Großzügiger Sozialstaat als Glückstreiber

Studie: Was macht eine Gesellschaft zufrieden?

Wie glücklich wir sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Wie glücklich wir sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Ein Ausbau des Wohlfahrtsstaates über einen längeren Zeitraum hinweg geht statistisch gesehen mit einer höheren Lebenszufriedenheit innerhalb der Bevölkerung einher. Das berichtet ein Forschendenteam nach einer Studie in den „Proceedings“ der US-nationalen Akademie der Wissenschaften („PNAS“). „Steigendes Glück kommt mit mehr sozialstaatlicher Freigebigkeit, abnehmendes Glück kommt mit weniger Freigebigkeit“, fassen die Autorinnen und Autoren ihre Ergebnisse zusammen. Sie hatten sich für zehn europäische Länder, darunter Deutschland, angeschaut, welche Faktoren das Wohlbefinden auf nationaler Ebene langfristig verändern.

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Fragt man Ökonominnen und Ökonomen, Ökologinnen und Ökologen, Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, wie man die Zufriedenheit in einem Land am besten steigern kann, bekommt man unter Umständen recht unterschiedliche Antworten: Sorgt für hohes Wirtschaftswachstum! Kümmert Euch um die Umwelt! Das zwischenmenschliche Vertrauen zählt! Fördert staatliche Sozialprogramme! Was denn nun?

Forschende nehmen verschiedene Faktoren unter die Lupe

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, analysierten der renommierte US-Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin und Kelsey O‘Connor vom Nationalen Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien in Luxemburg die Entwicklung verschiedener Faktoren, zu denen es Daten über einen Zeitraum von mehr als 35 Jahren gab.

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Im Zentrum der Untersuchung stand die Zufriedenheit von Menschen mit ihrem eigenen Leben, die Forschenden sprechen auch einfach von Glück. Auch für die Faktoren Bruttoinlandsprodukt, Arbeitslosigkeit, Vertrauen der Menschen in andere, Höhe und Dauer von Sozialleistungen und Luftverschmutzung untersuchten die Forschenden dann, ob sie in einem Zusammenhang zum Glücksgefühl in einem Land stehen.

Dabei verglichen sie – über alle zehn Länder hinweg – jeweils die Werte von Anfang der frühen Achtzigerjahre mit dem Ende der 2010er-Jahre. Effekte der Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine sind also nicht berücksichtigt.

Easterlin und O‘Connor stellten fest, dass es nur beim Faktor Wohlfahrtsstaat einen deutlichen Zusammenhang zur Veränderung der Zufriedenheit gab. Bei den anderen Faktoren gebe es keine solche Beziehung. „In Spanien und anderen Ländern wuchs bei einem großen Glücksanstieg auch die Freigebigkeit bei den Sozialprogrammen. In Schweden und Dänemark hingegen, wo das Wohlbefinden abnahm, zog sich der Sozialstaat zurück“, schreiben die Forschenden.

Allerdings trat dieser Zusammenhang in der Auswertung nicht bei allen untersuchten Ländern auf. So nahm in Deutschland die Zufriedenheit seit Anfang der 1980er-Jahre um 0,39 Punkte auf einer Skala von eins bis zehn zu, die Freigebigkeit des Wohlfahrtsstaates nahm aber ab.

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Positive Entwicklungen überwiegen negative Effekte

Warum ist das so? Es ist denkbar, dass negative Effekte durch andere positive Entwicklungen überlagert wurden. „So könnten beispielsweise für Deutschland der Abbau der Arbeitslosigkeit und die Zunahme an „Vertrauen“ eine Rolle spielen und zu einer höheren Lebenszufriedenheit führen, aber auch in der Studie nicht berücksichtigte Dinge wie eine größere Zuversicht hinsichtlich der weiteren individuellen und gesamtwirtschaftlichen Entwicklung", meint der Finanzwissenschaftler Ronnie Schöb von der FU Berlin, der nicht an der Untersuchung beteiligt war.

Deutschland sei im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut durch die Finanz- und Eurokrise gekommen. „Der Arbeitsmarkt boomte vor Corona, Arbeitsplatzverlustängste, Existenzängste spielten eine geringere Rolle. Entsprechend weniger Gewicht hat das Wissen um das Ausmaß der sozialen Absicherung, da sie als für einen selbst weniger relevant angesehen wurde." Schöb betont, diese Erklärungen seien aber nicht mehr als spekulative Überlegungen.

Der Makrosoziologe Jan Delhey von der Uni Magdeburg gibt zu bedenken, es habe in den ostdeutschen Bundesländern nach der Wiedervereinigung einen deutlichen Zugewinn an Lebensglück gegeben, während zeitgleich der Sozialstaat abgebaut wurde. Auch das könnte erklären, warum Deutschland vom allgemeinen Muster abweicht. Delhey betont, dass in der Studie nur wenige Einflussfaktoren untersucht wurden, die die Zufriedenheit in einer Gesellschaft beeinflussen können. „Es gibt natürlich noch viele andere Dinge, die man überprüfen könnte.“ Ein wesentlicher Punkt könnte beispielsweise das Gefühl von mehr Selbstbestimmung sein – dies fördere die Lebenszufriedenheit nachweislich.

RND/dpa

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