Kolumne „Von oben gesehen“

Wir brauchen einen Systemwandel – aber was genau soll das heißen?

RND-Kolumnistin Insa Thiele-Eich sagt: Im Kampf gegen den Klimawandel müsse ein Teil der Gesellschaft auch Privilegien aufgeben.

RND-Kolumnistin Insa Thiele-Eich sagt: Im Kampf gegen den Klimawandel müsse ein Teil der Gesellschaft auch Privilegien aufgeben.

„System change not climate change“ heißt es manches Ortes freitags auf Klimademonstrationen in Deutschland. Und auch ich habe den Satz schon oft gehört. Denn meist gehen die Wörter „Systemwandel“ und „Transformation“ Hand in Hand. Kürzlich habe ich mich dabei ertappt, dass ich selbst sehr überzeugt vom notwendigen Systemwandel erzählt habe – nur um mich dann zu fragen: Was heißt das eigentlich konkret? Wie sieht ein solcher Prozess aus?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Transformation bedeutet einen grundlegenden Wandel, die Veränderung vom Istzustand zu einem gewünschten Ziel. In diesem Fall: eine klimagerechte Welt. Klar ist: Behalten wir unser aktuelles Verhalten bei, werden wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen. Zum Glück haben die Menschen, so der Psychiater und Ökonom Stefan Brunnhuber, eine ganz essentielle Eigenschaft: die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen und so das Verhalten von Millionen von Menschen zu beeinflussen und zu verändern.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Spotify Ltd., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Eine bessere Welt

Für unser Ziel ist das also die Geschichte einer Welt, in der nachhaltige und pflanzenbasierte Lebensmittel günstiger sind als diejenigen, deren Produktion mehr CO₂ verbraucht. In der Städte so gebaut sind, dass wir in 15 Minuten alles erreichen können, was wir für den täglichen Bedarf benötigen. Eine Welt, in der es auf dem Land genügend Alternativen zum PKW gibt. Eine Welt, in der erneuerbare Energien der Standard sind und Verschwendung im Energiesektor nicht auch noch durch die Politik belohnt wird. Eine Welt, in der Gesundheit und das Recht auf Bildung eine größere Lobby hat als die Automobilindustrie und Kohlekraftwerke. So weit, so theoretisch.

Doch allein die Vision einer besseren Welt reicht scheinbar nicht, damit Menschen ihr Verhalten ändern. Und auch Sachzwang, also das Wissen um die Notwendigkeit zur Veränderung, ist nicht ausschlaggebend. Stattdessen, das hat Silja Graupe, Professorin an der Cusanus Hochschule in Koblenz, in einer umfassenden Studie entdeckt, handeln Menschen in Krisensituationen besonders deshalb, weil sie den Wunsch haben, Verantwortung zu übernehmen. Das ist erfreulich konkret, denn Verantwortung können wir alle übernehmen. Wie genau?

Weniger ist manchmal mehr

Zum Beispiel, indem wir Chancen und Güter fair verteilen, auch wenn das unweigerlich bedeutet, dass ein Teil der Gesellschaft Privilegien aufgeben muss. Schließlich sind die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung mit ihrem Lebensstil für fast 50 Prozent des individuellen CO₂ Ausstoßes verantwortlich. Verantwortung übernehmen kann bedeuten, das eigene Konsumverhalten einmal kritisch zu reflektieren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zweifelsohne wird es Menschen geben, die aus sehr individuellen Gründen – sei es Überforderung, sei es Macht – keine Verantwortung für die nötige Veränderungen übernehmen können oder wollen. Es wird also auch neue Regeln geben müssen, die uns teilweise zwingen werden, unser Zuviel an den richtigen Stellen zu reduzieren. Transformation ist also sowohl aktives Transformieren, als auch passives Transformiert-Werden.

Was sicher hilfreich ist, ist die Vorstellung, dass Wegnehmen, Verlust und Veränderung nicht per se etwas Schlechtes ist: Ein Kind kann nicht kreativ spielen, wenn es zu viel Spielzeug hat; Erwachsene entrümpeln regelmäßig ihre Schubladen und reinigen den Geist durch minimalistische Wohnräume; Apps helfen uns beim Einschränken unseres Social-Media-Konsums: Weniger ist manchmal mehr. Diesen Gedanken können wir auf die nötige Transformation und den damit einhergehenden Verzicht übertragen.

Insa Thiele-Eich ist Meteorologin und forscht an der Universität Bonn an den Zusammen­hängen zwischen Klimawandel und Gesundheit. Seit 2017 trainiert sie im Rahmen der Initiative „Die Astronautin“ als Wissenschaftsastronautin für eine zweiwöchige Mission auf der Internationalen Raumstation – und wäre damit die erste deutsche Frau im All. Hier schreibt sie alle zwei Wochen über Raumfahrt, den Klimawandel und die faszinierende Welt der Wissenschaft.

In einer früheren Version dieses Textes hatten wir einen falschen Namen von Silja Graupe genannt. Wir haben das korrigiert.

Mehr aus Wissen

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen