Von „Traumschiff“ bis „Germany´s Next Topmodel“

Die Geheimnisse der TV-Branche

Nimmt sich und seine Branche auf die Schippe: Bastian Pastewka und Sabine Vitua in einer Szene aus der achten Staffel der Serie „Pastewka“.

Sie lästern, sticheln oder plaudern Geheimnisse aus: Wenn Stars und TV-Insider die Zuschauer hinter die Kulissen des Fernsehgeschäfts blicken lassen, kommen oft interessante Geschichten ans Licht - und meist sind die Menschen, um die es geht, verärgert.

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So hätte sich „Stromberg“-Star Christoph Maria Herbst 2010 in seinem Roman „Ein Traum von einem Schiff“ beinahe um Kopf und Kragen geredet. Satirisch überhöht schilderte er darin seine Zeit als Gastdarsteller auf dem ZDF-„Traumschiff“, nannte den Vergnügungsdampfer einen „Mumienschlepper“ und erzählte von schlecht sitzenden Toupets und Kollegen mit zu viel Promille. Es gab juristischen Ärger, Passagen des Buchs mussten geschwärzt werden. Doch Herbst hatte Glück: Das ZDF zeigte sich nachsichtig, der Schauspieler steht heute regelmäßig für die Reihe „Merz gegen Merz“ vor der Kamera.

Erhob Vorwürfe gegen GNTM: Die Finalistin Lijana Kaggwa.

Vermutlich könnten auch die Kandidatinnen und Kandidaten von Shows wie „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ oder Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) viel Interessantes preisgeben – doch sie sind in der Regel vertraglich zur Geheimhaltung verpflichtet. Die ehemalige GNTM-Kandidatin Lijana Kaggwa plauderte dennoch aus dem Nähkästchen, verriet in einem YouTube-Video einiges über die Abläufe hinter den Kulissen des Reality-Wettbewerbs. Sie erzählte von extremen Drehbedingungen und behauptete, dass die Füße einiger Models eingecremt worden seien, damit sie in High Heels auf dem Laufsteg ausrutschten. Pro Sieben wies die Vorwürfe zurück.

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Und das niederländische Model Lilly Becker verriet nach ihrem Sieg im RTL-Dschungelcamp: „Das Format ist dazu gemacht, dich zu brechen. Man wird ein bisschen verrückt, und dann fängt man an zu streiten, weil es nichts zu tun gibt.“

Die Branche wird selbst zum Serienstoff

Das Interesse an Indiskretionen ist so groß, dass es längst selbst zum Stoff fiktionaler Serien geworden ist. Formate, die die Branche satirisch spiegeln, kommen meist gut an beim Publikum. In der erfolgreichen Sitcom „Pastewka“ (Prime Video) etwa ist die Managerin des Serien-Pastewkas ständig betrunken, während Comedians wie Michael Kessler oder Anke Engelke sich mit harten Bandagen um Rollen und Textlängen balgen.

Die Serie „Call My Agent – Berlin“ (Disney+) kreist um den Alltag einer Schauspielagentur. Stars wie Iris Berben parodieren dort ihr eigenes Image, und Heiner Lauterbach sorgt als eitler Gockel für Lacher. In „Frier und 50“ (Sat.1) wiederum bekommt Annette Frier, die sich selbst spielt, diskret Botox-Gutscheine zugesteckt, damit man ihr nicht mehr so ansieht, dass sie schon über 50 ist.

Ich kriege natürlich nie direkt gesagt, dass ich was machen lassen müsste, aber indirekt kommt die Message öfter rüber.

Annette Frier, Schauspielerin und Comedian

Diese Produktionen leben vom Spiel mit Realität und Fiktion, von der Frage, welchen wahren Kern das Gezeigte hat. Konfrontiert mit dieser Frage, geben sich die Hauptdarsteller jedoch meist bedeckt. Auf die Botox-Episode angesprochen, sagt etwa Annette Frier im Interview: „Ich kriege natürlich nie direkt gesagt, dass ich was machen lassen müsste, aber indirekt kommt die Message öfter rüber.“

