Kolumne „Von oben gesehen“

Wer darf sich Astronautin nennen?

Astronaut Matthias Maurer bei einem Außeneinsatz an der Internationalen Raumstation.

Astronaut Matthias Maurer bei einem Außeneinsatz an der Internationalen Raumstation.

Bin ich eine Astronautin? Schließlich war ich noch nie im All. Tatsächlich ist über den Begriff in letzter Zeit viel diskutiert worden. Denn Dank Weltraumtourismus, kommerziellen Raumfahrtorganisationen und Initiativen steht das All immer mehr Menschen offen. Nimmt man die Ursprünge des Wortes ganz genau, ist ein Astronaut ein „Sternfahrer“ – bis zu den Sternen kommt aber streng genommen niemand. Wer ist also bitte „Astronaut“?

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Laut Oxford Dictionary ist ein Astronaut eine „Person, die an einem Flug in den Weltraum teilnimmt“. Doch schon hier gibt es die ersten Schwierigkeiten. Denn wo genau der Weltraum beginnt, ist Auslegungssache: An der Kármán-Linie 100 Kilometer über dem Meeresspiegel – so die gängige Regelung in Europa? Oder eher doch bei 50 Meilen (rund 80 Kilometer), wie die Bundesluftfahrtbehörde FAA in den USA es sagt? Somit wäre zum Beispiel Wally Funk nach ihrem Suborbitalflug qualifiziert, sich Astronautin zu nennen. Oder braucht es nicht doch lieber eine Erdumrundung für den Titel? Dann wäre aber Alan Shephard, der erste US-Amerikaner im All, kein Astronaut mehr: Er flog 1961 bei seinem ersten Flug ins All lediglich für 15 Minuten auf 187 Kilometer Höhe – ganz ohne Erdumrundung. Ganz schön kompliziert.

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Eine sehr persönliche Prägung

Nicht mal die Wörterbücher sind sich einig: Das Cambridge Dictionary definiert das nämlich anders. Hier ist eine Astronautin „eine Person, die für das Reisen im Weltraum ausgebildet wurde“. So hat es die Esa auch bei Matthias Maurer gehandhabt: Er kam 2008 in die Endauswahl seines Astronautenjahrgangs, begann aber erst ein paar Jahre später als Nachrücker mit dem Training. Als er 2017 sein Basistraining beendete, war dann klar: Ab jetzt darf er sich offiziell Esa-Astronaut nennen. Ins All flog Maurer dann 2021.

Mein Verhältnis zum Begriff „Astronaut“ ist dagegen persönlich geprägt: Mein Vater Gerhard Thiele wurde 1987 vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum ausgewählt, und hat dort mit vier weiteren Personen trainiert. Ein Astronaut war er für mich spätestens dann, als ich 1992 meine Lieblingsbücher in einen Umzugskarton packen musste, um für sein Training nach Houston zu ziehen. Zwei seiner Kollegen flogen 1993 als Nutzlastspezialisten („Payload specialist“) mit der Nasa ins All – mein Vater bildete mit der Meteorologin Dr. Renate Brümmer die Ersatzcrew. Viele Jahre später ist er selbst 2000 als voll trainierter Missionsspezialist („Mission specialist“) und Esa-Astronaut mit einem Space Shuttle ins All geflogen. Das Wort „Raumfahrtanwärter“ wäre also viele Jahre die korrekte Bezeichnung für ihn gewesen – gehört habe ich es im Alltag nie.

„Weltraumtourist“ greift zu kurz

Nachdem ich selbst die Auswahltests des DLRs für die Stiftung „erste deutsche Astronautin“ durchlaufen hatte, habe ich bis zum Abschluss unseres Basistrainings trotzdem gezögert, mich selbst als Astronautin zu bezeichnen. Zum Glück bietet die deutsche Sprache eine elegante Zwischenlösung, die ich dem Comedian Tommi Schmitt verdanke: Fastronautin.

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Und auch gendern lässt es sich so richtig schön raumfahrtlich: Astronaut*in. An Bord der Raumstation wäre ich dann übrigens eine Wissenschaftsastronautin oder Teil der „Commercial Crew“, für die es im Deutschen noch keine geeignete Übersetzung gibt. Das veraltete „Weltraumtourist“ greift in jedem Fall für die kommerzielle Raumfahrt zu kurz.

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Weitere Astronautenbegriffe dank der Esa

Dank der Esa gibt es jetzt noch drei weitere Begriffe: Fünf „career astronauts“, also Berufsastronauten und ‑astronautinnen, wurden diese Woche ausgewählt. Dazu gesellt sich der erste „Parastronaut“: John McFall nimmt an einer Machbarkeitsstudie teil, die untersuchen soll, was nötig ist, damit auch Menschen mit körperlichen Behinderungen ins All fliegen können. Elf weitere Menschen bilden die „Astronaut Reserve“, die vorerst nicht trainieren, aber nachbenannt werden können. Reserveastronauten also, aber laut Esa-Generaldirektor Joseph Aschbacher „auch Astronauten“.

Das sind zahlreiche Bezeichnungen für eine letztendlich immer noch sehr kleine Gruppe von Menschen, die alle eines eint: der Traum, die Erde von oben zu sehen. Und letztendlich erscheint die Wortklauberei auch ein bisschen überflüssig: Sind wir nicht alle Astronauten und Astronautinnen auf dem Raumschiff Erde, auf einer immer fortwährenden Reise durchs All? Insofern: (f)astronautische Grüße!

Insa Thiele-Eich ist Meteorologin und forscht an der Universität Bonn an den Zusammen­hängen zwischen Klimawandel und Gesundheit. Seit 2017 trainiert sie im Rahmen der Initiative „Die Astronautin“ als Wissenschaftsastronautin für eine zweiwöchige Mission auf der Internationalen Raumstation – und wäre damit die erste deutsche Frau im All. Hier schreibt sie alle zwei Wochen über Raumfahrt, den Klimawandel und die faszinierende Welt der Wissenschaft.

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Wir haben in diesem Text noch eine Definition des Wortes „Astronaut“ ergänzt.

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