Ursachensuche an der Oder

Ist eine giftige Alge schuld am Fischsterben?

Brandenburg, Genschmar: Tote Fische treiben im flachen Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder.

Brandenburg, Genschmar: Tote Fische treiben im flachen Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder.

Sie ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen, und doch könnte die Prymnesium parvum für eines der größten Fischsterben in den vergangenen Jahren in Deutschland verantwortlich sein. Das legen Erkenntnisse des Leibniz-Instituts für Gewässer­ökologie und Binnenfischerei (IGB) nahe.

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Die Mikroalge sei bekannt dafür, gelegentlich Fischsterben auszulösen, und vermehre sich gerade massiv in der Oder, so die Experten und Expertinnen. Immerhin 200 Mikrogramm pro Liter und 100.000 Zellen pro Milliliter zählten sie in dem deutsch-polnischen Gewässer. Dort wurden bisher rund 36 Tonnen tote Fische geborgen. Hinzu kommen fast 100 Tonnen, die auf polnischer Seite entdeckt wurden.

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Lebensraum in der Oder hat sich verändert

Es ist eine ungewöhnliche Entdeckung. Denn eigentlich gilt die Prymnesium parvum als Brackwasseralge und bevorzugt deutlich salzigere Gewässer – nicht unbedingt Flüsse wie die Oder. Aber der Lebensraum in der Oder scheint sich in den vergangenen Wochen stark verändert zu haben.

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Seit rund zwei Wochen seien massiv erhöhte, unnatürliche Salzfrachten gemessen worden, erläutern die Forscher und Forscherinnen. Auch seien der Sauerstoffgehalt, der pH-Wert und das Gesamtchlorophyll massiv erhöht und das Wasser deutlich trüber, wie Daten der Messstation für Gewässergüte Frankfurt an der Oder zeigen. Letzteres sind auch häufig Kennzeichen einer Algenblüte, also einer plötzlichen und massenhaften Vermehrung einer Algenart.

Toxine greifen Schleimhäute und Blutgefäße der Fische an

Laut der Enzyklopädie Invasive Species Compendium gehört der ellipsen­förmige Einzeller zu den invasiven Arten und ist winzig. Gerade einmal zehn Mikrometer, also 0,01 Millimeter, in der Länge misst die golden schimmernde Mikroalge. Mit dem bloßen Auge kann man sie also nicht erkennen. Den größten Teil ihres Lebens ist die Alge biflagellat. Das heißt, auf der Oberfläche der einzelnen Zellen befinden sich zwei fadenförmige Gebilde (sogenannte Flagellen oder Geißeln), mit denen sie sich fortbewegen kann.

Die Wirkung der Prymnesium-Toxine ist insbesondere für Kiemenatmer wie Fische besonders verheerend, weil die Schleimhäute und feinen Blutgefäße angegriffen und zersetzt werden.

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

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Um andere einzellige Organismen wie Zooplankton oder Algen zu töten, sondert die Mikroalge giftige Substanzen, sogenannte Prymnesium-Toxine, ab. Ein Effekt dieser Fähigkeit ist auch, dass Prymnesium parvum nahezu monospezifisch wächst und gedeiht. So sehr, dass das Wasser teilweise golden erscheint. Deswegen wird sie auch Goldalge genannt. Wenn die Toxine in größeren Mengen vorkommen, sind sie für Fische tödlich.

„Die Wirkung der Prymnesium-Toxine ist insbesondere für Kiemenatmer wie Fische, für Weichtiere wie Muscheln und auch für Amphibien besonders verheerend, weil zum Beispiel die Schleimhäute und feinen Blutgefäße angegriffen und zersetzt werden“, schreiben die Forscher und Forscherinnen des IGB in ihrem Bericht. So hat die Mikroalge in Texas oder Florida bereits einige Fischsterben ausgelöst. Für Menschen sind die Toxine ungefährlich.

Fischsterben in der Oder: gesamtes Ökosystem geschädigt

Noch immer steht nicht fest, was genau das massive Sterben der Tiere in dem deutsch-polnischen Grenzfluss verursacht hat.

Fischsterben ist menschengemachtes Problem

Noch ist nicht bestätigt, dass das Fischsterben in der Oder durch Prymnesium-Toxine verursacht wurde. Die Forscher und Forscherinnen betonen aber, dass es sich, sollte sich die Vermutung bestätigen, nicht um ein natürliches Phänomen handle, sondern um ein menschengemachtes Problem. „Der Klimawandel ist menschengemacht, wir werden Dürrephasen mit viel zu niedrigen Pegeln, geringen Sauerstoffwerten und viel zu hohen Wassertemperaturen immer häufiger erleben“, sagt IGB-Forscher Tobias Goldhammer.

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Das führe zu Extremzuständen, die die Fischgemeinschaften stressen. „In diesen Phasen geht es bereits für viele Tiere ums Überleben – kommen zur bestehenden Belastung dann zum Beispiel weitere Gefahren wie toxische Algenblüten oder chemische Verunreinigungen hinzu, kann das schnell ganze Ökosysteme in Gewässern vernichten“, erklärt Goldhammer. Zudem habe Polen trotz Dürre mit Ausbaumaßnahmen für die Binnenschifffahrt begonnen, die die ökologische Situation der Oder weiter verschlechterten.

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