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Kaum jemand beißt die Hand, die ihn füttert – Ausnahmen bestätigen die Regel. Zu ihnen zählt Schauspielerin Gesine Cukrowski, die in ihrem Buch „Sorry Tarzan, ich rette mich selbst“, mit patriarchalen Strukturen in Film und Fernsehen abrechnet. So beschreibt die 57-Jährige den Ablauf von Redaktionsbesprechungen, in denen es um Stoffe für ältere Frauen geht: Oft forderten die Zuständigen von Autor oder Autorin, die reife Heldin des Drehbuchs lieber jünger zu machen: „Bitte mindestens 15 Jahre runterschreiben.“ In einem Radiointerview anlässlich der Buchveröffentlichung enthüllte Cukrowski auch Interessantes über die Krimiserie „Der letzte Zeuge“, in der sie von 1998 bis 2007 eine Gerichtsmedizinerin spielte, die oft anzüglichen Kommentaren ausgesetzt war: Die Drehbücher seien im Original sehr sexistisch gewesen, sie habe immer für ein höheres Niveau kämpfen müssen. Cukrowski: „Das war schon vehement“.

Kritik an der „Tagesschau“

Fürs Publikum sind derlei Blicke hinter die Kulissen einer Branche, die vom perfekten Schein lebt, interessant und bisweilen erhellend – für die Verantwortlichen sind sie dagegen oft höchst unangenehm. Das zeigt das Anfang dieses Jahres erschienene Buch „Inside Tagesschau“ von Alexander Teske, der sechs Jahre lang als ARD-Redakteur für die Planung der Nachrichtensendung zuständig war. Schon der grellgelb hinterlegte Aufdruck „Angepasst. Aktivistisch. Abgehoben“ auf dem Cover weist die Richtung. Gemeinhin gilt die Nachrichtensendung als neutraler, objektiver Beobachter des Tagesgeschehens – ein Image, dem Teske in seiner 296 Seiten umfassenden Schrift widerspricht. So schreibt er, dass Verantwortliche der Sendung immer wieder ihre persönlichen Lieblingsthemen durchsetzen würden: „Nachrichten, die nicht in ihr Weltbild passen, werden von den Chefs vom Dienst kleingeredet und schaffen es nicht in die Sendung.“ Der NDR kündigte an, rechtliche Schritte gegen das Buch zu prüfen, das von Branchenkennern als illoyal und fragwürdig, aber durchaus lesenswert bewertet wird.

Rudi Carrell: Er soll am Set nicht nett mit Mitarbeitern umgegangen sein.

Fragwürdige Tricks von Tierfilmern verriet Karl Lang von der österreichischen Filmtierschule Animal Action Austria im Gespräch mit der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“. So habe er für eine Szene in einer Naturdokumentation, in der es ein Marder auf eine Ringelnatter abgesehen haben soll, die Natter zuvor mit Katzenfutter eingerieben – es klappte, der Marder ging auf das Reptil los.

Eine sehr persönliche Abrechnung erlaubte sich der Entertainer Jochen Busse vor einer Weile, als er über den Alltag hinter den Kulissen der Comedyshow „7 Tage, 7 Köpfe“ (RTL) sprach: Moderator Rudi Carrell sei ein Choleriker gewesen, der beim Team für Angst gesorgt und vielen Menschen wehgetan habe: „Rudi war der Mann mit dem schlechtesten Benehmen, den ich je kennengelernt habe.“

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Ob man solche Plaudereien als Nestbeschmutzung oder als Form des Whistleblowings wertet, liegt im Auge des Betrachters. Der TV-Satiriker Jan Böhmermann jedenfalls entlarvte bereits 2016 fragwürdige Praktiken der RTL-Kuppelshow „Schwiegertochter gesucht“, die damals von Vera Int-Veen moderiert wurde. Er schleuste zwei Schauspieler als Kandidaten ein und zeigte in seiner Sendung „Magazin Royale“, wie die Macher der Show vorgingen: Unter anderem mussten die Fake-Kandidaten vorgegebene Texte nachsprechen und bekamen lächerlich wenig Geld. RTL räumte Fehler ein. Für die „Offenlegung der emotional und wirtschaftlich ausbeuterischen Arbeitsmethoden des TV-Reality-Business“ erhielt das Team um Böhmermann den Grimme-Preis.