickeln, wird auch von Eltern und Schule beeinflusst. Drängt man sie nicht zu sehr in eine andere Richtung, haben sie die Chance, auf ihrem stärksten Gebiet besonders viel zu lernen.

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Dennoch könnte die These vom determinierten Handeln unser Menschenbild dramatisch verändern: Wenn ein Straftäter gar keinen freien Willen hat – ist er dann für sein Tun verantwortlich?

Die meisten Menschen haben die Möglichkeit zu lernen, was Gut und Böse ist. Offenbar nicht alle im gleichen Umfang: Es gibt hochgebildete Professoren, die vollkommen unmoralisch handeln. Tatsächlich gibt es wohl Fälle, in denen Menschen kaum ein Bewusstsein von den Konsequenzen ihrer Taten haben. Bei einer Handlung etwa, die zum Mord führt, muss man davon ausgehen, dass synaptische Verbindungen im Hirn, die die Tragweite der Tat erkennen müssten, defekt sind.

Forscher haben im Hirn einen Bereich für religiöse Empfindungen gefunden: Lässt sich so die Existenz Gottes widerlegen?

Die alte Frage, ob sich unser Gehirn Gott ausgedacht hat oder Gott sich unser Gehirn, ist ein weites Feld. Sie wird sich naturwissenschaftlich nicht beantworten lassen. Ich persönlich glaube an Gott. Es gibt Situationen, wo ich mich ihm besonders nahe fühle – etwa am Operationstisch, wenn es um Leben und Tod geht.

In Ihrer Heimatstadt Teheran wird sogar ein Museum für Sie errichtet. Was kann danach noch kommen?

Niemand kann sagen, er hätte alles erreicht. Erst war mir die Idee nicht recht, weil ein Museum jemanden würdigt, der nicht mehr da ist. Doch die Organisatoren haben mich überzeugt, dass ich zu Lebzeiten dafür sorgen kann, dass keine Fehleinschätzungen zu meiner Person wiedergegeben werden.

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Juliane Kaune und Simon Benne

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