Patientengeschichte

Pseudoallergie fördert Nasenpolypen

Regina Krieselers Beschwerden dauern schon lange. So lange, dass sich die 51-Jährige kaum noch daran erinnern kann, wie die Heckenrosen in ihrem Garten duften. Seit sechs Jahren leidet die in Magdeburg lebende Sachbearbeiterin an Nasenpolypen, die ihren Geruchssinn lahmgelegt und das Atmen durch die Nase nahezu unmöglich gemacht haben.

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„Die Luftnot kam schlagartig, quasi über Nacht“, erinnert sich Krieseler, „von einem auf den anderen Tag bekam ich allergisches Asthma, wenig später kamen brennende Augen und eine chronisch verstopfte Nase dazu.“ Um den Beschwerden auf den Grund zu gehen, suchte Krieseler einen HNO-Arzt auf. Ein Allergietest brachte ans Licht, dass die schnell wuchernden Nasenpolypen nicht, wie es Krieselers asthmatische Beschwerden zunächst vermuten ließen, allergisch bedingt sind. Die genauen Ursachen der Erkrankung konnten die Ärzte jedoch nicht ermitteln.

2004, zwei Jahre nach dem Auftreten der ersten Symptome, waren Krieselers Nebenhöhlen derart zugewuchert, dass eine operative Entfernung der Polypen unumgänglich wurde. Bereits ein Jahr später folgte der nächste Eingriff, 2007 eine dritte Operation. „Das war in Braunschweig“, sagt Krieseler, „dort hatte man erstmals den Verdacht, dass die Polypen durch eine Salicylatunverträglichkeit ausgelöst worden sein könnten.“ Also überwies man die Patientin an die Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), um den Verdacht abklären zu lassen.

Und tatsächlich: Untersuchungen ergaben, dass Regina Krieseler zu der kleinen Patientengruppe gehört, die eine Unverträglichkeit gegen Salicylat, dem Salz der Salicylsäure, aufwies. Stefan Stolle, MHH-Oberarzt und Spezialist für Allergologie sowie Nasen- und Nebenhöhlenerkrankungen, schätzt, dass rund zehn Prozent aller Patienten mit Polypen und Entzündungen der Nasennebenhöhlen an einer Salicylatintoleranz leiden. „Wir wissen noch nicht genau, was sich dabei im Körper abspielt, aber wir haben dennoch ein wirksames Diagnose- und Therapieverfahren“, sagt der Oberarzt.

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Um festzustellen, ob eine Salicylatunverträglichkeit vorliegt, wurde Regina Krieseler zunächst auf Diät gesetzt. Da sich die krankheitsauslösende Substanz nicht nur in Kopfschmerztabletten, sondern auch in vielen Lebensmitteln, etwa Wein, den meisten Gewürzen und vielen Obstsorten, nachweisen lässt, dominierten für einige Zeit Kartoffeln, Reis und Wasser den Speiseplan der Patientin. „Das ist notwendig, um sicherzustellen, dass der Organismus salicylatfrei ist“, erklärt Stolle. „Nach drei Tagen verabreichten wir der Patientin eine geringe Dosis Aspirin, um zu testen, ob die Nasenschleimhäute mit Schwellungen reagieren oder es andere Symptome gibt.“

Fällt der Test positiv aus, wie bei Regina Krieseler, wird das Medikament in steigenden Dosen weiter verabreicht – in welchen Abständen, ist von der Heftigkeit der Reaktionen abhängig. Sofern die Therapie erfolgreich verläuft, nehmen die erkältungsartigen Beschwerden nach jeder weiteren Einnahme des Aspirins ab, bis der Patient schließlich überhaupt nicht mehr auf das Salicylat reagiert. In der Regel genügen eine dreitägige Diät und drei Salicylatgaben, um eine Gewöhnung des Organismus an die Substanz zu erzielen. Schließlich wird – ähnlich einer Desensibilisierung bei Allergikern – aus dem einstigen Krankheitserreger ein Medikament. „Um dauerhaft beschwerdefrei zu bleiben, müssen die Patienten allerdings auch dauerhaft Aspirin schlucken“, sagt Oberarzt Stolle. Unterbleibt die Einnahme von Aspirin, können sich die Nasenbeschwerden zurückmelden. In diesem Fall muss der Körper erneut an das Salicylat gewöhnt werden.

Bei Regina Krieseler hat die Therapie gut angeschlagen. Bereits am dritten Tag reagierte sie kaum noch auf das Salicylat. Wenn alles glattgeht, wird sie also bald wieder frei atmen und auch den Rosenduft in ihrem Garten genießen können.

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