Patientengeschichte

„Wir sind fast gestorben vor Angst“

Bis zum Alter von elf Monaten war der kleine Laurenz ein fröhliches Kind, das sich ganz normal entwickelte. Dann bekam der Junge von einem Tag auf den anderen Gleichgewichtsstörungen, war schlapp, müde und litt unter Übelkeit. „Er war einfach nicht mehr wie vorher“, erinnert sich seine Mutter an das Frühjahr 2006. Am nächsten Tag fuhren die Eltern ihr Kind in eine Klinik. Dort hieß es erst „Magen-Darm-Grippe“, bis ein Kollege die vernichtende Diagnose stellte: ein großer Gehirntumor. „An dem Tag sind wir vor Angst fast gestorben“, sagt Laurenz Mutter.

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Eine Prognose gaben die Ärzte erst nach tagelangem Hin und Her durch verschiedene Kliniken und einer Gewebeprobe. Die zeigte, dass es sich nicht um die bei Kleinkindern häufige Tumorart „Medulloblastom“ handelte, die in 70 Prozent der Fälle gut behandelt werden kann, sondern um einen seltenen „atypischen Teratoid-Rhabdoid-Tumor“ (ATRT), der in den vergangenen zehn Jahren gerade 34-mal in Deutschland vorkam. Heilungschance: ein Prozent. Der Tumor sei nicht operabel, sagte man den Eltern und schickte sie nach Hause. Doch die gaben nicht auf und landeten so an einem Donnerstag bei Prof. Joachim Krauss in der Klinik für Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Freitag früh machten die MHH-Experten eine Kernspinaufnahme und am gleichen Abend lag Laurenz im Operationssaal. „Er hätte den Tag wohl nicht überlebt“, sagt Krauss über den Jungen, der an diesem Apriltag fast im Sterben lag. „Wir haben nur noch gesagt Hopp oder Top, und der Operation sofort zugestimmt“, erklärt die Mutter. Mit einer neuen Technik entfernten die Neurochirurgen dann in stundenlanger Arbeit den fünf mal fünf mal sechs Zentimeter großen Tumor, der Hirnstamm, Kleinhirn, den Thalamus im Zwischenhirn und mehrere Hirnnerven berührte. „Normalerweise spaltet man für eine solche Operation den sogenannten Kleinhirnwurm, um den gesamten Tumor zu entfernen – das kann aber Sprachvermögen und Motorik beeinflussen“, erklärt Krauss. „Deshalb haben wir einen anderen Zugang gewählt und diesen Teil intakt gelassen.“

Mit dem Ergebnis sind Mediziner und Eltern hoch zufrieden. „Wir konnten etwa 99 Prozent des Tumors entfernen“, sagt Krauss’ Kollege Christoph Tschan. „Wenn der Tumor komplett oder nahezu komplett entfernt werden kann, steigen die Chancen für den Patienten.“ Sicherheitshalber bekam Laurenz anschließend eine Chemo- und Strahlentherapie in der MHH-Kinderklinik. „Ohne das gute interdisziplinäre Netzwerk an der MHH wäre eine derartige Behandlung gar nicht möglich gewesen“, lobt Neurochirurg Elvis Hermann, der ebenso wie Tschan die jüngsten Tumorpatienten betreut.

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Vergangene Woche nun wurde das neueste Kernspinbild vom Gehirn des inzwischen zweijährigen Laurenz gemacht. „Da ist nichts wiedergekommen. Es sieht richtig gut aus“, sagt seine Mutter zufrieden. Auch in der Entwicklung hat der Junge ordentlich aufgeholt. Während er vor der Operation kaum noch den Kopf heben konnte, krabbelt er jetzt munter über den Boden und steht auch schon allein auf. Die einzige Sorge der Eltern ist, dass Laurenz wegen der Erhaltungschemotherapie mit einer Magensonde ernährt werden muss. „Er isst und trinkt noch nicht genug“, sagt die Mutter.

Für sie und ihren Mann ist Laurenz’ Entwicklung das beste Geschenk. „Das wird das schönste Weihnachtsfest seit zwei Jahren“, erklärt sie. „Wir werden sogar wieder einen Baum haben. Letztes Jahr durften wir ja wegen der Infektionsgefahr noch keine Pflanzen in der Wohnung aufstellen.“

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